Geisterstadt
Die Lautsprecherstimme knattert durch den schon etwas in die Jahre gekommenen Mercedes-Bus und sagt die Haltestelle an, während die Räder mühsam die Steigung in der letzten Kurve erklimmen. Langsam tauchen die sechzigerjahre Ziegelklinker in den schmutzigen Fenstern auf. Vertraute Anblicke, und überraschend beständig. Fast, als wäre die Zeit stehen geblieben, während ich so lange weg war. Quietschend bremst der Bus, hält, und unter Ächzen öffnen sich die Türen, im Anschlag lautstark gegen ein Geländer schlagend, klappernd. Ich steige aus und wage vorsichtige Schritte auf dem winterglatten Terrain, erkämpfe mir die Meter. Der Zebrastreifen, den ich schon so oft überquert habe, und die Raucher, da, wo sie schon immer waren. Irgendwann hatte die Schulleiterin ein Stück Land von der Stadt gekauft, um die Zigarettenstummel näher an die Straße zu bringen - ohne Erfolg. Im runden Bogen finden sich über der Eingangstür die schäbigen, weißen Metallbuchstaben, an denen der Lack längst blättert. Der Name geht noch flüssig über meine Lippen, stelle ich fest. Gewohnheit der vielen Jahre, denke ich bei mir, und gehe weiter. Durch den Eingangstür, auch in schmutzigem Weiß, hinein in diese andere Welt. Drinnen ist es so, als hätten sie ein paar Gesichter getauscht und sonst alles beim Alten belassen. Einige Kinder rennen durch die Gänge, ein Grüppchen lacht zu laut, aber das alles erscheint mir Fremd. Ich bin alleine an diesem Ort, der für mich einer Geisterstadt gleicht. Alles ist nur Fassade, alles passiert als Schauspiel. Die geringe Tiefe macht das Treiben hier wie leer, angestaubt und leblos. Kein Krach kann diese Leere kompensieren, keine Hektik ist dazu in der Lagem das Gefühl einer menschlichen Realität einzustellen. Und trotzdem bedeutet dieser Ort so viel, für alle, die jeden Morgen mit verschlafenen Augen den Weg hierher antreten. Ängste stellen sich wieder ein, die ich seit Jahren abgelegt haben wollte. Ängste die davon erzählen, wie leicht dieses Haus ein Gefängnis sein konnte, in dem Folter nicht verboten ist. Ich erzähle mir davon, wie sehr ich mich hier immer abgelehnt gefühlt habe, und dass der Weg in diese Mauern morgens so geschmerzt hat. Von dem Leid, dass gleichaltrige einander antun können, mit zwei Sätzen, oder drei. Und wenn ich mich kurz umsehe, dann erkenne ich auch heute noch mein trauriges Gesicht. Ein Anderer hat also meinen Platz eingenommen, und muss jetzt meine Rolle spielen. Trotzdem fallen mir die Schritte schwerer, im Bewusstsein darüber, wie blutig der Boden ist, den ich betrete. Ich denke daran, dass hier alles angefangen hat, und dass es hier nicht enden wird. Dass es vielleicht niemals endet, denke ich manchmal. Hier bin ich also geworden, was ich bin. Aus der homogenen Schülermasse taucht ein lächelndes Gesicht auf, geht direkt in meine Richtung, spricht mich an. Dann breitet sie ihre Arme aus, und zuletzt wie in Zeitlupe: Legt sie um mich. Ich weiß nicht einmal wie sie heißt. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir früher viel miteinander zu tun hatten, aber - es tut gut. Das schwere Gefühl legt sich. Ich hatte mich getäuscht, was diesen Ort angeht. Mir fällt ein: Hier habe ich das erste mal geküsst. Auf einer Treppe, die hoch in den Regieraum des Schultheaters fühlt. Es gibt also doch eine warme Erinnerung. Und... naja... die warme Gegenwart. Dieses Mal Hat das Schicksal mich gepackt Und mir das Leben schwer gemacht Und trotzdem bin ich hier Das wars Ein einziger Moment Der mir ein Lächeln schenkt Wenn sich sonst nichts regt in mir Manchmal ist da etwas was unerwartet erscheint Manchmal brauchen wir nicht viel Um glücklich zu sein Nur das richtige Wort zur richtigen Zeit Nur ein kleines Licht in der Dunkelheit Der Moment Der uns wieder auf die Beine stellt Nur ein Lächeln dort wo sonst keiner lacht Nur ein Sonnenstrahl nach einer endlosen Nacht. Der Moment der uns am Leben hält (Madsen - Der Moment)


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08.01.2010 - 01:51 Uhr
zauber_fee
ich verstehe...
wow...
+








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08.01.2010 - 00:01 Uhr
SinnundSinnlichkeit
Aber dort hast du auch gelernt solch schöne traurige und absolut ehrlichen Texte zu schreiben (zumindest einen Teil davon).
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