03.02.2010 - 18:30 Uhr

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Freunde-Katalog. Heute: Der Freund, der keiner sein will

Text: fabian-fuchs - Illustration: Katharina Bitzl

Würde man sich selber gerne als Freund haben wollen? Klar! Aber warum wollen dann andere manchmal nicht?

Ich lernte Jonas bei einem Interview kennen, das ich mit ihm führte, weil er Produktdesigner war und als solcher gerade einen Nachwuchspreis gewonnen hatte. Er war zwei Jahre älter und seine Entwürfe fand ich unheimlich interessant. Jonas selber war wahnsinnig nett und lustig, das Interview dehnten wir in seiner Werkstatt nahtlos auf ein abendliches Trinkgelage aus und unser Gespräch war dabei bis spät beseelt vom Gleichklang und gegenseitigem Wohlwollen. Ich ging inspiriert und froh über diesen geistreichen Abend den ganzen Weg zu Fuß nach Hause, vier U-Bahnstationen, und erzählte meiner Freundin ausführlich wie toll es war und dass sie ihn unbedingt auch kennenlernen müsste. Es kam mir vor, als hätte ich lange nicht so viel kreativen und klugen Input gehabt und war dankbar dafür. Solche Freundschaften schwebten mir vor, bei denen man sich gegenseitig vorantreibt mit Begeisterung und Enthusiasmus. Vielleicht war ich auch so glücklich, weil das Freundefinden mit dem Älterwerden irgendwie ein wenig nachlässt. Man lernt zwar schon noch ständig Leute kennen, aber entweder ist die Zeit zu knapp oder die Notwendigkeit nicht mehr klar - jedenfalls sind kaum mehr richtige Freunde dabei. Die richtigen, das sind die aus der Schule, aus der Köln-WG, aus der Band. Alles lange her. Aber jetzt, mit Jonas, hatte ich so ein unerschöpfliches Gesprächsthema und so viele Horizonte abgesteckt, das musste einfach intensiviert werden. Am nächsten Tag schickte Jonas eine Mail, dass wir das doch dringend wiederholen sollten und das taten wir auch, zwei Wochen später. Am liebsten wäre ich wieder in seine kleine Hinterhofwerkstatt gekommen, ich fand es super dort zu sitzen, an dem überlangen Tisch den Jonas sich selber gebaut hatte, umgeben von Stuhlskeletten und Holzproben. Das war so ehrlich und für mich irgendwie ein Privileg. Aber Jonas wollte in eine Kneipe, also trafen wir uns da. Wieder sprachen wir über Design, wobei er auf diesem Feld natürlich schon viel weiter gedacht hatte als ich, deswegen hinkte ich mit meinen Beiträgen diesmal etwas hinterher. Noch vor zwölf wurden die Gesprächspausen größer und wir sahen uns müde an. Immer noch wusste ich fast nichts über ihn, jenseits seines Berufes, nicht mal ob er eine Freundin hatte. Es hatte sich nicht ergeben, ihn danach zu fragen, während ich aber schon großzügig über meinen Job, den Streit mit meinem Vater und die Magisterarbeit meiner Freundin erzählt hatte. Ich lag offen vor ihm und es fühlte sich gut an. Das Interview mit ihm erschien bald darauf und Jonas bedankte sich sehr dafür, fand es gut gelungen.
Drei Wochen später feierte ich Geburtstag mit einer Party, bei der ich alle Freunde und Bekannten eingeladen hatte, die in der Stadt waren. Ohne zu Zögern schickte ich auch an Jonas eine Einladung und freute mich sehr auf sein Kommen. Jonas sagte ab, hatte keine Zeit. Das schrieb er aber erst zwei Tage nach der Party. Keine große Sache, kann ja immer passieren, ich fand es nur insgeheim so schade. In der Folgezeit schickte ich ihm manchmal Artikel, die ich interessant fand, gratulierte ihm am Telefon, als er ein Stipendium der Stadt bekam und besuchte ihn schließlich am Tag der Offenen Werkstätten, den das Viertel