01.02.2010 - 18:30 Uhr

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„Geh aus mein Herz und suche Freud“

Text: anna-kistner - Fotos: Maria Dorner

Fritz Spengler kann so hoch singen wie sonst kaum einer – der 19-jährige Niederbayer ist ein Countertenor. Die Geschichte eines ziemlich erfolgreichen Außenseiters

Fritz ist keiner, der die Augen schließt, um seinen Tönen besondere Empfindungen mit auf den Weg zu geben. Er ist kein Musikschul-Streber, der über das Parkett schwebt ob seiner hochkulturellen Überlegenheit. „Hochnäsigkeit ist immer ein Zeichen fehlender Reife“, sagt Kjellaug Tesaker. Wer mit Fritz zusammen durch Salzburg läuft und seine Schuhe für einen Moment außer Acht lässt, wer sieht, wie herzlich er sich mit dem Mann am Gemüsestand, der Frau im Schnellrestaurant und dem Flaschensammler am Hauptbahnhof unterhält, bemerkt, dass Fritz vor allem eines ist: ziemlich bodenständig. Auch im Klassik-Gewerbe ist er also möglicherweise eine Ausnahme. Bei seiner Geburt lief Mozarts „Zauberflöte“ Ein „seltsames Kind“ sei der Fritz gewesen. So formuliert es seine Mutter. Eines, das mit anderen Jungs niemals Playmobil oder Fangen spielte. Eines, das schon beim Kinderfasching der schräge Vogel war, weil natürlich keines der Kleinkinder den Papageno aus Mozarts Zauberflöte kannte, als der sich Fritz verkleidet hatte. Fritz war ein Kind, das die Decke übers Bügelbrett warf, den Vorhang aufzog und los sang. Ein Kind, das nach nur sechs Monaten auf der Domsingschule, als Solist beim Sommerkonzert auftreten durfte und ein Lied sang, das dem Vater heute noch die Tränen in die Augen treibt. „Geh aus mein Herz und suche Freud“ lauteten die ersten Zeilen. Gabi Spengler, Fritz’ Mutter, ist Inhaberin eines Buchhaltungs- und Lohnsteuerhilfe-Beratungsbüros. Detlef Spengler, Fritz’ Vater, war bis zu seiner Pensionierung selbständiger Außendienstbeauftragter einer Versicherung. Andreas Spengler, Fritz’ Bruder, macht in Passau seinen Master in Medien- und Kommunikationswissenschaften und legt in seiner Freizeit gerne Hip-Hop-Platten auf. Gabi Spengler singt zwar im Chor und Detlef Spengler ist Vorsitzender der Deutsch-Italienischen Gesellschaft, aber wenn sich der Vater als „völlig unmusikalisch“ bezeichnet, die Mutter bei jedem Chorauftritt „vor Lampenfieber stirbt“ und der Bruder an Heilig Abend die „Stille Nacht“ nur vom Text her zusammenbringt. Dann kann man wirklich nicht sagen, dass dem kleinen Fritzi das Singen in die Wiege gelegt wurde. Wobei: Während seiner Geburt lief die Zauberflöte. Als Schmerzmittel gegen die Wehen. Vielleicht ist das eine Erklärung.
„Ich habe mich dann schon gewundert, dass der Fritzi mit 16 noch Knabensopran singt“, erzählt Gabi Spengler. Dass es Countertenor überhaupt gibt, wusste sie bis vor ein paar Jahren gar nicht. Damals sang Fritz bei dem bekannten Münchner Staatsoper-Tenor und Gesangslehrer Saverio Suarez-Ribaudo vor. Heute ist er sein Lehrer, Berater und irgendwie auch Beschützer – ein väterlicher Freund, während Fritz leibliche Eltern als „größte Stütze in meinem Leben“ oft nur am Telefon für ihn da sein können. Suarez-Ribaudo erkannte als erster Fritz’ Talent als Countertenor. In einer der ersten Gesangsstunden sagte er seinem Schüler: „Wer Counter singen will, muss kämpfen können.