Lady GaGa - Paparazzi - Eine Interpretation
Lady GaGa - Paparazzi - Eine InterpretationLady Gaga war hier vor einigen Tagen Bestandteil einer Interpretation in einem Jetzt-Redaktionstext und es ergab sich eine kleine Diskussion dazu. Deshalb hier ein etwas näherer Blick auf ihre Musik und vor allem eine Interpretation zu ihren Videos. Lady GaGa ist der erste KünstlerIn in Amerika, der/die vier Nummer-1-Hits in ihrem Debütalbum hatte. Damit kann man die Entwicklung sozusagen im Zeitraffer beurteilen.
Ihr erstes Video war Just Dance, eher trashig, nicht allzu aufwendig produziert, sie hatte eben noch keinen Namen und auch sicher nur geringes Budget ihrer Plattenfirma. Man sieht es auch deutlich an ihren Designs. Über Neuseeland und Australien wurde es aber schließlich auch in Amerika ein Hit, was sie auch, wie sie selbst in Interviews erzählt, den Hörern verdankt, die bei den Radiosendern anriefen und das Stück hören wollten. Mit diesem ersten Erfolg war nun Handlungsspielraum für ihr zweites Video vorhanden.
Poker Face war schon deutlich komplexer angelegt. Es besticht durch eine sehr klare Farbregie und Ästhetik und ist vornehmlich in grün-blauen Farbtönen gehalten, mit wenigen Ausnahmen, zwei sind nicht ganz stringent. Dieses Video ist auch von den Designs schon unglaublich weit (z.B. unterschiedliche Perücken, Outfits, Sets), sie nützt den Handlungsspielraum schon sehr gut aus. Dieses Video ist dreigeteilt in einem ersten Teil mit schwarzem engen Lederdress, in einem Mittelteil eher als Femme Fatal, die Poker-Spieler mit naivem Charme abzieht und gleichzeitig Mittelpunkt ist (Russian Roulette is not the same without a gun) im dritten Teil mit erotischen Posen und eher der Gefahr, dass man sich in sie verlieben muss.
Die Lyrics werden teilweise schlimm ins Deutsche übersetzt:
I won't tell you that I'll love you
Kiss or hug you
Cause I'm bluffin with my muffin
I'm not lying with my love-glue-gunning
Besonders muffin und love-glue-gunning werden schlecht oder gar nicht übersetzt. Muffin(g) steht für französischen Sex bei der (lesbischen) Frau oder für die Partnersuche auf der Piste (get laid), allerdings langt sie sich bei diesem Wort in den Schritt. Muffing steht dann wohl für das fordernde Platzieren der Geschlechtsteile über dem Gesicht (Face sitting). So wundert es nicht, dass diese Zeile fast in jedem Interview ein wichtiger Bestandteil ist und das im prüden Amerika. Und sie gibt hierbei oft an, dass es eben, was das Wort impliziert, um Sex mit einer Frau geht.
Und das love-glue-gunning ist wohl eher so in die Richtung, mit einem Körper als Waffe an dem jeder verliebt kleben bleibt zu übersetzen, im Video klimpert sie hier unschuldig mit den Augen. Man sieht hier also schon deutlich, dass hier nicht nur zur Musik getanzt und gesungen wird, wie in den meisten Videos, sondern dass es hier deutlich um Interpretationen der Lyrics geht.
Damit relativiert sie in dieser Strophe ziemlich alles: Ich erzähle Dir nicht, dass ich Dich liebe, küsse oder umarme, weil ich nicht mit meinem fordernden Face Sitting bluffe, ich lüge nicht, ich bin nur unglaublich mit meiner männermordenden Art. (ziemlich frei übersetzt ;-)
Der Refrain ist eigentlich dreigeteilt:
Oh, oh, oh, I'll get him hot, show him what I've got
Can't read my, Can't read my, No he can't read my poker face
und das berühmte
P-p-p-poker face, p-p-poker face
Mum mum mum mah
Nach dem dritten Teil fehlt die I'll-get-him-hot-Teil. Also steigert sie nicht. Man muss also auch sehr auf Details achten und auch alles in der Kombination Bild und Ton sehen. Und sie provoziert in einer ziemlich extremen Art und Weise.
Nachdem auch dies ein Nummer 1 Hit wurde war wohl der vollkommene Handlungsspielraum für das dritte Video Paparazzi vorhanden. Alleine das Wortspiel Papa, Paparazzi oder etwas umgedeutet Vater (des Erfolges), Paparazzi, ist intellektuell auf höchstem Niveau. Die Zeilen
Baby, there's no other superstar, you know that I'll be your Papa
Paparazzi
und
Baby you'll be famous, chase you down and love me Papa
Paparazzi
deuten sehr auf diese Interpretation hin. Kommen wir nun zum Video, in dem diese Interpretation nun noch deutlicher wird.
