05.02.2010 - 18:30 Uhr

1 10 Über Twitter weiterempfehlen

Auf dem Banana Pancake Pfad 3: Die Hängengebliebenen

Text: philipp-mattheis - Illustrationen: katharina-bitzl

Ein Netz aus Trampelpfaden und Hotels umspannt den Planeten. Man nennt es den „Banana-Pancake-Pfad“. Weil alle, die auf ihm unterwegs sind, etwas gemeinsam haben. Wir reisen jede Woche auf ihm.

Etwas roch streng; modrig, faulig, nach matschigen Mangos. Ich sah auf den kleinen Tisch, auf dem sich Bierflaschen drängten und um Platz mit einem Aschenbecher kämpften, in dem sich wiederum Zigarettenstummel drängten. Dann versuchte ich auf dem Boden etwas zu erkennen, das Licht war schwach, aber eine matschige Mango lag dort nicht. Bis auf diesen Mango-Matsch-Geruch war nämlich alles verdammt nah dran an der Perfektion. Links streckten sich die Ausläufer des Himalaya in die Höhe, rechts spiegelte ein großer See die vorüber ziehenden Wolken und überhaupt war der Himmel so nah, dass man Angst bekam, er können einem auf dem Kopf fallen. Wenn man zuviel geraucht hatte. In Liz’ Bar, die eigentlich mehr Garten als Bar war, saßen nur Leute, die zuviel rauchten. Ab und zu sagte einer: „Ah, der Himmel. Er ist so nah, hoffentlich fällt er nicht runter.“ Außerdem strich eine Katze um unsere Beine und wenn wo Katzen sind, ist es meistens gut.
Es war bereits der vierte Abend bei Liz. Liz lachte die ganze Zeit und hatte aber sehr schlechte Zähne. Der erste Abend war spannend gewesen. Am zweiten Abend saßen dieselben Leute rund um den kleinen Gartentisch. Am dritten Abend begrüßten wir uns mit Namen und am vierten war alles so, als hätten wir zusammen die Hälfte unseres Lebens hier verbracht. Da war Dylan, ein Australier mit meterlangen Dreads, der hier seit vier Jahren lebte. Ein Spanier, dessen Name ich vergessen habe, aber er hatte auch Dreads. Ein Amerikaner namens John, der seit zwei Jahren hier war und Matthias, ein Deutscher. Es gibt Plätze auf der Welt, die sind so perfekt, dass Reisende dort hängen bleiben. Zum Beispiel San Pedro, in Guatemala, Ko Phangan in Thailand früher mal, Indien ist sowieso voller solcher Plätze und eben auch Dali in Südwestchina. Es gibt an diesen Plätzen meistens einen See oder ein Gebirge – am besten beides. Die Landschaft ist so geil, dass man mehrere Stunden des Tages nur mit Schauen verbringen kann. Es muss billig sein, sonst kann man sich das Hängenbleiben nicht leisten und idealerweise sollten Cannabisprodukte im Überfluss erhältlich sein. (In Dali war das Business in den Händen alter Frauen, die in ihrer einheimischen Tracht und gebrochenen Englisch das Zeug an Touristen verkauften). Die Hängengebliebenen bilden dann eine kleine Community, die sich untereinander kennt, sich streitet und abwechselnd miteinander Beziehungen hat. Sie haben fast immer Dreads oder eine Glatze auf dem Kopf. Als Reisender auf solche Plätze zu treffen ist großes Glück. Von den Hängengebliebenen wird man nämlich sehr schnell aufgenommen. Sie sind ihrer kleinen Gruppe überdrüssig, lästern übereinander und sehen im Neuankömmling einen potenziellen Verbündeten. Die Hängengeblieben sind freilich ein wenig verlottert und ihre Synapsen vom THC verklebt, aber alles in allem handelt es sich fast immer um sehr freundliche, sympathische Zeitgenossen, die ein bisschen verrückt sind (aber das fällt einem immer erst später auf). Und alle haben eine besondere Geschichte. Matthias’ Geschichte ging so: Er arbeitet in Berlin als Psychotherapeut in einem Behindertenheim. Es läuft ganz gut, wie es eben läuft, wenn man ein paar Jahre denselben Job macht: ein bisschen gut, ein bisschen langweilig. Eines Tages kriegt er mit, dass ein geistig und körperlich behindertes Mädchen von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht wurde. Matthias kriegt einen Rappel, kommt selbst in die Psychiatrie und als er nach sechs Wochen wieder draußen ist, verkauft er alles, was er besitzt und geht los. Richtung Osten. Er geht zu Fuß sechs Monate durch Russland, die Mongolei und China. In Dali bleibt er schließlich hängen. Am Fuß des Berges hat er sich ein Haus gebaut, in dem lebt er seit fünf Jahren. Ab und zu verkauft er Schmuck an Touristen. Als Matthias mir von der schwierigen Beziehung von seinem Vater erzählen wollte, als er schon Tränen in den Augen hatte, kam Dylan und fragte, ob ich mitkommen wolle, in den „Bad Monkey“. Ich ging mit und auf dem Weg zu der Bar baumelten Dylans meterlange Dreads vor mir und ich wusste, was die ganzen vier Abende nach matschiger Mango gerochen hatte. ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ Folge 1 der Kolumne liest du hier: Die Gleicheit der Individualisten und Folge 2 der Kolumne liest du hier: Indien, Stahlbad der Backpacker


