15.02.2010 - 13:36 Uhr

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... alles LIEBE, Elfriede... (oh wie recht sie doch hat!)

Text: freiwild

Er rutschte noch einige Male auf seinem Stuhl hin und her, um eine bequemere Sitzposition zu finden, bevor er seine Ausführungen so begann:

Vorlesung über den Nutzen der Mathematik im Alltag
("Die Schönheitsformel")

Erster Teil: Einleitung


Es ist fast schon als Bestandteil der Definition, wenigstens aber als ungeschriebenes Gesetz zu verstehen, dass, wo es eine Gruppe gibt, auch ihren Außenseiter nicht lange zu suchen sind. So gibt es, dem verpöhnten Klischee trotz allem Spott folgsam ergeben, dieses Phänomen des Startrek-Zitate-Schleudernden Informatik-Genies, das in einer feststehenden Welt aus herrlich objektiven, mathematischen und physikalischen Gesetzmäßigkeiten lebt. Eben diesem Umstand ist es dann auch zu verdanken, dass die ansonsten hoffnungslos verkomplizierte Darstellung der erweiterten Infinitisimalrechnung im 3. Semester wenigstens irgendjemand versteht.

Weil also in solch einer Welt ohne jede Bewegung - und Drehung - keine Sonnenaufgänge zu erwarten sind, erscheind es nur logisch, dass der Lebensrhythmus dieser Menschen sich anders orientiert. Diese erkenntnis ist nur deswegen so wenig verbreitet, weil auf alle dahingehenden Fragen völlig richtig und unter zaghaftem Kichern "42" geantwortet wurde.

Was ich lange überhaupt nicht schlimm fand: Ich gehöre dazu. Ja, inclusive Pickeln im Gesicht und einer dicken Brille. Mein Haarschnitt hat höchstens 10 Euro gekostet und sieht aus, als wäre er nicht einmal die wert. Trotzdem hatte ich lange Zeit kein Bedürfnis, daran etwas zu ändern. Es hat auch etwas befreiendes sich zu lustigen Strickpullovern zu trauen. An irgendeinem Punkt kommen aber, das werden hier alle bestätigen können, die weibliche Physis und ihre Reize ins Spiel. Es ist zwar anmaßend den Frauen ihre Psyche abzusprechen, das entsprach aber durchaus den damals mir bekannten Regeln. Als ich also, stolz genug auf meinen Satz des Pythagoras, zu meinem ersten Date aufbrechen wollte, war die Liste der freiwilligen Mispielerinnen sehr kurz. Genau genommen erklärte sich lediglich der alte Kanarienvogel meiner Mutter bereit, und auch das geschah nicht ganz freiwillig. Weil er aber meiner von Pornodarstellerinnen geprägten Kriterienliste nicht entsprach, lehnte ich sein "Angebot" dankend ab - was er, ehrlich getroffen, mit einem Biss in meine Nase quittierte.

Zweiter Teil: Fachliche Ausführungen
(Thesenaufzählung und andere Detailbeschreibungen bei aufkommender Langeweile unbedingt überspringen)


Als Folge dieses Desasters und zur Bekämpfung meiner plötzlich tragischen Umstände entwickelte ich zur Untersuchung meiner Attraktivität den "Zustiegsquotienten". Bei einem Zughalt während einer Bahnfahrt im Regionalverkehr, oder in einer S-Bahn, und ohne Reservierungen gilt es da, die Anzahl der Zusteigenden Fahrgäste zu zählen - und wie viele von ihnen einen Platz im eigenen Abteil benutzen werden.

(Weil aber nicht jeder Platz gleichermaßen Attraktiv ist, liegen der Berechnung einige Thesen zugrunde:

  • Jeder Zugestiegene wird das leerste Abteil am Attraktivsten finden. Das Bedeutet gleichzeitig, dass das eigene Abteil attraktiver wird, wenn es unterdurchschnittlich voll ist (oder umgekehrt, weniger attraktiv wenn es voller ist als die anderen). Das gleiche gilt für die anderen Abteile.

  • Außerdem ist es unwahrscheinlich, dass ein Abteil gewählt wird, wenn man dazu erst an anderen Abteilen, die genau so, oder weniger voll sind als das schließlich bentzte, vorbeigehen muss, weshalb das Verhältnis des Belegungsquotienten im gewählten Abteil zu den Belegungsquotienten in den anderen Abteilen, an denen die Person vorbeigegangen ist ebenfalls eine Rolle spielt.

  • Drittens wird das Abteil bei zunehmender Belegung exponentiell weniger anttraktiv.

  • Je weniger attraktiv der Platz, den die Leute, die sich letztendlich zu einem ins Abteil setzen, im Vergleich zu den der anderen Zusteiger ausgewählten Plätze letztendlich ist, desto anziehender war man letztenendes.

  • Und letztens: Alle Abweichungen, die zum Beispiel durch andere Mitreisende im eigenen Abteil, oder Bekanntschaften unter Reisenden, werden durch die Masse der Erhebungen als amortisiert betrachtet, was, zugegebenermaßen, einen gewissen Spielraum in das Ergebnis bringt - der sich aber mit steigender Anzahl der Erhebungen relativiert.)

