"In guten wie in schlechten Zeiten" oder Egoismus und Beziehungsintelligenz
Wieder einmal ein Beziehungstext, der seinen Ursprung in einer längeren Diskussion hier hat. Ich benutze diese Diskussionen auch dazu, um zu lernen wie ich meine Theorien, Ideen und Konzepte besser vermitteln kann. Ich werde es diesmal anonymisieren, um etwas die Härte aus der Diskussion zu nehmen. Etwas was mir immer wieder von einer Userin vorgeworfen wird, ist die Aussage: "Dann lass uns mal sehen, wie es in 5 Jahren aussieht !", bezogen auf die Qualität ihrer Beziehung. Anscheinend habe ich mich erdreist zu orakeln, dass ihre Beziehung dann gescheitert ist. Wie heißt es schon bei Hochzeiten so schön: "In Guten wie in Schlechten Tagen ..." und dies ist wichtiger als wir zunächst wahr haben wollen. In den Guten Tagen läuft immer alles gut und wir können auch besser mit den kleinen Unzulänglichkeiten und Problemen unseres Lebens umgehen. Entscheidend ist es aber, wie wir mit diesen Problemen in den schlechten Zeiten umgehen. Und jede Beziehung lebt nicht nur auf Wolke 7, sie wird durch innere oder äußere Umstände auch einmal mit schlechten Zeiten konfrontiert. Wer dies grundsätzlich negiert, braucht nicht weiter zu lesen, denn schlechte Zeiten gehören zu unserem Leben wie die guten und auch der Umstand, dass wir uns vor den schlechten Zeiten nicht schützen können und dass sie irgendwann in jedem Leben auftreten. Ob sie nun in den nächsten 5 Jahren auftreten ist Spekulation, richtig, aber die Gefahr besteht immer. Nun verknüpfen wir das mit einer zweiten Aussage. Wenn ich nach Hause komme und Stress hatte, dann brauche ich meine Ruhe und dann ist alles, was über ein Hallo oder einen Begrüßungskuss hinausgeht, nicht akzeptabel und wird entsprechend beantwortet. Damit sind wir beim ersten Punkt aus der Überschrift, Egoismus. Wer eine grundsätzliche Behandlung erwartet, die Einfluss auf andere Personen hat, handelt egoistisch. Es mag sein, dass dies in der Beziehung derzeit geduldet, akzeptiert oder sogar gut geheißen wird, es bleibt egoistisch, da sich andere nach meinem Befinden richten müssen. Nun kann dies in einer Beziehung über Jahre gut gehen, was aber eben nicht heißt, dass dieses Verhalten unproblematisch ist. Gerade am Ende einer Beziehung, also während der schlechten Zeiten, bringen oft so Kleinigkeiten wie eine offene Zahnpastatube oder liegen gelassene Socken das Fass zum Überlaufen. Schauen wir uns also mal an, was in schlechten Zeiten passieren kann. 1. Möglichkeit ist, dass sich die Situation der Dame verändert und aus einer gelegentlichen Stresssituation die Regel wird. Nun akzeptiert der andere Partner diese Situation möglicherweise, wenn sie hin und wieder passiert, nicht aber wenn sie zur Normalität wird und sie jeden Tag angefressen nach Hause kommt. Ob ein Umstand aber irgendwann einmal zur Normalität wird, weiß niemand. Wenn also eine Frau hin und wieder ohne Grund Sex verneint, um ein anderes Dauerthema zu bringen, dann mag das okay sein, tut sie das dauernd, wird es zum Problem, wie eben auch in dieser Diskussion und die Übergänge sind oft sehr fließend. Mehr aber, wenn man das gelegentliche Verhalten akzeptiert oder duldet, dann wird es schwierig, das regelmäßige Verhalten zu tadeln. Und für die "Ausführenden", ein Verhalten das im Dauerzustand nicht akzeptabel ist, kann dies im Einzelfall eigentlich auch nicht wirklich sein. 2. Möglichkeit ist eine neue Marotte des Partners. Oft wird es dann gerne damit begründet, Du nimmst Dir doch auch dauernd heraus, dass Du in schwierigen Situationen nicht ansprechbar sein möchtest. Man begründet sozusagen eigene Freiräume, die man haben möchte, mit Freiräumen, die der Partner sich nimmt. So etwas läuft dann oft unter der Bezeichnung gegeneinander aufrechnen. Dies ist eine sehr gefährliche Art der Argumentation, aber keine ungewöhnliche, gerade wenn man mit eigenem Verhalten in die Defensive gelangt, versucht man die eigene Position durch die "Fehler" des anderen zu entkräften. 