Leider ist das Video selbst auf dem offiziellen LadYGaGa-YouTube-Channel für Deutschland gesperrt. Ich hoffe der Link hier läuft noch etwas.
Die Anfangssequenz zeigt ein Liebespaar, zuerst im Bett, dann draußen, immer wieder unterbrochen von Fotoaufnahmen. Lady Gaga ist hier nicht besonders exzentrisch geschminkt und designed. Nehmen wir nur einmal kurz an, wir sehen hier kein reales Liebespaar, sondern die Beziehung Star zu Medien. Der Mann repräsentiert also die Medien. Dies ist eine ziemlich häufige Art der Analogie in Kurzfilmen, in Langfilmen wird sie eher selten benutzt, da es schwer ist so etwas 90 Minuten konsequent und glaubwürdig durchzuhalten. Eine der berühmtesten solchen Darstellungen sind die Terminator-Filme, denn dort steht der Terminator für eine Waffe, die gut und böse durch den Besitzer wird, also keinen eigenen Willen hat. Im ersten Teil böse durch den Besitzer der Waffe Skynet, im zweiten Teil gut, ebenfalls durch den Besitzer der Waffe, diesmal John Connor.
Zurück zu Paparazzi. Nichts in der Anfangssequenz ist echt. Die Nähte ihrer Strümpfe sind aufgemalt, das Geld sind Lady GaGa-Dollars, die Küsse sind nicht echt. Also wir betrachten die Anfangssequenz und der Liebhaber symbolisiert die Medien.
Lady Gaga: Liebst Du mich ? (love me Papa)
Medien: Ja natürlich !
Wir sehen viel Geld (Easy Money) und den Evening Star: Lady Gaga Reaches The Top Yet Again
Die Küsse wirken nicht wirklich echt, es wirkt nicht erotisch (das war in Poker Face besser).
Er bringt sie raus in die Öffentlichkeit, nun beginnen die Fotos.
Medien: Vertraust Du mir ?
Lady Gaga: Natürlich !
Fake-Küsse, viele Fotos !
Lady Gaga: Stop !
Medien: Schau in die Kamera !
Lady GaGa: Was tust Du ?
Lady GaGa: Stop !
Sie wehrt sich. Sie schlägt zurück, sie schlägt mit der Flasche zu. Die Medien lassen sie sprichwörtlich fallen: "Damn you cunt !" Sie fällt ewig während Fotos gemacht werden. Wir hören ihren Herzschlag und das typische Spiegelreflexgeräusch. Sie versucht nun wieder zu posieren um den Fall zu stoppen, doch das gelingt nicht. Schließlich schlägt sie auf, umringt von Fotografen. Sie hat die Medienbrille auf, wie schon in Poker Face zwischen dem zweiten und dritten Teil. Die Schlagzeilen des Evening Stars trudeln herein:
Lady Ga Ga Hits Rock Bottom
Lady Gaga Is Over
Lady No More Gaga
Ende Prologue. So ergeht es den Stars, die Medien machen sie, die Medien lassen sie fallen, wenn sie nicht mehr richtig mitspielen oder Regeln brechen.
Nun beginnt das Lied. Das Schlagzeug bzw. Rhythmuselement hört sich sehr ähnlich wie der Fotoapparat und die Herzschläge des Falles an. Der Sound und die Lyrics bilden eine Einheit, selten so deutlich wie in diesem Lied. Sie ist nun aufgetackelt, aber gelähmt kann nicht gehen, versteckt ihre Augen und damit ihre Intention. Man hilft ihr, aber sie geht erste Schritte alleine (Medien halfen bei erster Single nicht). Es ist beschwerlich, nicht so einfach wie im Prologue, aber sie geht ihren Weg. Zwischendurch sehen wir immer wieder gescheiterte Opfer der Paparazzis. Bei der Dame, die in der Halle mit der Treppe gefallen ist, ist das Blut goldfarben. Und wir sehen wieder Geld, steht auf den Banknoten der Anfangssequenz noch "United States of Lady GaGa" so steht auf den Scheinen im Video nur noch "United States of GaGa" ;-). Sehr viele schöne kleine Details.
Der goldene Body den sie zu den Krücken trägt, in dem sich ihre Beine spiegeln, so dass es aussieht als wenn sie unten nackt wäre, ist ein geniales Designelement. Die Musik und vor allem der Gesang erinnert sehr an Madonna in den frühen Jahren (Papa don't preach). Und die Dame, die sich da auf dem Sofa räkelt, erinnert sicher auch nicht nur mich etwas an Madonna. Mit dem Kornleuchter, dem Palast und der Rose am Anfang kann man sicher auch Anspielungen an Lady Diana erkennen. Exzessiver Sex über Geschlechtergrenzen hinweg, Drogen alles das spielt sicher auch eine Rolle.
