17.12.2009 - 18:30 Uhr

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"Wir schämen uns für unsere Generation"

Text: anke-luebbert

Der Klimagipfel geht in die entscheidende Runde und die Angst vor dem Scheitern nimmt zu. Henrike will sich sogar ihre Haare rasieren lassen. Warum? Ein Interview.

Im Kopenhagener Stadthafen liegt Schnee auf Straße, Schiffen und Häuserdächern. Henrike Wegener, 29, arbeitet in Lüneburg an einem Forschungsprojekt zum Umweltrecht. Seit zehn Jahren engagiert sie sich für Klimaschutz, seit einer Woche ist sie in Dänemark. Gemeinsam mit anderen Aktivisten will sie sich am Freitag vor Presse und Delegierten die Haare abrasieren. jetzt.de: Henrike, warum wollen Sie sich in der Öffentlichkeit den Kopf rasieren? Henrike: Für mich drückt es das Gefühl aus, das ich am Ende dieses Gipfeltreffens habe: Verzweiflung. Worüber? Über den Verlauf der Konferenz und die Unfähigkeit unserer Politiker, eine Katastrophe zu verhindern. Die Regierungschefs werden uns am Ende des Gipfels ein Ergebnis präsentieren und es vielleicht als historisch bezeichnen. Aber es ist jetzt schon abzusehen, dass es nicht reichen wird. Die Diskrepanz zwischen dem, was getan werden muss und dem, was tatsächlich passiert, ist riesig. Ich bin verzweifelt darüber, dass das, was die Zivilgesellschaft bisher versucht hat - Demonstrationen, Proteste, Lobbyarbeit - da drinnen nicht ankommt. Aber die Bilder von der Demo wurden doch während der Konferenz auf allen Bildschirmen übertragen. Ja. Nette Bilder. Aber berichtet wurde dann doch vor allem über die wenigen Krawalle und Festnahmen. Und das, worum es geht, bleibt im Hintergrund. Für mich ist es das einzige, was ich jetzt noch tun kann: Meine Verzweiflung ausdrücken. So etwas wie ein letzter Kraftakt.
Sich den Kopf zu rasieren ist ja was sehr Persönliches, Sie fügen sich damit selber etwas zu. Wie kommt es, dass Ihnen das Scheitern der Konferenz so nahe geht? Ich frage mich ja eher, warum das anderen nicht so geht. Ich habe eine kleine Nichte, die im August geboren wurde. Wenn ich an sie denke, spüre ich ein großes Verantwortungsgefühl. Dann frage ich mich: Was tun wir ihr eigentlich an? Ich habe das Bild von einer Lawine vor Augen, die man jetzt gerade noch aufhalten kann, bald aber nicht mehr. Was passiert dann? Dann geht es nicht nur um die Umwelt, sondern um unsere Gesellschaft, unser Zusammenleben auf dieser Kugel: Viele Menschen werden fliehen müssen, wenn das Wasser steigt, denn der größte Teil der Menschheit lebt am Wasser. Ressourcen und Trinkwasser werden sich verknappen, Menschen hungern. Die Kluft zwischen arm und reich wird größer werden und Konflikte werden zunehmen. Das fühlt sich für mich nicht abstrakt, sondern sehr konkret an. Warum ist es so schwierig, eine politische Lösung für das Problem zu finden? Einmal ist es offenbar schwierig, den Delegierten das Problem so nahe zu bringen, wie es mir geht. Deswegen auch die Idee, sich die Haare abzuschneiden. Andererseits stehen immer noch die alten Strukturen und Denkmuster im Vordergrund: das Gegeneinander von Staaten, das Konkurrenzdenken, das in Wirtschaftsfragen eine Rolle spielt. Der Klimawandel ist insofern ein neuartiges Problem. Konkurrenz kann dabei keine Rolle mehr spielen, wir müssen es gemeinsam lösen. Das scheinen die Staatschefs und -chefinnen nicht hinzukriegen. Sie waren für die Umweltorganisation Friends of the Earth auch als Beobachterin auf der Konferenz. Wie war das? Spannend. Aber ich habe das Gefühl, die Konferenz ist eine eigene Welt. Bei den Verhandlungen geht es viel um internationale Beziehungen, um die Architektur des Vertrages und gar nicht so sehr um das eigentliche Problem. Aber seit gestern hat die UN einige Organisationen komplett von der Konferenz ausgeschlossen, was ich schon erschreckend finde. Ich komme nun also nicht mehr rein. Stattdessen wollen Sie jetzt vor den Türen des Konferenzzentrums ihren Kopf kahl rasieren. Fällt Ihnen das schwer? Ja, sehr, sonst würde es auch mein Gefühl nicht ausdrücken. Das Motto der Aktion ist climate shame. Warum? Wir haben lange nach treffenden englischen Worten gesucht. Und „shame“ ist gut, weil es beides ausdrückt: Wir schämen uns für unsere Generation, dass wir es nicht hinkriegen, das zu tun, was nötig ist. Aber vor allem sagen wir „shame on you“ und meinen die Politiker, die den katastrophalen Klimawandel nicht abwenden. *** Mehr zum Klimagipfel auf sueddeutsche.de und im jetzt.de-Label Kopenhagen.