3. Möglichkeit ist der Streit. Kommt einer der Partner bei einem Streit in das Hintertreffen, so will er seine schwindende Position nicht freiwillig aufgeben, er wirft alles in die Waagschale, was da vorhanden ist und dann kommen plötzlich auch Dinge zur Sprache, die nie zuvor ein Problem zu sein schienen. So sind wir Menschen eben, wir wollen vor allem auch Recht behalten bzw. siegen. Doch ist so ein Verhalten, dass bisher Status Quo war, auf einmal als Problem auf dem Tisch, dann bekommt man es dort nicht mehr weg. "Ach jetzt auf einmal stört Dich das !" Es hat den anderen wohl schon immer gestört, aber früher war die harmonische Beziehung eben wichtiger. Solche Situationen nenne ich Zeitbomben oder Tretminen. Sie lauern unter der Oberfläche, vielleicht passiert nie etwas, nur in außergewöhnlichen Situationen treten sie hervor oder torpedieren alle Bemühungen eine Partnerschaft zu retten. Je mehr solche Tretminen lauern, desto größer ist das Risiko, dass sie irgendwann zum Auslöser werden, der das Fass zum Überlaufen bringt. Damit kommen wir zur Beziehungsintelligenz, sie sollte grundsätzlich so ausgeprägt sein, dass wir mögliche zukünftige Probleme erkennen und sie im Ansatz entschärfen und zwar in den guten Zeiten, damit sie uns in den schlechten Zeiten nicht um die Ohren fliegen. Am besten kann man solche "Absprachen" am Anfang der Beziehung treffen, da dort beide Partner zu Kompromissen bereit sind, da die Beziehung als extrem wichtig eingestuft wird. In dieser Phase werden auch die Refugien und Territorien verteilt. Wer auf welcher Seite schläft, die Platzverteilung im Wohnzimmer, die Küche ist mein Reich etc. In dieser Phase werden diese Bereiche auch deshalb vergeben um die eigene Persönlichkeit innerhalb der Beziehung zu demonstrieren oder zu erhalten. Ich halte dies für grundsätzlich nicht nötig, da die gemeinsame Persönlichkeit durchaus ein gleichwertiger Ersatz sein kann. Ich denke selbst der Wunsch eine Seite im Bett zu "besitzen", muss nicht zwingend durchgeführt werden, aber dies ist eine andere Geschichte. Wichtig ist, dass die Anfangsphase eine wichtige Zeit ist, um diese Tretminen schon im Ansatz durch eine vernünftige Verteilung zu beseitigen. Denn alles was später eingeführt werden will, muss irgendwie begründet werden. Leider spielt uns das Leben wie so oft einen Streich, in der Anfangsphase haben wir eine rosarote Brille auf, die uns die Fehler nicht sehen lässt und wenn wir die Brille ablegen, sind die Refugien und Territorien verteilt, die schlechten Angewohnheiten etabliert. Also müssen wir einen Weg finden, wie wir die rosarote Brille abnehmen können. Viele Paare lassen sich nach dem Urlaub scheiden oder kriegen zumindest dort Probleme. Dabei ist nicht der Urlaub das Problem, sondern die gemeinsame Zeit und auch die Länge spielt eine Rolle. Wir können uns nur begrenzte Zeit verstellen (von unserer besten Seite präsentieren) und wir können Fehler anderer nur begrenzte Zeit tolerieren. Eine wichtige zeitliche Grenze aus eigener Erfahrung sind hierbei 2 Wochen. Dauert