Bei den sexuell angehauchten Szenen auf dem Sofa ist das Geschlecht der "Mitspieler" nicht vollkommen eindeutig, die Darsteller erinnern teilweise an Boy George. Nun kommen extrem schnell geschnittene Szenen mit angedeuteten Blitzlichtern, sie steht im Medienfocus.
Kommen wir zum Schluss. Lady Gaga sitzt im lächerlich wirkenden gelben Micky Maus Kostüm mit den Medien auf der Couch. Überdrehter kann ein Outfit eigentlich nicht mehr sein. Die Kunstfigur ist fertig. Die Medien sind auf einem Auge blind ;-). Herrlich !! Sie liest eine Zeitschrift, "The New It Girl" - Untertitel: "No More Lady Gaga" und nun gibt sie den Medien was sie wollen. Sie mischt Gift in den Drink für die Medien, der übrigens "Neuro sonic - mental performance" heißt, aber dieses Gift ist für sie selbst nicht giftig, sie leckt den Löffel nach dem Umrühren genüsslich ab. Die Medien ersticken daran und sie setzt ihnen ihre Brille auf und führt sie damit vor. Das Glas fällt herunter und heraus springt der saubere (!) Eiswürfel. Eis steht für Kälte, Liebe (am Anfang) für Wärme. Sie wollte Wärme, die bekam sie nicht, nun gibt sie Kälte. Dazu schwarz geschminkte Lippen in Kußform. Das Video ist voll von Symbolen und Analogien. Die Medien werden nun selektiert und einer der Fotografen trägt eine Brille, wie sie ein berühmter Pokerspieler gerne trägt, weil sie die Augen versteckt und die Presse schreibt "Lady Gaga is Back", "We Love Her Again" und "She's innocent - Police investigate Lady Gaga". Die Medien verzeihen es ihr, wenn sie nur eine Story haben.
Anruf 911: I just killed my boyfriend.
Das könnte man mit ich habe gerade meinen Freund ermordet übersetzen, aber auch mit ich habe "nur" meinen Freund getötet. Und für wen der steht, wissen wir.
Das Video erinnert spontan an "Leave me alone" von Michael Jackson, in dem es auch um sein Verhältnis mit der Presse geht und darum, dass viele seiner Stories möglicherweise erfunden sind. Der Prologue erzählt, was sie von den Medien erwartet, das Video erzählt, wie sie dem aus dem Weg geht und die Medien für sich benutzt.
Nun eine gesamte Betrachtung. Das Debüt-Album mit den Liedern entsteht, die Geschichte ist fertig, es entsteht nun auch der Name Lady GaGa und die Kunstperson. Man muss dies alles als eine gesamte Choreografie sehen. Selbst das Video Paparazzi kann man nicht ohne Poker Face sehen. Kann man das alles so planen ? Stefani Germanotto arbeitete vor Lady Gaga als Songwriterin, aber auch als Assistentin um, wie sie selbst sagt: "Zusammen mit Akon arbeitete ich für andere Künstler und Songwriter in gewisser Weise als musikalische Assistentin. Ich veränderte Texte und Melodien. Es hat mich viel über Popmusik gelehrt und bereitete mich auf mein heutiges Leben vor." Wer den Songs den Finishing Touch gibt, muss eine Menge Ahnung von Musik und wie sie wirkt haben. Sie war früher in Burlesque-Shows aufgetreten um Geld zu verdienen, sie setzt alles, was sie kann, zu einem Gesamtbild zusammen.
Nach diesen beiden Videos kann eigentlich keiner mehr ernsthaft annehmen, dass Lady GaGa keine Kunstperson ist und das Stefani Germanotto tatsächlich so ist, wie sich Lady GaGa gibt. Oder doch, was versteckt sich hinter dem Poker Face ? Sie spielt auf genialste Weise mit ihrem Image. Da die meisten das so gar nicht erkennen und dieses Video auch zum frühest möglichen Zeitpunkt kommt, als sie zum ersten Mal wohl volle Handlungsfreiheit hatte, bin ich mir ziemlich sicher, Lady GaGa ist eine Kunstperson. Sie wird sich irgendwann noch darauf beziehen. Sie weiß wie Medien funktionieren und nützt das konsequent aus, wie sie es braucht. Und das alles zusammen mit 23 !
Obwohl mir Poker Face musikalisch und von der Videoästhetik besser gefällt, ist Paparazzi in dieser Form auf höchstem künstlerischem und intellektuellem Niveau und für mich eines der besten Musikvideos, die je gemacht wurden. Lediglich das 16:9-Format wird von der Kamera nicht konsequent genug ausgenutzt.
Polizeifotograf: Look into the camera !
Lady Gaga faucht ! ;-)
Cast: Lady GaGa as herself
Digital_Data
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