davor
Der Duft des Abends ist bittersüß. Die Zeit seit Acht war versoffen, bisweilen voller sinnvernebelndem Rauch. Die Wärme der Prozente hat längst jeden Winkel unserer winterkalten Körper erreicht, klar denken kann keiner von uns, aber irgendwie ist das gut, für den Augenblick jedenfalls. Wir schlendern eine frischverschneite Straße entlang, Arm in Arm. Es schneit das erste Mal dieses Jahr, und wir hinterlassen knirschend unsere Abdrücke in der jungfräulichen Winterdecke auf dem Asphalt. Kaum zwei Meter gradeaus torkeln wir Arm in Arm im Licht der Straßenlaternen unter Vollmond und Sternen entlang, und dabei singen wir. Wir versuchen Weihnachtslieder zu finden, die ausdrücken können, was hier grade passiert. Die Töne treffen wir nicht, und eigentlich ist es auch keine Melodie, aber es tut uns gut so grundverschieden und schief in die Nacht zu grölen. Wahrscheinlich hätten wir jetzt Ärger mit Greenpeace, wenn die wüssten, was wir den Tieren antun.
Ich schreie: "Vielleicht sollten wir ein bisschen leiser sein?" und du lachst viel zu laut. Aber eigentlich hat dein Lachen recht. Dieser Augenblick ist wunderschön, und es gibt keinen Grund, ihn nicht zu teilen. "Morgen Kinder wird's was geben", stimmst du an, und ich Ahne nicht wie recht du hast. Wir sind zwei fremde Seelen, erst seit einer Nacht vertraut. Ich war noch nie bei dir zu Hause, und du sagst es sei jetzt nichtmehr weit. Dann singst du weiter. Ich singe mit. Zwei Schritte nach vorne rechts, dann einen gradeaus, dann schiebst du mich wieder in die Straßenmitte, weiter nach links. Wir kommen nur langsam voran. Plötzlich bleibst du stehen und wirst ganz ruhig. Du nimmst meinen Arm, und mit deinem anderen zeigst du in den Himmel. Und dann sagst du: "Der Stern da oben. Siehst du den? Wenn du mal Einsam bist, dann denk daran: Da oben, da bin ich." Ich verstehe nicht was du mir damit sagen willst, und dann Lachst du wieder so laut und niedlich, als hättest du das nicht ernst gemeint. Ich lache unsicher mit dir, aber ich glaube dir nicht, dass es ein Scherz war.
Später liegen wir in deinem Bett. Du umarmst mich, aber du machst keine Anstalten mir näher zu kommen. Also liegen wir einfach da. Also schlafen wir einfach ein, unter einer Decke und ganz nah beieinander. Es ist ganz warm, obwohl es draußen schneit. Du bist so ruhig geworden, und dann hast du garnichts mehr gesagt. Mich angesehen, mit deinen großen Grünen Augen, und geschwiegen. Bis ich meine Lider nicht länger offen halten kann, bis ich in meinen Träumen versinke.
Am nächsten Morgen wache ich auf, und mir ist kalt. Ich suche dich und deinen Atem, deine wärmende Hühnerbrust an meinem Ohr, aber meine Arme finden nichts. Das Platz neben mir ist leer. Ich drücke meinen Oberkörper hoch und reibe meine müden Augen. Du bist nicht mehr im Zimmer. Die Tür steht offen. Langsam schiebe ich meine trägen Glieder von deinem Ikea-Schlafsofa runter, und als ich endlich stehe blicke ich auf einen Flur, an dessen Ende du auf dem Boden Sitzt. Im Licht eines winterlichen Sonntagmorgens, dass durch eine Reihe von Dachfenstern auf deine wunderschönen Haare scheint, hockst du da, und umklammerst deine Beine. Durch meine Kopfschmerzen hindurch kann ich sehen, wie du weinst. ich gehe zu dir hin, ich setz' mich zu dir auf dem Boden und umklammer dich. Ich halte dich fest, und du drückst dein kaltes, nasses Gesicht in meine Arme. Hilflos bin ich, ich weiß nicht was ich machen soll. Du flehst mich an: "Lass mich nicht allein, nie wieder." Und ich antworte: "Ich bin da, für immer.", aber ich weiß nicht, ob das stimmt. Und dann zuckst du wieder, aber schon nicht mehr so doll. Vielleicht weißt du auch, dass ich gelogen habe. Aber du wirst stiller. Bis es irgendwann aufhört. Bis wir irgendwann nurnoch umarmt beieinander sitzen, an diesem Dezembermorgen.
