07.02.2010 - 18:30 Uhr

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„Du kannst mit einem Rekord kein Brot kaufen“

Text: peter-wagner - Fotos: jessemartin.net

Der Australier Jesse Martin segelte vor elf Jahren als 17-Jähriger nonstop um die Welt. Immer mehr junge Segler wollen seine Bestmarke toppen. Warum eigentlich? Ein Gespräch

jetzt.de: Jessica Watson schrieb am 24. Januar in ihr Blog, wie sie während eines Sturms vier „Knockdowns“ hatte (dabei taucht der Mast des Boots ins Wasser/Anm.). Der Text wurde fast 900 Mal kommentiert. Du hast vor zehn Jahren nur einmal wöchentlich einen Artikel für die Tageszeitung in Melbourne geschrieben. Ohne Foto. Würdest du den Trip lieber heute machen? Jesse: Ich frage mich, ob die Tatsache, dass du schreiben und telefonieren kannst, wann du willst, nicht das Besondere des Trips nimmt? Damals bekam ich die Mails meiner Freunde nur alle paar Wochen, gebündelt. Jeder Buchstabe kostete zum Verschicken einen Cent. Deshalb waren alle Leerzeichen ausgelassen und die Wörter eingekürzt. Wie ich mich auf die Post gefreut habe! jetzt.de: Eben habe ich online die Bilder vom „Lionheart“-Trip gesehen und bin bei Nummer Neun hängengeblieben (siehe Fotos, rechts unten). Du schaust verängstigt aus. Was war da?
Jesse:
Das war bei Kap Hoorn. Das Wetter war mies. Eine Welle hatte mich erwischt und ich war komplett nass. Sich warm und trocken halten ist bei solch einem Trip echt das Wichtigste. jetzt.de: Was ist das Schwierigste? Jesse: Du schläfst nie ruhig. jetzt.de: Inwiefern? Jesse: Mit einer Automatik hält das Boot über Nacht zwar den Kurs, aber das funktioniert nur, wenn der Wind gleich bleibt. Nun ist es nicht so schlimm, wenn du auf dem offenen Meer mal vom Kurs abkommst. Gefährlich wird es, weil sich der Winkel ändert, in dem du in die Wellen fährst. Wenn du sehr lange segelst, lernst du den Sound deines Bootes kennen. Du erkennst dann ein Wechseln der Windrichtung und hast das Gefühl: Eigentlich sollte ich aufstehen und mich ums Segel kümmern. Ein Nonstop-Trip bedeutet sowieso, dass du dich ganz besonders um dein Boot kümmern musst. Das Ding muss ja fast ein Jahr ohne Reparatur aushalten. jetzt.de: Hattest du in der Zeit jemals Kontakt zu Menschen? Jesse: Nach der Hälfte der Reise habe ich meine Eltern getroffen. Sie sind mit einem Motorboot neben mir hergefahren und wir haben uns schreiend unterhalten. jetzt.de: Wie lange? Jesse: 40 Minuten. Dann ging dem Boot der Sprit aus. jetzt.de: Au weh. Jesse: Die eigentliche Tragödie war, dass die schon zwei Wochen auf mich gewartet hatten, weil ich spät dran war. jetzt.de: Machen einen solche Reisen weich? Auf deiner Website stehen pathetische Zeilen: „I am lucky, I have my own god. I can explain him my own way and I don't have to borrow him from anyone.“ Jesse: Ich habe viel gebetet. Immer wenn ich Scheiss-Wetter hatte, habe ich gebetet. Und ich bin durchgekommen. Du kannst das nennen, wie du willst. Aber diese Macht, die ich da gefühlt habe, möchte ich nie mehr missen.
Diese Aufnahme entstand während der zweiten Reise, die zu dem Dokumentarfilm "5 lost at Sea" führte. jetzt.de: Was glaubst du: Ist die Lust auf Rekordjagden Teil des Menschen? Jesse: Ich glaube eher, es liegt in der Natur der Menschen, bei dieser Jagd zusehen zu wollen. Selbst bei Kolumbus war es so: Wenn sich niemand für seine Reise interessiert hätte, dann hätte er sie nie machen können. Der Rekord selbst war für mich keine große Sache. Du kannst mit einem Rekord keine Milch und kein Brot kaufen. jetzt.de: Du hast wegen deines Trips die Schule nicht beendet und auch keine Ausbildung gemacht. Bereust du das? Jesse: Mir ist die Lebenserfahrung wichtiger. Ich habe mit meinen Abenteuern Geld verdient und Geld verloren – ich habe sogar mehr verloren als gewonnen. Ich bin also 28 Jahre alt und habe Schulden. Das ist mein Leben und ich möchte es nicht tauschen. jetzt.de: Nehmen wir an, du hast später mal Kinder. Was aus deinem Leben willst du ihnen weitergeben? Jesse: Meine Mutter hatte damals einen Kredit aufgenommen, um das Boot für mich zu kaufen. Sie wollte den Sponsoren zeigen, dass wir es ernst meinen – dabei hatte sie keine Ahnung vom Segeln. Sie kann nicht mal schwimmen. Wenn ich Kinder habe, will ich es genauso machen: Ich werde sie ermutigen, rauszugehen. Das war das Geschenk meiner Mutter. Sie hat mir die Dinge nie erklärt. Sie hat mich die Welt selbst entdecken lassen.
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peter-wagner

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.


München