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Gargoyle
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Mag ich Mag ich nicht

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20.12.2009 - 23:10 Uhr
Gargoyle

Alexico sagte:
noroot: Ich gehe nun weder auf die Unterstellung ein, jemandem irgend etwas zu unterstellen noch auf jene, als einziger zu wissen wie die Dinge liegen. Natürlich darf jeder hier (oder sonstwo) seine Meinung haben – mich wundert nur dass diese insgesamt stark in Richtung Ablehnung einer Aktion tendiert die sich doch eindeutig für ein Ziel einsetzt, welches den meisten Menschen nützt.


Es geht auch nicht um das Ziel, sondern um den bescheuerten Weg. Wie will man die Klimakatastrophe verhindern, indem man sich die Haare abrasiert? Diese Aktion interessiert doch keine Sau. Es ist auch kein allzu großes Opfer, sich die Haare abzurasieren - das taugt nicht mal für eine Märtyrerrolle.

Genausogut kann ich eine Woche lang die Arbeit ruhen lassen und nur noch meine Lieblingsmusik hören, um ein Zeichen gegen die Klimakatastrophe zu setzen.

OOMONO
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Mag ich Mag ich nicht

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21.12.2009 - 09:17 Uhr
OOMONO

Gargoyle sagte:
Es geht auch nicht um das Ziel, sondern um den bescheuerten Weg. Wie will man die Klimakatastrophe verhindern, indem man sich die Haare abrasiert? Diese Aktion interessiert doch keine Sau.


wieso, es reden doch alle darüber?

Gargoyle
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Mag ich Mag ich nicht

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21.12.2009 - 09:23 Uhr
Gargoyle

OOMONO sagte:
Gargoyle sagte:
Es geht auch nicht um das Ziel, sondern um den bescheuerten Weg. Wie will man die Klimakatastrophe verhindern, indem man sich die Haare abrasiert? Diese Aktion interessiert doch keine Sau.


wieso, es reden doch alle darüber?


Alle? Hier reden ein paar Leute im Kosmos darüber. Man denkt kurz entweder "gute Aktion" oder "bescheuerte Aktion" und geht dann zur Tagesordnung über. Und was ändert das jetzt an unserem Verhalten in Sachen Klimakatastrophe? Und ändert die Dame mit den abrasierten Haaren ihr Verhalten? Zieht sie bei allen Standby-Geräten den Stecker raus? Fährt sie mit dem Fahrrad statt mit dem Auto? Heizt sie jetzt gerade ihre Wohnung nicht bis 23 Grad auf? Fragen über Fragen, die alle nichts mit den Haaren zu tun haben.

Ich mach mir jetzt mal einen Protest-Kaffee gegen den Klimawandel.

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Mag ich Mag ich nicht

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21.12.2009 - 09:31 Uhr
Gargoyle

Ach ja, die ganzen Hohlschwätzer in Kopenhagen haben auch drüber geredet - und was ist dabei herausgekommen? Anscheinend ist heute Reden schon als vollständiger Ersatz fürs Tun legitimiert. Unsere Kanzlerin sagt ja auch dauernd "Wir müssen etwas tun und eine gemeinsame Lösung finden" - und was tut sie? Nicht mal mit ihrer heißen Luft kann sie dem gegenwärtigen Kälteeinbruch etwas anhaben.

Alexico
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Mag ich Mag ich nicht

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21.12.2009 - 10:52 Uhr
Alexico

Was tut Ihr denn gegen den Klimawandel? Ausser Euch über andere Leute aufzuregen die entweder zu wenig oder das falsche tun.

Gargoyle
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Mag ich Mag ich nicht

2

21.12.2009 - 10:58 Uhr
Gargoyle

Alexico sagte:
Was tut Ihr denn gegen den Klimawandel? Ausser Euch über andere Leute aufzuregen die entweder zu wenig oder das falsche tun.


Das ist genau der Punkt. Jeder sollte sich erst mal an die eigene Nase fassen. Aber mit Haare abrasieren ist das eben nicht getan.

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anke-luebbert

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