27.12.2009 - 18:30 Uhr

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L 19746 Z

Text: philipp-mattheis - Fotos: Juri Gottschall, dpa, Philipp Mattheis

Im März dieses Jahres erschoss Tim Kretschmer in Winnenden 15 Menschen. Die Geschichte der Tatwaffe

Wer Peer Müller treffen will, muss in den Wald. Nach einer Viertelstunde Autofahrt gelangt man zu einem umzäunten Gelände, auf dem flache Häuser und bunkerähnliche Gebäude stehen. Eine Gruppe Rehe grast neben einem Grillplatz, auf dem Stühle stehen, die aus den Überresten von Fliegerbomben gebaut sind. Manchmal zeichnet sich ein sarkastisches Lächeln an Müllers Mundwinkeln ab. Zum Beispiel, wenn er die Türen der Halle öffnet, in der sein Lehrmaterial lagert. "Der Mensch ist sehr kreativ, wenn es darum geht, sich gegenseitig umzubringen", sagt er, grinst und schaltet das Licht an. In der Halle lagern präpariert und sauber geordnet Waffen aus vier Jahrhunderten: Kanonenkugeln aus dem Dreißigjährigen Krieg, schlanke Giftgasgranaten aus dem Ersten Weltkrieg, mannshohe Brandbomben aus dem Zweiten Weltkrieg, Gewehre, Pistolen, Mörser, Granatwerfer, Panzerfäuste, Maschinengewehre. Doch Peer Müller ist nicht hier in einem Wald südöstlich von Stuttgart, um Waffen zu sammeln. Seine Arbeit besteht darin, Waffen zu entschärfen und sie anschließend zu vernichten. Seit vergangenem Juli gilt für Besitzer nicht registrierter Waffen bundesweit eine Amnestie - sie können ihre Waffen noch bis Ende dieses Jahres straffrei abgeben. 200 Schusswaffen werden zurzeit allein in Baden-Württemberg abgegeben - täglich. Sie alle landen hier im Wald beim Kampfmittelbeseitigungsdienst, einer Sondereinheit der Polizei, um vernichtet zu werden. Nur selten ist eine brauchbare Waffe dabei, meistens sind es alte, vergessene Erbstücke aus dem Zweiten Weltkrieg. Peer Müller und sein bärtiger Kollege entladen die Lieferung des Tages. Mit dem Lauf nach oben stecken sie die Waffen in eine stählerne Tonne, deren Boden offen ist. Dann entzünden die Beamten die Holzscheite am Boden der Tonne. Binnen Sekunden füllt sich der Schuppen mit schwarzem, beißendem Rauch. Das Feuer wird über Nacht brennen. Danach sind alle Holz und Plastikteile verglüht. Das restliche Metall wird zu einem Stahlwerk gebracht und dort recycelt. Auch die Waffe, mit der Tim Kretschmer 16 Menschen einschließlich sich selbst erschoss, wird irgendwann im Laufe des nächsten Jahres hier landen. Peer Müller glaubt nicht, dass es weniger Amokläufe geben würde, wenn die Waffengesetze strenger würden. "Wenn jemand töten will, dann tötet er", sagt er. Tim Kretschmer, 17, fand eine Waffe und wurde zum "Amokläufer von Winnenden". Er fand sie im Kleiderschrank, weil sein Vater sie nicht ordnungsgemäß weggeschlossen hatte. Tims Vater wird in ein paar Monaten vor Gericht stehen - wegen 15-facher fahrlässiger Tötung. Nach dem Amoklauf von Winnenden am 11. März verlangte man Reaktionen. Um das Unverständliche erklärbar zu machen, gab man Waffen die Mitschuld am Tod von 15 Menschen. Wenn eine Waffe, schuld am Tod eines Menschen sein kann, muss man dann nicht Waffen verbieten? Die Große Koalition beschloss strengere Waffengesetze (siehe Kasten). Waffengegner gehen die Änderungen nicht weit genug, Waffenbesitzer fühlen sich diffamiert und unter Generalverdacht gestellt. Was kann der Weg einer Waffe über unseren Umgang mit Waffen erzählen? Welche Menschen hatten diese Waffe in der Hand, bevor Tim Kretschmer damit mordete? Die Beretta 92 FS ist 21 Zentimeter lang, besteht zum größten Teil aus Stahl und wiegt im ungeladenen Zustand 945 Gramm, im geladenen sind es 1100 Gramm. Die Inox-Variante glänzt silbern. 15 Schuss passen in ihr Magazin, dann muss nachgeladen werden. Tim Kretschmer tat dies genau sieben Mal. Die Kugeln verlassen den Lauf mit einer Geschwindigkeit von 365 Metern pro Sekunde und treffen ihr Ziel auf eine Entfernung von 50 Metern. Dies gelingt allerdings nur geübten Schützen. Berührt man die Beretta zum ersten Mal, kühlt der Stahl angenehm die eigene Hand. Nach einigen Minuten nimmt er die Körperwärme an. Die geriffelten Griffschalen verleihen auch einer schwitzenden Hand Halt. Ein wenig wundert man sich, wie schwer die Waffe ist - so schwer wie ein Liter Milch im Glas. Die letzte Pistole, die man in der Hand hielt, war aus Plastik und dementsprechend leicht. Man