Eine Frage der Zukunft
Sollen wir im Leben immer besser oder einfach zufrieden werden? Versuch über einen unterschätzten Gedanken
Malte Pennekamp öffnet die Tür zum Café Jasmin im Münchner Univiertel. Der Dienstagmorgen ist kalt und das Café ist mollig geheizt. In einem der lindgrünen Sessel sitzt eine Studentin und blättert im Economist, einem knochigen aber klugen Wirtschaftsmagazin aus England. Auf dem Titel steht "Bubble warning - Why assets are overvalued." Vorne, nahe an der Theke, sitzt ein Student und liest das Buch Sofies Welt. Der Philosophie-Exkurs war mal ein Bestseller, weil er die Sehnsucht der Menschen nach Sinn stillte. Nach dem Abitur sah sich Malte als Sofies Welt-Leser. Sein Vater wollte einen Economist-Käufer aus ihm machen. Heute wirkt Malte, 24, ein bisschen erschöpft. Er hat harte Wochen hinter sich, er ist Sprecher des Zusammenschlusses der bayerischen Studierendenvertretungen und hat die Proteste der Studenten mit organisiert. In diesem Kaffeehausgespräch soll es nicht nur um die Proteste gehen. Es soll um die Frage gehen, was wir eigentlich von der Zeit nach der Ausbildung und nach dem Studium erwarten? Sollen wir immer besser werden und immer mehr erreichen? Ist das der Sinn des Lebens? Oder sollen wir einfach nur irgendwann - zufrieden sein? Die Fragen klingen banal. Vielleicht sogar so banal, dass manche sie übersehen. Malte wächst in der Nähe von Düsseldorf auf und als er nach dem Abitur seinem Vater sagt, dass er gerne Philosophie oder Psychologie studieren möchte, schüttelt der den Kopf. "Brotlos", sagt er und ist wahrscheinlich nicht der einzige Vater der Welt, der diese Vokabel kennt. Malte hört sich die Argumente mit dem "Lebensunterhalt" und den "Berufsaussichten" an. "Ich hab mich erst fürchterlich aufgeregt", erinnert er sich. "Dann habe ich verstanden, dass er es gut mit mir meint - und nachgegeben." Wobei sich dieses "Nachgeben" stärker anhört als es war. Malte einigt sich mit seinem Vater auf ein "Kompromissfach", wie er es nennt. Er macht sich auf den Weg nach München und studiert Politikwissenschaften an der Hochschule für Politik. Wenn man so will, macht er den Economist und Sofies Welt zu seinen Pflichtlektüren. Ein bisschen hat er selbst entschieden, ein bisschen sein Vater. Während der Studentenproteste erklärt Malte der Öffentlichkeit immer wieder, warum seine Kommilitonen unzufrieden sind. Seit es den neuen Bachelorabschluss gibt, fehlt vielen Studenten das, was ein Studentenleben einmal ausmachte: Zeit und Freiheit und das Gefühl von Selbstbestimmung. Im alten Studiensystem konnte man in vergleichsweise entspannter Atmosphäre ein gebildeter und erwachsener Mensch werden. (Als Wilhelm von Humboldt vor gut 200 Jahren in Berlin die Universität gründet, denkt er an einen Ort zur "Persönlichkeitsformung".) Im neuen Studiensystem soll jeder sehr schnell das Beste aus seinem Potential machen. Es geht im Protest also keineswegs nur um Studiengebühren und Studieninhalte, es geht für die Studenten um die Haltung zum Leben.
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ich bin aber auch der meinung, dass man, wenn man etwas mit leidenschaft tut dann auch immer irgendwo unterkommt. kompromisse sind teil des lebens und manchmal machen sie das leben auch interessanter! Oft sind es doch grade die, die etwas nur aus pflichtgefühl studiert und dann auch in diesem beruf gearbeitet haben, die dann alles hinschmeissen und in der toskana ein b&b eröffnen... statt ein halbes leben lang ein extrem zu leben und dann die andere hälfte ein anderes kann man doch von anfang an einfach das, was einen wirklich glücklich macht mit dem, was man halt tun muss verbinden. klappt sicher nicht immer, aber unterm strich kommt bestimmt ein kleines glücksplus dabei raus.
kinder sind übrigens dann auch wieder so ein kompromiss... aber davon will ich gar nicht anfangen. ;)
Ich könnte also sehr zufrieden sein, aber eigentlich suche ich eher nach einem neuen Weg. Der Job alleine ist dann doch zu mager, um sein Selbstbild darauf zu gründen.
° espresso zu stande bringen an. und ihre mitläufer, hier als
° opfer dargestellt, noch mehr...
glitzerkugel sagte:
@ Dagny: damit kommt man doch beim Economist raus, oder?
Im Economist war vor nicht all zu langer Zeit ein eher unschmeichelhafter Artikel über Ayn Rand und ihre Coterie. Die mögen sie also auch nicht unbedingt so...
ich denke man unterschätzt da auch einige Berufe ... also zB dieser Jobvermittler von dem da im Artikel gesprochen wird...
" Er denkt über die Studenten nach, die sich vor ihm auf den Stuhl setzen (800 kommen jedes Jahr zu den vier Beratern in der Agentur für Arbeit). "
Also 800 Studenten bei 4 Beratern .... macht 200 pro Nase im Jahr... das heisst also durschnittlich 1nen am Tag...
..
also da hat ja echt Zeit sich super Gedanken zu machen ... klingt nach nem feinen Job bei dem man sich auch noch bei nem Kaffee mit intelligenten Leuten über Lebensperspektiven unterhalten kann....
Sehr gutes Thema, wird viel zu selten angegangen.
Möglicherweise bieten die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt da noch eine andere Chance: wenn nicht mehr klar ist, mit welchen Jobs man seine materielle Existenz sichert, wenn BWL, Jura und Medizin letztlich nicht die Sicherheit bieten, dann ist die Notwendigkeit der intensiven Auseinandersetzung recht einsichtig.
17.01.2010 - 22:38 Uhr
goof
Als einer solchen (freiberuflichen) Berater kann ich in den Beratungen feststellen, dass die Berufsentscheidungen bzw. die Wahl des Studienfaches häufig von einem Bild geleitet wird, das jemand von einem Beruf/einem Fach hat, weniger aber von der Persönlichkeit, auf die und deren Lebensziele hin eine Lebensplanung zuallererst ausgerichtet sein sollte.
Muss man die Berufswahl nicht zu einem Zeitpunkt treffen, da man sich seiner selbst noch gar nicht sicher ist?
Bestand nicht gerade darin, der Lebenschancen sichernde Vorteil der Prä-Bologna-Zeit, dass man in fünf, sechs oder mehr Jahren nicht zielgerichtet und effizient tätig sein musste, sondern sich auf den Weg machen konnte, über sich und die eigenen Ziele etwas Entscheidendes herauszufinden?
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17.01.2010 - 19:47 Uhr
Ich_bin_Bielefeld