Die Mailfrage: Brauchen wir noch den Abwesenheitsassistenten?
Text: peter-wagner
Du kannst Menschen, die dir eine Mail schicken darüber informieren, dass du angeblich eine Zeitlang nicht in deinen Account schaust. Aber ist diese Funktion nicht antiquiert? Ein Fall für Zwei zur Anwesenheit
"Ich bin nicht abwesend", sagt Peter Wagner. "Warum soll ich dann so tun, als ob?"
Im vergangenen Sommer saß ich vor meinem Urlaub vor meinem Mailprogramm und versuchte mich an einer Zeile zur Abwesenheit. Ich habe sie gespeichert und mir eine Mail zugeschickt und die Wirkung der Out of Office Reply betrachtet. Ich fand sie lächerlich, weil ich wusste, dass ich auch im Urlaub meine E-Mails lesen würde. Ich fand sie lächerlich, weil ich mit dieser Zeile ein Rausfallen aus der Zeit simulierte. Ich fand sie lächerlich, weil ich an die ganzen Menschen denken musste, von denen ich häufig erst eine Abwesenheitsmail als Antwort bekomme, um fünf Minuten später mit einer sehr anwesenden Antwort erfreut zu werden.
Ich habe das mit der Abwesenheitszeile gelassen.
Kurz nach dem Urlaub lag ein neues Telefon auf meinem Tisch, auf dem man Mails lesen und beantworten kann. Seit ich dieses Ding habe, ist vieles anders. Ich lese Mails, wie ich SMS lese. Angenehme Post beantworte ich gleich. Mails, die eine Lösung von mir erwarten, versuche ich mit einer Lösung zu beantworten - egal, wo ich bin. Manchmal schreibe ich auch, dass ich die Mail gelesen habe und mich melden werde, wenn ich mich für arbeitsfähig halte. Manchmal schreibe ich auch gar nichts.
Ich habe meine Zeit gebraucht, um diesen neuen Zustand von Erreichbarkeit zu begreifen. An manchen Tagen mit dem Telefon kam es mir so vor, als würde in meinem Kopf etwas zittern. Eine Form von Nervosität hatte mich beschlichen, ausgelöst durch die Annahme, dass sich mein Leben nun tatsächlich minütlich ändern konnte – durch eine blöde Mail in meinem Telefon zum Beispiel. Vielleicht aber auch durch eine gute, meinetwegen sogar durch eine inspirierende Mail.
Mittlerweile klingt das Zittern in meinem Kopf ab. Mittlerweile hat mein Hirn einige Synapsen umgestöpselt und begreift Mails nicht als Angriff auf meine Ruhe, sondern als neuen Teil meines Lebens. Ich ärgere mich nicht mehr darüber, dass ich an Samstagen Arbeitsmails beantworte. Jeder Selbständige macht das genauso. Jeder Selbständige denkt auch in seiner Freizeit darüber nach, wie er sein Geschäft besser machen kann. Genauso wie Künstler sich auch nach dem Abendessen nicht gegen eine Idee für ihr Tun wehren. Deshalb bleibt mein Abwesenheitsassistent unbenutzt. Schließlich gehe ich auch nicht mit einem Schild durch die Fußgängerzone: „Bin nicht ansprechbar. Habe Urlaub.“
Warum Stefan Winter vehement für den Einsatz des Abwesenheitsassistenten ist, liest du auf der nächsten Seite.