07.12.2009 - 18:30 Uhr

3 128 Über Twitter weiterempfehlen

Die Frau mit den 100 000 Freunden

Text: andreas-glas

Die junge Münchnerin Jana Wall versucht, sich über Social-Network-Plattformen als Sängerin zu vermarkten.

Ein nasskalter Dienstagabend in München. Es hat gerade aufgehört zu regnen, da betritt Jana Wall auf hohen Stiefeln ein Schwabinger Café. Wenn sie läuft, fliegt ihr langes, strohblondes Haar umher, als würde sie tanzen. Mit großen Schritten stöckelt Jana zielstrebig auf einen Holztisch zu, an dem man wie in einem Schaufenster zur Straße sitzt. Immer munter vorwärts, mit großen Schritten ins Rampenlicht. Dorthin, wo sie jeder sehen kann: Das ist Jana Walls Lebenstraum. Im Schaufenster des Internets ist die 24-jährige Sängerin bereits eine kleine Attraktion. Unter dem Pseudonym „Charisma“ hat sie im Online-Netzwerk „Lokalisten“ über 100 000 Freunde gesammelt, so viele wie niemand sonst. Doch Jana Wall will mehr: „Mein Ziel ist es, in Deutschland Nummer eins zu werden“, sagt sie mit einem weißen Lächeln im Gesicht.
Jana Wall (links) und Marianna Kazachenko Die Musikindustrie leidet unter Internetpiraterie und sinkenden CD-Verkäufen. Und mit ihr leiden all jene Talente, die, wie Jana, von einer großen Karriere träumen. Früher klebten Bands Plakate, um Aufmerksamkeit zu gewinnen. Heute ist selbst ein MTV-Auftritt keine Erfolgsgarantie mehr. Daher setzen Solokünstler und Bands seit ein paar Jahren auf Eigenvermarktung im Web 2.0. Denn: Wer Musik in kostenlosen Online-Netzwerken veröffentlicht, dem ist eine hohe Reichweite garantiert. Der Rest funktioniert über ein Schneeballsystem: Finden die Netzwerk-Freunde des Künstlers Gefallen an dessen Musik, tritt eine Lawine virtueller Mundpropaganda los. Die Musik wird weiterempfohlen, der Künstler gewinnt Netzwerk-Freunde hinzu, wird international bekannt. Soweit die Theorie. In der Realität funktioniert diese Strategie selten. Auch die Münchnerin Jana Wall weiß das inzwischen. Trotz 100 000 Freundschaften bei Lokalisten, trotz ebenso vieler Klicks auf der Website des Online-Netzwerks „MySpace“, hat sich ihr Traum vom Nummer-Eins-Hit bisher nicht erfüllt. Im Gegenteil: Ihre im Sommer veröffentlichte Single verpasste gar den Sprung in die Charts. Hat Jana Wall die Chancen des Internet-Marketings überschätzt? „Nein“, antwortet ihre Freundin und Managerin Marianna Kazachenko, die Jana am Tisch gegenüber sitzt. „Die Single-Veröffentlichung fand in erster Linie für Lokalisten statt. Jana wollte einfach zeigen: Ich singe.“ Jana Wall nickt zustimmend, trippelt mit ihren langen, rot lackierten Fingernägeln auf dem Holztisch. Wieder zeigt sie ihr weißes Lächeln, doch diesmal will es nicht recht gelingen. Man kann nur vermuten, dass ihr Lächeln die Enttäuschung überdeckt. Jana Wall war oft nah dran am Durchbruch. Vor acht Jahren hat sie ihren ersten Fernsehauftritt bei „Deutschland sucht den Superstar“, schafft es unter die letzten 30 Kandidaten. Dann ist Schluss. Drei Jahre später bekommt sie über Castings eine Rolle in der Pro-Sieben-Serie „Abschlussklasse 2005“. Ein Jahr lang genießt Jana die Aufmerksamkeit, wird auf der Straße erkannt, schreibt Autogramme. Als die Serie endet, widmet sie sich erneut der Musik. Mit der Girlband „Las Chicas International“ gelingt eine Platzierung in den Charts, es folgt eine Clubtour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz, Auftritte am Ballermann. Nach wenigen Monaten steigt Jana aus, will als Solokünstlerin eigene Wege gehen. Zur selben Zeit schafft die britische Band „Arctic Monkeys“ ihren kommerziellen Durchbruch via MySpace, erweckt bei vielen Musikern eine Art Tellerwäscher-Mythos zum Leben. Ihre Erfolgsgeschichte zeigt: Wer die Möglichkeiten von Online-Netzwerken zu nutzen weiß, kann die Hierarchien der Musikindustrie sprengen, kann es auf eigenem Weg bis an die Spitze schaffen. Zwar ist der Erfolg der „Arctic Monkeys“ bis heute ein seltener Einzelfall geblieben, doch hat er die Träume vieler Musiker befeuert, hält jenen Mythos weiterhin aufrecht. Dass Jana Wall inzwischen das meistbesuchte Lokalisten-Profil hat, bezeichnet sie als „Zufall“: „Ich war ein Jahr lang in New York und als ich zurück nach München kam, hatte ich plötzlich 4 000 Freunde“. Daraufhin begannen Jana und Marianna damit, die Netzwerk-Freundschaften zu pflegen, sie antworteten auf jede Nachricht, stellten Foto- und Videomaterial online. Mit Erfolg: Täglich kamen Freunde hinzu. Im Sommer 2009 sind es bereits mehr als 80 000 - und Jana veröffentlicht auf Lokalisten ihre Single „As I stand“. Mit den Worten eines Betriebswirtschaftlers gesprochen: Die emotionale Bindung der Netzwerk-Freunde an Janas Person wird zur kommerziellen Bindung an ihre Musik. Das Lokalisten-Team unterstützt die Vermarktung, wirbt bei den Nutzern für Janas Single, verlinkt ihr Profil auf kostenpflichtige Download-Portale und auf Onlineshops, wo man ihre CD kaufen kann.
Weiter Seite 1 2


Neue Magazin-Texte:
Textoptionen
Mehr Texte von
andreas-glas
Mehr Texte zum Label
jetztgedruckt
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
Kommentar

speichern

Jetzt-Mitglied

andreas-glas offline

andreas-glas

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.