23.12.2009 - 18:30 Uhr

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Der Hipster: Ein Überbleibsel der Nullerjahre

Text: mercedes-lauenstein

Das vergehende Jahrzehnt hat zwar keine bleibende Moderichtung hervorgebracht, dafür aber einen unseren Zeitgeist sehr treffend beschreibenden Typus: Den Hipster.

Ende der 60er Jahre löste sich die immer relativ überschaubar gebliebene Gruppierung der Hipster langsam auf. Die europäischen Bohemians gingen gegen die politischen Missstände ihrer Länder auf die Barrikaden und stellten den amerikanischen Hipster dadurch vollkommen in den Schatten – er nämlich weigerte sich, politisch Stellung zu beziehen. Er hatte sich immer als liberal bezeichnet, weil es seiner prätentiösen Lässigkeit gut stand – die Motivation zu einer politischen Meinung jedoch hatte er nie entwickelt. Seine Existenz war eine unideologische und damit mehr Pose als Haltung. All das klingt verdächtig nach jenen exzentrisch gekleideten Jungs und Mädchen die heutzutage in den Szenevierteln dieser Welt von ihren bunten Tellerchen essen: künstlerische Querdenker wollen sie abgeben, in Wirklichkeit beschränkt sich ihr Interesse aber auf die bloße Zugehörigkeit zu einer Szene, die allein durch ihren Style avantgardistisch wirkt. Es ist wichtiger als Erster ein iPhone zu besitzen, als sich um die Briefwahlunterlagen zur Bundestagswahl zu kümmern. Nicht nur die Rückkehr des Hipsterwesens, sondern vor allem die Dimension in der sie erfolgt ist, macht sie so beachtenswert. Der moderne Hipster ist ein weltweites Phänomen – durch die Verbreitung des Internets ist die Zeitspanne, innerhalb der Mode vom Ausdruck eines individuellen Stils fotografiert, gebloggt, in einen Trend gewandelt und schließlich verkauft wird, kurz aber deutlich nachvollziehbar geworden. Sich in den Anfang der Kette einzugliedern und vorzugeben, einen bestimmenden Teil ihrer Entwicklung darzustellen, ist jetzt einfach und schick. Die persönliche Profilierung erfolgt nicht durch intellektuelle Bewandnis auf einem Gebiet, sondern durch puren Style. Im Vice-Magazine diktieren die bekannten Do's and Don'ts wie man am herausragendsten Underground zu sein hat, American Apparel propagiert mit seinen halbnackten, amateurhaft aufgenommenen 08/15 Models eine Art rebellische “Scheiß-auf- Etikette” Lebenseinstellung und Pornoseiten wie Hipsterporn zeigen der Welt, wie ungeniert man mit den letzten gebliebenen Tabus umgeht – und sich dadurch gleichzeitig auch noch auf die Spitze der stylischen Coolness befördert. Rund um die Welt bilden diverse bekannte Streetstyleblogs einen stets gleichen Prototyp des gewollten Exzentrikers ab – zwar dämmert der Masse allmählich, dass dieser sich vom Paradiesvogel einfach nur zum neuen Anführer des Mainstreams entwickelt hat – ignoriert es aber gekonnt. Ein gutes Beispiel dafür ist auch der durch Facebook entstandene Trend, sich für völlig gewöhnliche Parties einer Szenelokalität vorher online auf einer Gästeliste eintragen zu müssen. Am Eingang kauft man mit dem trotzdem zu zahlenden Eintritt dadurch die türsteherische Frage des “Stehste auf der Liste?” gleich mit ein. So wird neuerdings jedem vorgegaukelt, zu einer subkulturellen Avantgarde zu gehören. Viel wird seit geraumer Zeit über den Hipster gefachsimpelt – bei einer so großen medialen Auseinandersetzung mit einer Person, die nicht benannt werden will, wundert es nicht, dass der Hipster deshalb auch seit geraumer Zeit tot gesagt wird. Im Netz hagelt es Spott und Hohn, Seiten wie LookAtThisFuckingHipster und Hipsters Suck machen es sich zur Aufgabe, den Hipster beispielsweise anhand einer sogenannten Hipsterolympiade zu seiner eigenen Karikatur verkommen zu lassen. Am Treffendsten schafft das wahrscheinlich die britische Sitcom "Nathan Barley", in der gleichnamiger Protagonist eine Mischung aus DJ, Guerillakünstler und Webdesigner abgibt, -immer dabei auch sein Lieblingsmagazin „Sugar Ape“, eine sehr genaue Abkupferung des bekannten Vice Magazines. Im Zentrum der Serie steht Barleys Homepage Trashbat.co.uk und mit ihr die Erkenntnis, dass die große Welt des Internets zwar ungeahnte Möglichkeiten der (Selbst-)Publikation bietet, Talent und Qualität darin aber oft unansehnlich auf der Strecke bleiben. Zu guter Letzt gibt es jetzt als Jahresendschmankerl bei Gawker.com auch noch die "Hipster Of The Decade"-Abstimmung, in der man bis Ende des Jahres noch den Vollbluthipster der letzten Dekade wählen kann. Wer den Hipster nicht verhöhnt, „geht schon ganz gern mal auf eine Hipsterparty“, einfach, um ihn sich anzuschauen und sich eventuell hier und da modisch von ihm inspirieren zu lassen. Mehr als die Aufmerksamkeit eines gewöhnlichen Dekorationsgegenstands, den man spaßeshalber in seinem Alltag platziert, wird ihm nicht zuteil. Umbringen tut es ihn das aber nicht. Der Hipster ist nämlich eines nicht: blöd. Im Gegenteil, er schaltet schnell – weil sich die Welt um ihn herum so schnell bewegt, wie noch nie. Es ist eben nicht so einfach, wahren Tiefgang zu beweisen, wenn man oft nur durch das oberflächliche Abhandeln von Dingen am Puls der Zeit bleiben kann. Twitter-Nachrichten verpasst man sekündlich. In welches Gewand ist er also geschlüpft- da ihm der Trubel um seine Person zu bunt geworden ist? Ist er der immer noch extrem stylisch gekleidete Junge, der neuerdings aber durch den Biomarkt ums Eck streift und sich sehr für einen nachhaltigeren Lebenstil zu interessieren scheint? Der bei American Apparel nur noch nach den „organic cotton“ Shirts verlangt? Ja, vielleicht ist er das. Weil er die Oberflächlichkeit, die ihm nachgesagt wird, nicht länger erträgt und beweisen möchte, dass Style und intelligentes Engagement sehr wohl zu vereinbaren sind. Sogar besser denn je.
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