30.12.2009 - 21:57 Uhr

0 1 Über Twitter weiterempfehlen

Muss ich denn sterben, um zu leben?

Text: absurda

"Das nennt man also leben." sagt die Kleine zu ihrem Inneren. Erst 2 Monate ist sie alt, betrachtet ihre Hände und strampelt im Kinderwagen. "Aber, hat man nicht vergessen, mir eine Anleitung mitzugeben, was zu tun ist?" "Du hast sie bekommen ..." Das Baby lächelt. "Ist sie nicht süß?" fragt die Tante entzückt. "Sie werden dir ihre Gebrauchsanweisung ins Gehirn brennen. Deine eigene verbrennen. Wie mit Siegeln werden sie dir nach und nach deinen Hinterkopf bedrucken. Du wirst nicht mehr fragen, weshalb du den Sommer nicht im Wald verbringen darfst, du wirst in Freiheit leben: von einem Zementbau in den anderen, mit der U-Bahn wieder zurück, von der Wohnung zum Büro, vom Büro zur Wohnung, dein Leben lang. Das System, welches nicht von DIR geschaffen wurde wirst du als selbstverständlich erachten - wie denn auch anders, wenn sie deine eigenen Empfindungen verbrannten? Im Kindergarten wird man dir sagen: Du musst Freunde haben, um wertvoll zu sein. Denn wer wertvoll ist, ist beliebt! Und du wirst deine Freunde finden: Gleichgesinnte - wie auch die Flaschen am Fließband immer von 2 Nachbarn begleitet werden. Man wird dich lehren, herausragend sein zu müssen. Herausragend ist erfolgreich. Doch in einem Haufen von Zahlen wird es nie eine geben, die wichtiger ist als die andere. Du wirst dich als Versager fühlen. Sie werden dir Antidepressiva verschreiben, und du wirst dich glücklich fühlen. Bestimmt wehrst du dich in jungen Jahren noch gegen all das - wahrscheinlich wirst du in der Schule nicht still sitzen mögen. Doch sie werden dich dazu zwingen, bis du gar nichts anderes mehr kennst als still zuzuhören und glauben - wie eine Henne in der Legebatterie. Sie werden dich ausnützen, wenn du ihre Grundsätze verweigerst, bis du sie verzweifelt übernimmst. Hast du dich angepasst, wirst du keine Probleme haben, einen Mann oder eine Frau für dich zu gewinnen. Am leichtesten bestimmt, wenn du dir einen trainierten Körper schaffst: wie ein Stück Fleisch, mager, ohne Fett: gut. Du wirst bestimmt glücklich, auf ihre Art. Es wird dir ein Gott, ein Christkind und ein Osterhase eingeredet werden um später erklärt zu bekommen, dass dies alles eine Lüge, eine Illusion gewesen sei. Man wird dir sagen: Manchmal darf man sich an Illusionen klammern. Wenn du dich dann in deiner eigenen Kotze siehst und keinen Sinn im Leben findest, wird man dir noch einen gratis Schnaps gewähren. Es endet gut, werden sie murmeln. Das Leben endet nie gut, sondern tödlich, sage ich dir." Das Kind verzerrt sein Gesicht und beginnt herzzerreißend zu weinen. "Schrei nicht so laut." schimpft die Tagesmutter und presst ihr den Schnuller in den Mund. "Alles wird gut." Anno 2001


Neue Texte zum Label 'Tagebuch':
Textoptionen
Mehr Texte von
absurda
Mehr Texte zum Label
Tagebuch
Abonniere Kommentare oder Texte von absurda
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
1 Kommentar

speichern
schrei_zu_deinem_Gott
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

07.01.2010 - 22:01 Uhr
schrei_zu_deinem_Gott

Das Leben endet nie gut, sondern tödlich, sage ich dir.

Jetzt-Mitglied

absurda offline

absurda

ist jetzt-Userin und hat diesen Beitrag verfasst.

eine welt im angebot
Wien