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
philipp-mattheis
Mehr Texte zum Label
Banana-Pancake
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
10 Kommentare

speichern
marphine
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

05.02.2010 - 19:07 Uhr
marphine

vielleicht hat er sich die dreads mit mango-körperbutter eingeschmiert? oder sie gegessen? (oder auf einen bagel geschmiert)

Shorebilly
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

05.02.2010 - 20:09 Uhr
Shorebilly

"Zum Beispiel San Pedro, in Guatemala..."

perfekt ist da gar nichts. das ist einfach nur ein sammelbecken fuer den dauerbenebelten auswurf der westlichen gesellschaften, nichts weiter.

nordzucker
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

06.02.2010 - 09:14 Uhr
nordzucker

zum text gehoeren noch:

-alt gewordenen haengenbleiber: (die machen mir immer problem. da hoere ich dann immer so ein tick-tack-tick-tack in meinem kopf. also in meinem eigenen kopf- es geht mir ja nicht um die leute)

-gestrandete haengenbleiber: schnorrer, die von den einheimischen als unabaenderlich, naturgesetzlich vorgeschrieben, reiche weisse goetter betrachtet werden aber ohne geld gestrandet sind und das letztlich auch wissen. versuchen von anderen weissen goettern geld zu bekommen.

- warum denn nicht, mach doch auch, wer braucht das alles schon, ist doch alles keine problem- haengengebliebend: von dennen man dann im laufe des abends doch noch von der vaeterlichen firma und den drei mietsobjekten in der muenchner innenstadt hoert, die man dann ja mal erben wird.

-geschaeftstuechtige haengenbleiber: die machen gute geschaefte mit den weissen reisenden goettern, sind sich aber schon bewust,das es zu einem sehr guten leben vor ort, aber schwer fuer eine rueckkehr- weiterreise reicht. (wollen sie vielleicht auch gar nicht)

die wenigen, bei denen es "wirklich richtig" geklappt hat, wird man wohl eher nicht kennenlernen.
und aendert mal diesen bloeden namen: banana pancake pfad. das klingt ja so, als ob oettinger englisch sprechen wuerde.

froelich
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

06.02.2010 - 11:30 Uhr
froelich

Ach, da schreibt mir jemand aus der seele... bin oft und gerne auch heute noch an solchen plätzen...
Danke für den artikel und: weiter so ;-)

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

06.02.2010 - 11:35 Uhr
froelich

ps: lieber irgenwo in der welt an einem schönen ort hängen bleiben als hier einer frustrierenden, langweiligen sinnlosen arbeit nach zu gehen und langsam aber sicher zu versauern weil alle träume der jugend sich in luft auflösten - zum grösten teil aus feigheit und angst vor dem verlust der "bürgerlichen anerkennung"... wünsche ien angenehmes wochenende

Mellie78
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

15.02.2010 - 10:46 Uhr
Mellie78

froelich sagte:
ps: lieber irgenwo in der welt an einem schönen ort hängen bleiben als hier einer frustrierenden, langweiligen sinnlosen arbeit nach zu gehen und langsam aber sicher zu versauern weil alle träume der jugend sich in luft auflösten - zum grösten teil aus feigheit und angst vor dem verlust der "bürgerlichen anerkennung"... wünsche ien angenehmes wochenende


Also lieber geh ich nach einem frustrierenden und langweiligen und sinnlosen Arbeitstag nach Hause, anstatt irgendwo in einem Land wo zwei Drittel der Menschen unter der Armutsgrenze leben "hängenzubleiben", mir einen anzukiffen und darüber zu philosophieren wie supergeil anders ich jetzt bin. Wenn es der Traum deiner Jugend ist hinter einem Typen herzulatschen dessen meterlange Ekel-Dreadlocks nach Mangobutter riechen, dann bitte.

erbschen
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

05.04.2010 - 05:32 Uhr
erbschen

ha, sehr schön.
man muss das ganze mit einem augenzwinkern lesen @nordzucker. banana pancake - http://en.wikipedia.org/wiki/Banana_Panc...
- so heisst das nunmal.

nordzucker
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

06.04.2010 - 11:08 Uhr
nordzucker

@erbschen:
die reden dort von einen banana pancake trail, nicht von einem banana pancake pfad.
nachdem es nicht alleine um einen pfad, noch alleine um eine bestimmte geschmacksrichtung von pfannkuchen geht sondern der begriff nur zusammen den besonderen sinn ergibt find ich es verwirrend auf halben weg innerhalb eines begriffes in deutsche zurueckzuwechslen.
kindest gruesse, nordz.

zabaitzu
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

06.05.2010 - 09:31 Uhr
zabaitzu

nordzucker sagte:
@erbschen:
die reden dort von einen banana pancake trail, nicht von einem banana pancake pfad.


das ist doch haarspalterei.

bertinho
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

03.11.2011 - 12:38 Uhr
bertinho

könnteman mir bitte eine liste der plätze mitteilen oder übermitteln damit ich dorthin nicht hinfahre denn ich kann diese TOURISTEN einfach nicht mehr sehen.
schon vor jahren habe ich zu einem bekannten gesagt , die sextouris in pattaya sind mit beim gesaess lieber als diese typen.
zum kotzen das alles
aber die artikel sind gut geschrieben.....
h_scheffer at hotmail.com


Speichern

Jetzt-Mitglied

philipp-mattheis unbekannt

philipp-mattheis

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.