spielte damit einen Cowboy, der auf Indianer schoss, manchmal auch einen Piraten oder einen Soldaten. Die Beretta 92 FS wird geladen mit "9mm Parabellum"-Patronen, eine von dem Österreicher Georg Luger Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte und weltweit am weitesten verbreitete Munition. Diese Geschosse gelten als Großkaliber, die sogar mehrere Zentimeter dicke Wände durchschlagen können. Die Beretta 92 ist eine vergleichsweise leichte Waffe: Der Rückstoß ist deswegen stark und reißt die Hände eines ungeübten Schützens samt der Pistole gute zehn Zentimeter in die Höhe. Von einer geladenen Waffe geht eine Faszination aus. Sie abzufeuern, ist ein Erlebnis; wer es zum ersten Mal tut, wird es nicht vergessen. Im Kopf explodiert ein Gefühlscocktail aus Angst und Macht: Angst - vor sich selbst, Angst, die Kontrolle über die eigenen Bewegungen zu verlieren, Angst, dass im eigenen Gehirn eine Sicherung durchbrennt (obwohl einem noch nie einfach eine Sicherung durchgebrannt ist), dass etwas in einem drin sich selbstständig macht und plötzlich töten will. Macht, weil die sonst sozial so gut gesicherte Grenze zwischen Leben und Tod plötzlich auf wenige Millimeter zusammenschrumpft. Weil nun eine kleine Bewegung der letzten beiden Glieder des Zeigefingers über den irreversiblen Übergang entscheiden kann. Mit einem Klick auf das Bild startest du die Bildergalerie:
15 Waffen besitzt Tims Vater. 14 davon befinden sich verschlossen in zwei Tresoren, gesichert mit achtstelligen Zahlencodes. Nur eine nicht: Die Beretta mit der Seriennummer L 19746 Z liegt frei herum. Im Einfamilienhaus der Kretschmers lagern außerdem 4600 Schuss Munition. Tims Vater ist Sportschütze, trainiert im nahe gelegenen Schützenverein Leutenbach. Im Schießbuch des Vereins werden jeden Abend die teilnehmenden Schützen eingetragen. Der Tag, an dem Tim vermutlich zum ersten Mal mit ihr schießt, ist der 28. Oktober 2008. An diesem Tag hat Tims Vater Aufsicht, hinter ihm trägt sich Tim als Schütze ein. Das Schützenhaus des SSV Leutenbach liegt am Rande des Ortsteils Weiler. Ein kleiner Bach rauscht zwischen Bäumen und Wiesen vor sich hin. Lichterketten zieren die Eingangstür, und drinnen bringen deutsche Schlager die verrauchte Luft zum Schwingen. Was geschah mit Tim, als er hier zum ersten Mal mit dieser Waffe schoss? "Verschwinden Sie. Der Junge hat hier mit der Pistole geschossen, ja und? Sie haben nur Schaden gebracht. Verschwinden Sie!", schreit eine ältere Frau. Gefertigt wurde die Beretta 92 FS in Val Gardone del Trompia, eine Ortschaft in der Nähe der Stadt Brescia in Norditalien. Ein Schriftstück beweist, dass das Unternehmen schon im Jahr 1526 Waffen herstellte. Damals glich Italien einem permanenten Schlachtfeld, auf dem Stadtstaaten wie Venedig, Florenz, Mailand und außerdem der Papst, Spanien und Frankreich um die Vorherrschaft in Italien kämpften. "Wir sind Bergler, in der Schmiede sind wir aufgewachsen, das Eisen ist unser Lebensinhalt", schrieb Giacomo Beretta im Jahre 1683 über seine Familie. Das Geschäft blühte während des Krieges und welkte im Frieden. Um den Absatz auch in Friedenszeiten zu sichern, erweiterte die Firma Beretta ihr Sortiment auch auf Jagdwaffen. Italienische Soldaten zogen mit Beretta-Waffen in den Ersten Weltkrieg. Sie mordeten bei der Eroberung Abessiniens und schossen damit im Zweiten Weltkrieg. 1945 zerstörten die Bomben der Alliierten die Fabrik im Val Gardone del Trompia fast vollständig, aber Pietro Beretta II. gelang es, sich nach Ende des Krieges schnell mit den Siegermächten zu arrangieren. 2007 beträgt der Umsatz der Fabbrica d'Armi Pietro Beretta S.p.A. 435 Millionen Euro. Die Firma hat 2600 Mitarbeiter. 1976 verlässt zum ersten Mal eine Beretta 92 die Produktion. Seit 1985 ist diese Pistole die offizielle Waffe der amerikanischen Streitkräfte. Schützen loben ihre Zuverlässigkeit: Auch nach 17 500 Schuss kommt es zu keinen Ladehemmungen. Und sie schätzen das elegante italienische Design, das überall auf der Welt kopiert wurde. Auch im Internet hat die Waffe Fans: Es gibt eine Facebook-Gruppe namens "BERETTA 92 FS 9mm" mit über 1000 Mitgliedern - fast nur junge Männer. Doch niemand, der mit der Waffe der Seriennummer L 19746 Z zu tun hatte, spricht gerne darüber.
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