veranstaltete. Durch den Raum, in dem wir vor zwei Monaten einen fabulösen Abend hatten, schleusten sich jetzt die Besucher und Jonas erklärte ihnen seine Entwürfe und Arbeitsschritte. Als er mich sah, winkte er, gab mir die Hand und entschuldigte sich gleich wieder im Weitergehen, weil so viel los war. Auch das war irgendwie klar, aber trotzdem hatte ich gedacht, dass ich bei diesem öffentlichen Termin ein wenig privater empfangen würde. Immerhin... ja, was eigentlich? Hatte ich überhaupt schon freundschaftliche Rechte an ihm? Auf dem Heimweg in der U-Bahn kam mir an diesem Abend zum ersten Mal die Idee, dass diese Bekanntschaft vielleicht mit zwei ziemlich unterschiedliche Euphorien getroffen wurde. Während ich Jonas im Geist schon zu meinem Freundeskreis zählte, kam mir sein Entgegenkommen nun eher vage vor. Seine Antworten auf meine Mails waren einsilbig und trafen drei Tage später ein. Seit unserem zweiten Trinkabend hatte er keine weiteren Treffen vorgeschlagen. Wären wir ein Liebespaar gewesen, wären das recht eindeutige Anzeichen. Aber unter Jungs, die sich einmal doch so hervorragend verstanden hatten? Wir mussten doch Freunde werden! Ich wollte es nicht anders fassen. Ich wollte diese Freundschaft. Klar überdachte ich im Anschluss an diese unangenehmen Gedanken mich selber. Wie war ich eigentlich als Freund? Welchen Mehrwert hatte ein lockeres Zusammensein mit mir für andere? War ich dabei langweilig, verkrampft, irgendwie unecht - also all die Dinge die ich mir ganz im Stillen manchmal vorwarf? Oder hatte ich etwas Falsches gesagt? Jetzt erschienen mir meine Witze und Sprüche an jenen Abenden als unvorsichtige Lockerheiten, mit denen ich vielleicht alles ruiniert hatte. Konnte das sein? Konnte es wirklich sein, dass ich vielleicht selber kein Mensch war, mit dem ich gerne befreundet wäre? Eine sehr unbequeme Überlegung. Übervorsichtig ließ ich den Kontakt zu Jonas ruhen, konzentrierte mich in den nächsten Wochen auf meine alten Freundschaften, versuchte dabei immer zu ergründen, wie sie funktionierten und warum, was beide Teile dazu gaben. Zum Glück war da alles wie üblich, die Freunde freuten sich ehrlich, mich zu sehen und ich war einfach wie immer, weil ich gar nicht anders sein konnte. Jonas meldete sich irgendwann wieder und fragte, ob ich eine Ankündigung für eine Vernissage in der Zeitung unterbringen konnte. Er würde sich auch freuen, mich endlich wieder zu sehen, stand da als letzter Satz. Unterbringen konnte ich nichts, aber ich besuchte die Vernissage. Jonas und ich plauderten fröhlich, aber ich merkte, dass er mich nach Sachen fragte, die ich ihm längst erzählt hatte. Er hatte sie vergessen, genau wie ich immer vergesse, was die beiden netten Mädchen aus der WG in der Nachbarwohnung studierten. Es ist dieses Bekanntenwissen, dass man eben immer wieder im Smalltalk auffrischt, wenn man sich alle zwei Monate mal sieht. Freundewissen geht anders, da muss kaum aufgefrischt werden, stattdessen kann man direkt an der Stelle weiterreden, an der man sich das letzte Mal verabschiedet hat. Mit Jonas und mir sollte es nicht so sein, obwohl ich immer noch gerne seinen Blog lese und seine Entwürfe stolz vorzeige, wenn sie irgendwo abgebildet sind. „Das ist so ein Designer, den ich recht gut kenne.“ sage ich dann und immer zwickt es dabei in der Magengegend. Kumpel, hätte ich so gerne gesagt. ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ Der verstoßene Freund Der beste Freund Die neue Freundin Alle Texte findest du im Label Elf Freunde