ein enges Zusammenleben (z.B. im Urlaub) länger als zwei Wochen, dann fallen uns die Eigenheiten auf einmal auf. Nun haben wir die Möglichkeit die Probleme zu erkennen und auch abzuschätzen, wie sehr sie uns auf die Nerven gehen. Ich mache das nun am Anfang einer Beziehung, dabei darf diese Zeit nicht durch z.B. Arbeitszeit unterbrochen sein, man muss wirklich drei Wochen aufeinander hocken ohne äußere Trenngründe. Dann erkennt man die Probleme, dann kann man abschätzen ob sie irgendwann mal nerven und dann kann man sie auch abstellen, da man noch kompromissbereit ist. Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass jeder Urlaub länger als zwei Wochen einer Beziehung gefährlich werden kann. Für unser Stress-Beispiel passt das zwar nicht ganz so, aber da sollte man auch mit rosaroter Brille erkennen, dass das falsch ist. Es geht natürlich auch darum, was Frauen bei ihren Männern für Tretminen entfernen müssen, aber ich berate eben hauptsächlich Männer. Schwache Männer sind nicht in der Lage diese Probleme als Probleme zu erkennen und vor allem auch abzustellen oder zumindest zu entschärfen. Sie denken, wenn ich sie verärgere oder mich zu sehr in ihr Leben einmische, dann verlässt sie mich und so mischt sie sich mit ihrem Verhalten in sein Leben ein. Hier muss man als Mann auch Stärke zeigen, es hilft nichts bestimmte Verhaltensweisen zuzulassen, die später in schlechten Zeiten das Zeug dazu haben, die Beziehung zu zerstören. Verhindert man von Anfang an bestimmte Verhaltensweisen, dann verhindert man auch selbst, dass man irgendwann damit aufrechnet oder Streitigkeiten damit für sich zu entscheiden versucht. Und wenn man nicht aufrechnen kann, dann fehlen einem auch die Argumente eigenes falsches Verhalten zu rechtfertigen. Es ist also auch Schutz vor eigenen Unzulänglichkeiten. Niemand hindert einen daran eigenes Verhalten zu hinterfragen und auch während der Beziehung abzulegen. Leider ist die eigene Erkenntnis und auch der eigene Wille Dinge zu ändern nur sehr gering ausgeprägt. Dazu ist eine Menge Beziehungsintelligenz nötig, denn ich muss eigenes Verhalten reflektieren und ich muss gleichzeitig erkennen ob dieses Verhalten für jemand anderen problematisch ist oder noch schwieriger irgendwann mal wird und mich damit auch noch in die andere Person versetzen. Vielleicht geht alles gut, die nächsten fünf Jahre, die nächsten zehn Jahre, vielleicht ein Leben lang, die Statistiken sprechen nicht gerade für uns. Und selbst der Priester ahnt, dass da schlechte Zeiten kommen können, nur wehe Digital_Data sagt das. Deshalb sollten wir jede Möglichkeit nutzen, in der man uns darauf hinweist, dass etwas vielleicht suboptimal ist, um uns und unsere Situation zu hinterfragen und zu prüfen ob man nicht etwas verbessern kann und z.B. Stress auch anders zu bewältigen ist. Wir sollten deshalb unsere Stärke hauptsächlich dazu nutzen, falsche Verhaltensweisen zu unterbinden und nicht um falsche Verhaltensweisen zu etablieren. Digital_Data- Ma petite fleur 12.11.2011
- Sonne & Meer 17.09.2011
- 46 Monate 16.09.2010
- Der Mann sagt (Skizze zu Wallaces "Brief Interviews with Hideous Men") 24.08.2010
- Ethische Betrachtungsweise von Beziehungen 20.08.2010
Theorien, Ideen und Konzepte
Nette Umschreibung für "hirnloses Geschwafel".
Digital_Data
So einige Kommentare lassen leider den nötigen Respekt vermissen, schade..., aber so ist es wohl fast überall?!
Gruß
Mick








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28.01.2010 - 09:39 Uhr
diedrossel