danach
Ich weiß nichtmehr, wie genau das dann zu Ende ging. Wir haben uns nicht geküsst. Aber ich habe zum Abschied gesagt: "Bis Bald, mein Lieber", und du hast geantwortet "Ja, bis bald", und dann hast du versucht dein schönes Lächeln zu lächeln, aber es war nicht mehr das selbe wie im Dunkeln, am Abend davor. Jedes kleine Teil von dir hatte ein bisschen von diesem traurigen Geheimnis in sich, von dieser Einsamkeit, die dein Leben war. Du hast mir einen Zettel in die Hand gedrückt. Du hast gesagt, ruf an. Ich habe den Zettel angeseh'n, auf dem Weg nach Hause, und dann habe ich ihn ganz nah an mein Herz gelegt.
Ich bin S-Bahn gefahren, viel länger als ich müsste, durch all den Schnee und die Kälte. Ich habe aus dem Fenster geseh'n, so theatralisch und erhaben. Ich habe mich in der Scheibe gespiegelt, und ich habe mich gefragt wer du bist. Als ich nach Hause gekommen bin war es Abend. Ich habe mich schlafen gelegt, und ich habe mich nach dir gesehnt. Aber Angerufen habe ich nicht.
Ein paar Tage Später habe ich es dann in der Zeitung gesehen. Es war eine kleine Anzeige, ganz unscheinbar. Sie war von deinen Eltern. Dann habe ich den Zettel aus der Tasche geholt, nur um sicherzugehen, und als ich wusste, das es wohl so war, habe ich auch angefangen zu weinen, so wie du an diesem Sonntag, und auf einmal habe ich dich verstanden. Wie Einsam du gewesen sein musst. Deine schlichte Todesanzeige, dünn in schwarz gerahmt, ganz ohne Kreuz, inmitten all der anderen. Es steht dabei wann du beerdigt wirst, und das du zu früh gegangen bist. Eigentlich kenne ich dich nur von diesem einen Abend, und ich fühle mich jetzt trotzdem als deine beste Freundin. Ich fühle mich schuldig.
Ich stehe nicht alleine in der Kirche, aber es folgen nur wenige dem kleinen Aufruf auf der großen Zeitungsseite. Es ist viel Familie da, und niemand, der ein Freund aus deinem Leben sein könnte. Die meisten sind einfach zu alt. Ich weine viel, und denke an den kalten leblosen Körper, der da im Sarg liegt. Irgendwann steht ein fremder neben mir, und legt seinen Arm um mich. Im Tod halten sie dann doch zusammen, denke ich mir.
Es tut mir leid, dass ich mein Versprechen gebrochen habe. Dass ich nicht da war, als du all das Zeug geschluck hast. Ich wollte dich nicht gehen lassen, und noch weniger alleine. Und manchmal gehe ich ohne jede Notwendigkeit Nachts vor deinem Haus vorbei, und dann bleibe ich stehen und sehe deinen Stern an. Ich weine. [link= ist so, dass du fehlst, auch wenn du das nicht glaubst. Direkt hier, neben mir. Unter meiner Decke. In meinem Herzen. Da überall ist es leer, ohne dich. Und trotzdem kommst du nicht zurück.
Machen wir uns nichts vor
Wir passen hier nicht hin
Ich bin zu dumm
Und du bist zu dünn für mich
Es ist noch nicht einmal,
Dass etwas quält
Es ist eher, dass du hier fehlst für mich
Es ist so, dass du fehlst...
Es ist so, dass du fehlst...
Aus einem Gefühl
Tiefer als Hass
Siehst du, wer hier stirbt
Und wer leben darf
Und tu mir bitte einen Gefallen
Denk an mich, wenn du denkst
Manchmal spür ich, dass du hinter mir stehst
Aber es ist so, dass du fehlst
Es ist so dass du fehlst
Du bist das Beil, ich bin der Wald
Hier hat noch jeder, jeder bezahlt
Du bist das Beil, ich bin der Wald
Hier hat noch jeder, jeder gezahlt
Es ist noch nicht einmal,
Dass etwas quält
Doch manchmal denke ich,
Dass du hinter mir stehst
Aber es ist so, dass du fehlst
Es ist so dass du fehlst
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06.12.2009 - 23:29 Uhr
sisyphe1
davor: ja, aber danach: das ruiniert wieder meine tastatur...