    Bereit? Also bitte:



    Und jetzt, meine Lieben, gehen sie hinaus in die Weite Welt und errechnen sie ihren Nerdfaktor. Alles was Sie brauchen sind die Bedeutungen der Variablen, und ein bisschen Übung. Die Übung müssen sie sich selbst aneignen, aber bei den Namen kann ich ihnen helfen:

    k ist der Kuschelfaktor. Der beschreibt, wie viele Menschen in ihrem Abteil sitzen. Der Index gibt jeweils an, worauf k sich bezieht. (k mit d bedeutet also zum Beispiel: Die Anzahl der Menschen im eigenen Abteil beim d. Summenschritt)

    d ist die Anzahl der Menschen die sich im eigenen Abteil dazusetzen. Ich weiß nichtmehr, warum ich die damals d genannt habe. Vielleicht wegen "Dazusetzer". z ist passend die Anzahl der Zugestiegenen, die sich gegen das eigene Abteil entschieden haben.

    w (für Weg, das weiß ich noch) ist die Anzahl der Abteile, an denen ein zugestiegener Fahrgast vorbeigegangen ist, bevor er sich ins eigene Abteil gesetzt hat, so wie es f für diejenigen ist, die woanders einen Platz gefunden haben.

    Dritter Teil: Ein kleines Fazit

    Nun, genug der schnöden Denkerei und hinein in die Praxis. Also dann, meine Damen und Herren, habe ich es versucht. Mich zu untersuchen, und zu bessern, mit dieser hilfreichen Formel. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hatte ich die Verwendung irgendwann im Griff, und jeden Morgen, auf dem Weg zur Schule, und auf dem Weg zurück, sammelte ich munter meine Daten. Sie können sich nicht vorstellen, wie es auf meinem Schreibtisch aussah, während ich versuchte jedes kleine Detail statistisch auszuwerten.

    Jedenfalls ergab es sich, nachdem selbst ich verstanden hatte, dass es hilfreich sein könnte, Kleidung auch mal bei H&M zu kaufen, und nicht nur von der eigenen Mutter blind zu übernehmen, dass sich jemand meiner Züge erwärmte, und bald fand ich mich in einer Beziehung mit Elfriede wieder. In unserer Beziehung war es üblich, Briefe zu schreiben, in denen ich mich wiederum üblicherweise über allerlei mathematische Dinge ausließ - und sie nicht. Grade, als ich sie gefragt hatte, sehr ausschweifend natürlich, welchen Sinn die Mathemathik in unser aller Leben erfülle, antwortete sie mir unbeabsichtigt in der Schlusszeile.

    Sie schrieb: Alles Liebe, Elfriede. Und wusste gar nicht, wie recht sie hatte. Es ist, ganz zwecklos das zu leugnen, manchmal tut man Dinge eben auch einfach der Sache selbst wegen.

    Als ich meine Frau kennenlernte jedenfalls, befand ich mich auf der selbstangelegten Skala in einem Jahrestief.


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    9 Kommentare

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    zauber_fee
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    Mag ich Mag ich nicht

    1

    08.02.2010 - 16:05 Uhr
    zauber_fee

    ähm...sprachlos! *

    SinnundSinnlichkeit
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    Mag ich Mag ich nicht

    2

    08.02.2010 - 16:11 Uhr
    SinnundSinnlichkeit

    These und wiederlegung der selbigen, in einem Text. Find Ich gut. Gott sei dank, hast du sie wiederlegt! Ich stand schon vor dem Problem: Wie behalte Ich den überblick über den Zug? Und wo stehe Ich in der Gleichung, da Ich fast nie sitze, sondern immer Stehe... :)

    sisyphe1
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    Mag ich Mag ich nicht

    1

    08.02.2010 - 18:59 Uhr
    sisyphe1

    einerseits gut, dass sich liebe nicht berechnen lässt, andererseits hätt ich dir den nobelpreis gegönnt...
    aber vielleicht wirds ja mal einer für literatur :-)

    Aporia
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    Mag ich Mag ich nicht

    0

    08.02.2010 - 20:08 Uhr
    Aporia

    zauber_fee sagte: ähm...sprachlos! *

    Kann nur einstimmen.

    Pettersen
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    Mag ich Mag ich nicht

    0

    09.02.2010 - 11:00 Uhr
    Pettersen

    Aporia sagte:
    zauber_fee sagte: ähm...sprachlos! *Kann nur einstimmen.


    ja.

    Digital_Data
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    Mag ich Mag ich nicht

    0

    13.02.2010 - 23:41 Uhr
    Digital_Data

    Sehr kurzweilig und überhaupt nicht langweilig, auch nicht der zwete Teil.

    Digital_Data

    sebastian-mraczny
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    15.02.2010 - 12:59 Uhr
    sebastian-mraczny

    Äh, was?

    Jedenfalls: Empfohlen!

    ThomasCrown
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    Mag ich Mag ich nicht

    1

    16.02.2010 - 15:59 Uhr
    ThomasCrown

    der schluß ist das beste!

    willhimtell
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    Mag ich Mag ich nicht

    0

    16.02.2010 - 23:00 Uhr
    willhimtell

    Toll, ich bin begeistert! Nerdfaktor errechnen, wunderbar...Und der letzte Satz- sehr super.


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