17.01.2010 - 18:30 Uhr

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"Jetzt mal ganz ehrlich gesagt"

Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl

100 Sätze reichen für ein ganzes Leben. Jede Woche stellt unser Autor einen vor.

Ich warte auf den Abend, an dem Tom Buhrow in den Tagesthemen den Satz spricht: "Und jetzt kommt, mal ganz ehrlich gesagt, das Wetter mit Sven Plöger." Da würden sich zwar die Sprachpäpste anderntags ordentlich echauffieren (oder was ist das korrekte Tun-Wort für Sprachpäpste: Erzürnen? Sich in Harnisch bringen?), ich aber würde ruhig bleiben, denn ich habe die Pandemie dieses Satzes seit Jahren mit Sorge verfolgt und davor gewarnt, aber mein Warnen war nur eine Kinderfackel im Sturm.

Als ich diesen Hauptsatz das erste Mal hörte, erfüllte er noch weitgehend das, was er versprach, er leitete eine unangenehme Ehrlichkeit ein. Meine Mutter sagte: "Also mal ganz ehrlich gesagt finden wir, dass du dich nicht bis um zwölf am Rathausbrunnen rumdrücken solltest. Und was die anderen dürfen ist mir egal."



So weit, so ehrlich. Seitdem hörte ich den Satz immer öfter und muss dabei den gleichzeitigem Verfall seiner Brisanz feststellen. Wenn sich heute Zwei mal ganz ehrlich etwas zu sagen haben, ist das meistens nichts anderes, als was sie sonst gesagt hätten. Sie versuchen es nur durch den vorgeschobenen Halbsatz ein bisschen interessanter zu machen. Das klingt dann so:

"Hey, jetzt mal ganz ehrlich gesagt, weiß ich überhaupt nicht, warum auf Mülltonnen immer der Satz steht, dass man keine heiße Asche einfüllen soll!" - "Ey du, ganz ehrlich, das frag ich mich auch immer!"

Es gibt sie eben nicht mehr selbstverständlich, die guten, ehrlichen Dinge. Es gibt stattdessen das "ganz ehrlich", das als Discountware durch unsere Alltagssprache wabert. Dort erfüllt es mittlerweile Allroundaufgaben, schlimmer als ein Opel Kombi. Ganz ehrlich, ich bin auf dem Weg zum Flughafen, ganz ehrlich, ich glaub der Tisch da ist schon noch frei, ganz ehrlich, das ist mir jetzt ein bisschen zu ehrlich.

Der ganzehrlich-Trend ist ein wenig traurig. Wir ahnen offenbar, dass wir ständig Gefahr laufen, unwahren Plastiksprech abzusondern, so dass wir alles, was wir wirklich anbringen wollen, mit der Aura eines Beichtstuhls versehen müssen. Nur dann hören die Plastikohren der anderen überhaupt noch zu, nur wenn ihnen ungeheuer Wahres versprochen ist. Gleichzeitig ist der Hauptsatz aber auch eine Art Unbedenklichkeitsbescheinigung, dann nämlich, wenn er eine wacklige Meinung kaschieren soll: "Ganz ehrlich, ich finde diese James-Bond-Filme nicht so gut wie alle sagen." In diesem Fall wirkt das "Ganz ehrlich" wie ein Welpenschutz, dann ist der eigene Verstand wie ein Welp und weil man "ganz ehrlich" gesagt hat, darf in den keiner reinbeißen. Denn "Ganz ehrlich" bedeutet eben auch: Schamlos die Mentalhosen runterlassen und so doof sein dürfen wie man vielleicht ist. Schon allein deswegen wäre ein Eindämmen der Ganzehrlichkeit ein hygienischer Akt für die Öffentlichkeit. Denn die schonungslose Aufrichtigkeit von allen Seiten ist doch wesentlich anstrengender als leicht verlogener Meinungsmainstream. Ganz ehrlich.


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wollmops
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Mag ich Mag ich nicht

0

17.01.2010 - 18:33 Uhr
wollmops

erhlich gesagt, sag ich das auch ab und zu. Stilvoller war die - quasisynonyme, wenn auch eher Gschamiges betreffende - Variante meines Vaters: "mit Verlaub, ich geh jetzt mal wohin."

DagnyTaggart
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Mag ich Mag ich nicht

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17.01.2010 - 18:41 Uhr
DagnyTaggart

Wer sich nicht zu sagen traut, was er denkt, schiebt ein \ganz ehrlich\ vor?

MorbusBahlsen
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Mag ich Mag ich nicht

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17.01.2010 - 18:51 Uhr
MorbusBahlsen

Ganz ehrlich? Toller Text! ;)

deitsch
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Mag ich Mag ich nicht

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17.01.2010 - 19:53 Uhr
deitsch

wer im gespräch mit mir einen satz mit 'ganz ehrlich' beginnt, dem hör ich maximal noch mit geviertelter aufmerksamkeit zu. die lügen doch schon im ansatz.

alcofribas
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Mag ich Mag ich nicht

0

17.01.2010 - 20:00 Uhr
alcofribas

wollmops sagte:
erhlich gesagt, sag ich das auch ab und zu. Stilvoller war die - quasisynonyme, wenn auch eher Gschamiges betreffende - Variante meines Vaters: "mit Verlaub, ich geh jetzt mal wohin."


"ganz ehrlich, herr präsident, sie sind ein arschloch"?

wäre schöner. :))

wollmops
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Mag ich Mag ich nicht

1

17.01.2010 - 20:04 Uhr
wollmops

alcofribas sagte:
"ganz ehrlich, herr präsident, sie sind ein arschloch"?

wäre schöner. :))


oder die betrunkene Variante: "wasssichdirschonimmermalsagenwollte"

Echtwarr
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18.01.2010 - 07:34 Uhr
Echtwarr

War auch lange Zeit eine Lieblingshülse unseres Kanzlers Merkel

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Mag ich Mag ich nicht

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18.01.2010 - 07:37 Uhr
Echtwarr

War auch lange Zeit eine Lieblingshülse unseres Kanzlers Merkel. Ob's immer noch so ist... ich hab schon lange aufgehört ihr zu zuhören. Das Leben ist kurz

buntstiftsuechtig
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18.01.2010 - 07:48 Uhr
buntstiftsuechtig

genauso oft kommt "echt" in unseren sprachgebrauch vor. ich kann es langsam nicht mehr hören und bin immer ganz fasziniert von personen, die es in jeden zweiten satz anbringen....

Echtwarr
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Mag ich Mag ich nicht

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18.01.2010 - 08:46 Uhr
Echtwarr

Eigentlich geht es hier um Floskeln, Phrasen, Einschübe, Worthülsen im Sprachgebrauch. Ehrlich, auf gut Deutsch gesagt, lassen Sie mich hier ganz offen und ehrlich, hier und jetzt ohne Umschweife sagen: liebe Arbeiterinnen und Arbeiter, liebe Genossinnen und Genossen, Bürgerinnen und Bürger und natürlich Leserinnen un Leser - Noch einen schönen prasenreichen Tag!

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max-scharnigg

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.

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