“ Was er meint, wird klar, als der nächste Sänger sein Atelier betritt. Es ist ein Mann mit tiefer Stimme und Vollbart, der Fritz auf die Schulter klopft und ihn mit großem Gestus „el grande Fritzi“ nennt. Natürlich ist das nett gemeint. Sein Lachen hallt trotzdem nach. „Wer sich beschwert, kann es eigentlich auch gleich lassen“, sagt Fritz. Er beschwert sich nicht. Seine Tage beginnen morgens um 6 Uhr und können nachts in einem Fastfood-Restaruant am Münchner Hauptbahnhof enden. Konzert-Proben werden um eine Stunde überzogen und wenn dann die Dirigentin zum fünften Mal die Frau am Begleitinstrument mahnt, den Takt aus einer Viertel- und nicht aus einer Achtelempfindung heraus zu starten, kann es sein, dass Fritz auf einem dieser staksigen Metallstühle zusammensinkt, für einen Moment die Augen schließt, und gähnt. Das Schlimmste am Beruf des Sängers sei das Alleinsein, sagt Fritz. Er erzählt das ziemlich nüchtern. Das schöne Hotelzimmer, in dem man als Sänger nach dem Konzert alleine ankommt, alleine einschläft und am nächsten Morgen wieder einsam aufwacht. In zehn Jahren möchte Fritz ganz gerne einen Stückvertrag an einer großen Oper haben. Pro Auftritt kann ein gefragter Solist fünfstellige Beträge verlangen. „Natürlich weiß man nie, ob man es schafft“, sagt Fritz. Musikalität, Willen, Kraft, Durchsetzungsvermögen, Gesundheit, psychische Stärke und seelische Empfindsamkeit – all das unterscheidet einen sehr guten Sänger von einem guten Sänger. Fritz’ Gesangslehrerin in Salzburg drückt es so aus: „Vor allem muss es einen sehr großen Hunger nach Singen geben.“ Und ja, Aussehen sei manchmal auch wichtig. Vielleicht muss die Bonbon-Schatulle auf Fritz’ Wohnzimmertisch, vielleicht müssen die Marmeladengläser von Mutter im Kühlschrank dann eines Tages weichen. Vielleicht bleibt Fritz aber auch einfach anders. Anders als der feingliedrige Countertenor und Klassikstar Philippe Jaroussky zum Beispiel, der sich auf dem Booklet zu seiner CD „Heroes“ schon sehr in den Fotostudio-Wind stemmen muss, um nicht umzukippen.
„Ich halte nichts von bequemen Schuhe“ Selbstvertrauen, um sich gegen die Konkurrenz zu behaupten, hat Fritz genug. Als er im Schauspiel-Kurs am Mozarteum einen Liebestollen spielen soll und von dem Lehrer gefragt wird, in wen er verliebt sei, antwortet er ohne Arroganz und ohne zu überlegen: „In mich selbst.“ Wenn Fritz also am Mittwoch im Gasteig den ersten Ton seiner Reutter-Arie anstimmt, und wenn dann ein leichtes Raunen durch den kleinen Konzertsaal wehen wird, kann es sein, dass Fritz ein kurzes Lächeln über das Gesicht huscht. Natürlich ist es einfach, sich über ihn lustig zu machen. Es ist einfach, ein „Sex and the City“-Poster an seiner Zimmertüre seltsam zu finden. Es ist einfach, sich über seine Porzellan-Sammlung zu wundern. Es ist einfach, einen Mann komisch zu finden, der Marie Antoinette faszinierend findet. Ziemlich schwierig ist es dann aber trotzdem, seinen Gesang nicht herrlich zu finden. „Ich halte nichts von bequemen Schuhen,“ sagt Fritz als er am Abend nach der letzten Probe müde durch den Schnee wankt. Er meint das eigentlich gar nicht zweideutig. Er geht eben seinen Weg. Auch wenn er der einzige Mensch sein sollte, der dabei rote Lacklederschuhe trägt. Das Schönste am Singen, sagt Fritz, sei die Stille nach dem Schluss. Diese drei Sekunden Schwerelosigkeit zwischen dem letzen ausklingenden Ton und dem ersten einsetzenden Applaus. Fritz Spengler singt am 3.2.2010 um 18 Uhr im Kleinen Konzertsaal des Münchner Kulturzentrums Gasteig.
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ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.