... alles LIEBE, Elfriede... (oh wie recht sie doch hat!)
Er rutschte noch einige Male auf seinem Stuhl hin und her, um eine bequemere Sitzposition zu finden, bevor er seine Ausführungen so begann:Vorlesung über den Nutzen der Mathematik im Alltag
("Die Schönheitsformel")
Erster Teil: Einleitung
Es ist fast schon als Bestandteil der Definition, wenigstens aber als ungeschriebenes Gesetz zu verstehen, dass, wo es eine Gruppe gibt, auch ihren Außenseiter nicht lange zu suchen sind. So gibt es, dem verpöhnten Klischee trotz allem Spott folgsam ergeben, dieses Phänomen des Startrek-Zitate-Schleudernden Informatik-Genies, das in einer feststehenden Welt aus herrlich objektiven, mathematischen und physikalischen Gesetzmäßigkeiten lebt. Eben diesem Umstand ist es dann auch zu verdanken, dass die ansonsten hoffnungslos verkomplizierte Darstellung der erweiterten Infinitisimalrechnung im 3. Semester wenigstens irgendjemand versteht.
Weil also in solch einer Welt ohne jede Bewegung - und Drehung - keine Sonnenaufgänge zu erwarten sind, erscheind es nur logisch, dass der Lebensrhythmus dieser Menschen sich anders orientiert. Diese erkenntnis ist nur deswegen so wenig verbreitet, weil auf alle dahingehenden Fragen völlig richtig und unter zaghaftem Kichern "42" geantwortet wurde.
Was ich lange überhaupt nicht schlimm fand: Ich gehöre dazu. Ja, inclusive Pickeln im Gesicht und einer dicken Brille. Mein Haarschnitt hat höchstens 10 Euro gekostet und sieht aus, als wäre er nicht einmal die wert. Trotzdem hatte ich lange Zeit kein Bedürfnis, daran etwas zu ändern. Es hat auch etwas befreiendes sich zu lustigen Strickpullovern zu trauen. An irgendeinem Punkt kommen aber, das werden hier alle bestätigen können, die weibliche Physis und ihre Reize ins Spiel. Es ist zwar anmaßend den Frauen ihre Psyche abzusprechen, das entsprach aber durchaus den damals mir bekannten Regeln. Als ich also, stolz genug auf meinen Satz des Pythagoras, zu meinem ersten Date aufbrechen wollte, war die Liste der freiwilligen Mispielerinnen sehr kurz. Genau genommen erklärte sich lediglich der alte Kanarienvogel meiner Mutter bereit, und auch das geschah nicht ganz freiwillig. Weil er aber meiner von Pornodarstellerinnen geprägten Kriterienliste nicht entsprach, lehnte ich sein "Angebot" dankend ab - was er, ehrlich getroffen, mit einem Biss in meine Nase quittierte.
Zweiter Teil: Fachliche Ausführungen
(Thesenaufzählung und andere Detailbeschreibungen bei aufkommender Langeweile unbedingt überspringen)
Als Folge dieses Desasters und zur Bekämpfung meiner plötzlich tragischen Umstände entwickelte ich zur Untersuchung meiner Attraktivität den "Zustiegsquotienten". Bei einem Zughalt während einer Bahnfahrt im Regionalverkehr, oder in einer S-Bahn, und ohne Reservierungen gilt es da, die Anzahl der Zusteigenden Fahrgäste zu zählen - und wie viele von ihnen einen Platz im eigenen Abteil benutzen werden.
(Weil aber nicht jeder Platz gleichermaßen Attraktiv ist, liegen der Berechnung einige Thesen zugrunde:
Bereit? Also bitte:

Und jetzt, meine Lieben, gehen sie hinaus in die Weite Welt und errechnen sie ihren Nerdfaktor. Alles was Sie brauchen sind die Bedeutungen der Variablen, und ein bisschen Übung. Die Übung müssen sie sich selbst aneignen, aber bei den Namen kann ich ihnen helfen:
k ist der Kuschelfaktor. Der beschreibt, wie viele Menschen in ihrem Abteil sitzen. Der Index gibt jeweils an, worauf k sich bezieht. (k mit d bedeutet also zum Beispiel: Die Anzahl der Menschen im eigenen Abteil beim d. Summenschritt)
d ist die Anzahl der Menschen die sich im eigenen Abteil dazusetzen. Ich weiß nichtmehr, warum ich die damals d genannt habe. Vielleicht wegen "Dazusetzer". z ist passend die Anzahl der Zugestiegenen, die sich gegen das eigene Abteil entschieden haben.
w (für Weg, das weiß ich noch) ist die Anzahl der Abteile, an denen ein zugestiegener Fahrgast vorbeigegangen ist, bevor er sich ins eigene Abteil gesetzt hat, so wie es f für diejenigen ist, die woanders einen Platz gefunden haben.
Dritter Teil: Ein kleines Fazit
Nun, genug der schnöden Denkerei und hinein in die Praxis. Also dann, meine Damen und Herren, habe ich es versucht. Mich zu untersuchen, und zu bessern, mit dieser hilfreichen Formel. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hatte ich die Verwendung irgendwann im Griff, und jeden Morgen, auf dem Weg zur Schule, und auf dem Weg zurück, sammelte ich munter meine Daten. Sie können sich nicht vorstellen, wie es auf meinem Schreibtisch aussah, während ich versuchte jedes kleine Detail statistisch auszuwerten.
Jedenfalls ergab es sich, nachdem selbst ich verstanden hatte, dass es hilfreich sein könnte, Kleidung auch mal bei H&M zu kaufen, und nicht nur von der eigenen Mutter blind zu übernehmen, dass sich jemand meiner Züge erwärmte, und bald fand ich mich in einer Beziehung mit Elfriede wieder. In unserer Beziehung war es üblich, Briefe zu schreiben, in denen ich mich wiederum üblicherweise über allerlei mathematische Dinge ausließ - und sie nicht. Grade, als ich sie gefragt hatte, sehr ausschweifend natürlich, welchen Sinn die Mathemathik in unser aller Leben erfülle, antwortete sie mir unbeabsichtigt in der Schlusszeile.
Sie schrieb: Alles Liebe, Elfriede. Und wusste gar nicht, wie recht sie hatte. Es ist, ganz zwecklos das zu leugnen, manchmal tut man Dinge eben auch einfach der Sache selbst wegen.
Als ich meine Frau kennenlernte jedenfalls, befand ich mich auf der selbstangelegten Skala in einem Jahrestief.
- Gewichtungen 18.03.2010
- Lovesong 15.03.2010
- Selbstbegegnung 09.01.2010
aber vielleicht wirds ja mal einer für literatur :-)
zauber_fee sagte: ähm...sprachlos! *
Kann nur einstimmen.
Aporia sagte:
zauber_fee sagte: ähm...sprachlos! *Kann nur einstimmen.
ja.
Digital_Data
Jedenfalls: Empfohlen!








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08.02.2010 - 16:05 Uhr
zauber_fee