Nemec ist nicht Pitt
Plötzlich schauen sonntagabends wieder alle "Tatort" und halten das für großartige Unterhaltung. Lächerlicher Hype, findet unser Autor.
Bestimmt gibt es für solche Dinge einen soziologischen Fachausdruck: Dinge, die erst cool, dann uncool und dann wieder cool werden. Schlaghosen zum Beispiel (wobei die eigentlich eine Stufe weiter sind, also wieder uncool), Nierentische und in gewisser Weise auch Großeltern. Zuerst findet man was gut, weil es neu ist. Dann müssen sich Jüngere dagegen abgrenzen und noch Jüngere denken dann, damals, da war noch alles gut. Eine anthropologische Konstante ist das, das Gesetz des Trends, das ich zufällig entdeckt habe.
Seit ein paar Jahren ist es spießig, den "Tatort" spießig zu finden. "Tatort" schauen ist jetzt das neue Ding. Wir gucken den "Tatort" gemeinsam oder alleine oder treffen uns in Kneipen, wo der "Tatort" auf einer Leinwand läuft. Wir füllen dieses unbehagliche Zeitloch am Sonntagabend, wo alle anderen zusammen auf der Couch liegen und einem sonst hammerhart bewusst werden würde, dass man keine Beziehung hat, sondern mutterseelenalleine ist und morgen in die Schule, Uni oder Arbeit muss.
Am nächsten Tag fragen sich dann junge, halbwegs gescheite Menschen gegenseitig: "Hast du gestern den Tatort gesehen?" Wenn der Tatort aus Münster kam, ergießen sich alle in Lobpreisungen: "Wahnsinn, war der lustig!", "Und der Vater vom Kommissar, wie heißt er gleich, der Taxifahrer? Mann, war der lustig!" "Und die Staatsanwältin erst! So lustig." München ist auch lustig, aber nicht ganz so lustig wie Münster. Der mit Charlotte Lindholm ist nicht unbedingt lustig, aber gut, weil Charlotte Lindholm so eine tolle Frau ist. Borowski aus Kiel ist manchmal sehr gut, manchmal sehr langweilig. Bremen ist dagegen einfach nur durchgeknallt.
Dabei ist das alles eine gewaltige Fehleinschätzung: 90 Prozent aller "Tatorte" sind einfach nur mies. Die restlichen zehn Prozent sind nur gut, weil wir eigentlich etwas Spießiges erwarten, das dann gar nicht so spießig und langweilig ist. Wir tun so, als spiele Jan Josef Liefers in einer Liga mit George Clooney und als sei Miroslav Nemec alias Batic ein bayerischer Brad Pitt. Wir halten es für einen großartigen Plot, wenn Andrea Sawatzki glaubt, von Aliens besessen zu sein. Wir finden es besonders authentisch, wenn es immer zum Ende noch eine kleine Schießerei gibt. Und die Titelmelodie ist natürlich auch voll retrogeil.
Der "Tatort" am Sonntagabend ist so, wie Deutschland früher einmal war: manchmal drollig, oft peinlich, aber immer provinziell. Ich finde Tatort schauen nicht mehr cool. Für mich ist er schon wieder uncool. Ich bin schon weiter und jetzt auf einer Stufe mit der Schlaghose. Oder in der vorherigen Stufe steckengeblieben. Oder meine Theorie stimmt nicht. Diesen Sonntag läuft jedenfalls eh keiner.
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27.11.2009 - 18:45 Uhr
pommiss
pommiss sagte:
Pff, Tatort ist toll, weil mein wöchentliches Routineritual. Routinerituale beruhigen ungemein. Vor allem Sonntag abends.
auch wenn Herr Eco nicht müde wird zu betonen, dass der Krimi so metaphysisch ist.... pah pustekuchen
27.11.2009 - 18:49 Uhr
seize
D. h. letztens gab es dann doch noch den Krimi-Drehbuch-Tabubruch: Borowski und die Psychologin landen endlich in der Kiste.
Ich gebe zu, ich habe seit Jahren keinen mehr angeschaut, weil ich der ganzen Krimiserien seit einer Weile überdrüssig bin und keine Morde zum Feierabend mehr sehen will.
Aber zumindest früher waren die Tatorte wirklich gute Filme mit guten Drehbüchern, Dialogwitz, hervorragenden Schauspielern und sehr realistischen Millieustudien. Man würde sich von manchem Hollywoodfilm wünschen, er würde wenigstens zwei dieser Kriterien in sich vereinigen.
Klar ist Nemec nicht Brad Pitt, nicht mal Stacy Keach, aber ich will ja auch nicht Brad Pitt oder Stacy Keach auf dem Viktualienmarkt über Leberknödelsuppe schwadronieren hören.
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27.11.2009 - 18:44 Uhr
pommiss