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keos
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Mag ich Mag ich nicht

2

04.02.2010 - 08:58 Uhr
keos

ja, sehr schöner text.
ich glaube, gerade weil man als erwachsener andere ansprüche an freundschaften hat, ist es schwieriger, passende menschen zu finden. und wenn man sie dann gefunden zu haben glaubt und die andere seite sieht das offenbar anders, dann tut das weh.

suesswarenabteilung
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Mag ich Mag ich nicht

0

04.02.2010 - 09:45 Uhr
suesswarenabteilung

11freunde verwirrt mich. das ist doch fußball?

eisengrau
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Mag ich Mag ich nicht

2

04.02.2010 - 15:18 Uhr
eisengrau

Oh ja, manches im dem Text kommt mir auch bekannt vor.

Ob es ab einem gewissen Alter vielleicht helfen würde, gemeinsam etwas zu machen, wo man nichts reden muss, und Statusunterschiede keine Rolle spielen? Kickern zum Beispiel oder Schach spielen oder Angeln.

sheherazade208D
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Mag ich Mag ich nicht

4

04.02.2010 - 15:41 Uhr
sheherazade208D

Das soll jetzt nicht blöd klingen, aber ich kenne beide Seiten. Manchmal will man unbedingt mit jemandem befreundet sein, aber der will nicht, und manchmal will irgendjemand mit einem befreundet sein, und man selbst will aber nicht. Im letzten Fall: was macht man da? Soll man laut sagen: "hey, pass ma auf, ich merke, ich will gar nicht mit Dir befreundet sein!"? Natürlich nicht. Manchmal ist mir meine Zeit einfach zu schade, sie mit jemandem aus reiner Höflichkeit zu verbringen, außerdem führts ja auch zu nichts. Aber das sollte man als "abgelehnter Freund" nicht persönlich nehmen. Das ist doch was total Menschliches, dass nicht jeder mit jedem kann und will.

Zum Glück sind diese Zeiten aber vorbei, wo ich jemand hinterher renne oder mir jemand.

Und Leute die gaaaaannnnzzzzzzzzzzzzzzz viele Freunde haben, sind mir auch ziemlich suspekt.

Zum Artikel selbst: sehr gut geschrieben und er hat etwas getroffen, das viele kennen. Und hier ist es eben schön dargestellt und ausformuliert. Danke dafür. Hab ich gerne gelesen.

Renaissance_Man
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Mag ich Mag ich nicht

2

04.02.2010 - 19:55 Uhr
Renaissance_Man

sehr guter artikel. ich finde es wird viel zu selten über freundschaften bzw. ihre anbahnung geredet/geschrieben und zu oft über beziehungen. dabei finde ich, dass mit dem alter das ersteres schwieriger und letzteres leichter wird. bin vor kurzem zweck studium umgezogen und merke gerade selbst, wie schwierig es eigentlich ist, echte freunde zu finden und dass man einen großen freundeskreis nicht als selbstverständlich sehen kann..

burgermgr
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Mag ich Mag ich nicht

0

07.02.2010 - 13:59 Uhr
burgermgr

Ich finde, dass wir auch viel öfter aneinander vorbeireden, als uns überhaupt bewusst ist.
Selbst für zwei Menschen, die sich schon eine lange Zeit kennen, und viel Umgang miteinander pflegen, kommt es sehr oft vor, dass die Haltung des Anderen schwer zu begreifen ist.

Genau so merke ich, dass Leute, die schon viel von mir wissen sollten, sich noch über viele einfach typische Verhaltensweisen oder Lebenseinstellungen von mir wundern. Manchmal macht mich das etwas traurig und ich frage mich, wie sehr sich die Leute aus meinem Umfeld eigendlich bemühen, um mich zu verstehen.
Aber dass ist Umgekehrt sicher auch der Fall. Ich weiß, dass ich mich für manche Leute nicht so besonders interresiere und sie daher auch nicht sehr gut beobachte.

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