Allein unter Frauen
Text: andreas-glas - Fotos: Dominik Asbach
Braucht man zum Erwachsenwerden weibliche und männliche Vorbilder? Quatsch, sagt Felix. Er hat zwei Mütter
Felix
Seit zehn Jahren lebt Felix inzwischen mit zwei Müttern. Das Verhältnis zum Vater ist nach wie vor schwierig, er trifft ihn selten. „Manchmal denke ich auch, dass es für Felix nicht ganz einfach ist, so allein unter Frauen“, sagt Mutter Anne, die neben ihrem Sohn am Küchentisch sitzt. Sie blickt Felix fragend an, dann hellt ihre Miene auf: „Aber wir haben ja den Kater angeschafft, damit wenigstens ein weiteres männliches Wesen im Haus ist.“ Felix lächelt kühl und sagt: „Ich kann den Kater nicht leiden.“
Was für Felix seit einem Jahrzehnt Alltag ist, war für die Öffentlichkeit lange unerforschtes Gelände. Vor allem eine Frage stellen konservative Politiker immer wieder: Entsprechen Kinder aus Regenbogenfamilien ihren natürlichen Geschlechterrollen? Das Ergebnis eines aktuellen Forschungsprojekts aus dem Sommer dieses Jahres sagt: Es gibt in der Entwicklung keine Unterschiede im Vergleich mit Kindern, die in klassischen Familien aufwachsen. Im Gegenteil, heißt es in der Studie, die im Auftrag des Bundesjustizministeriums am Bayerischen Staatsinstitut für Familienforschung an der Uni Bamberg entstand: Kinder aus Regenbogenfamilien sind zuweilen besonders selbstbewusst und gefestigt, weil sie früh lernen müssen, Widerstände zu überwinden. Für Felix indes stellt sich die Frage nach der Geschlechteridentität gar nicht erst: „Die typische Rolle des Mannes gibt es für mich genauso wenig wie die der Frau. Das ist von der Natur sowieso nicht festgelegt.“
Auch an sich selbst bestreitet Felix jeden Charakterzug, der gemeinhin als typisch männlich gilt. Seine Mutter sieht das ein wenig anders: Ein Macho sei er ja manchmal schon, sagt Anne und verdreht die Augen hinter den Brillengläsern: „Überall lässt er seine Klamotten liegen, weil er glaubt, dass eine von uns Frauen die Sachen schon aufheben wird.“ Der Kater schleicht unterm Küchentisch hindurch, Felix ignoriert ihn und widerspricht seiner Mutter entschieden: „Das hat nichts damit zu tun, dass ihr Frauen seid. Ich nehme es eben nicht so genau, wenn es ums Aufräumen geht.“ Erst als Anne erzählt, dass Felix früher auch mit Puppen gespielt, jahrelang seinen Teddy gestillt habe, werden seine Wangen doch ein wenig rot, sinkt sein Blick wieder tief in die Kaffeetasse.
Der Teddy liegt auch heute noch auf seinem Bett, daneben eine E-Gitarre. Viele Medaillen säumen die Wände seines Zimmers, Felix zeigt in seinem Zimmer stolz auf einen großen Pokal: Seit kurzem ist er nordrhein-westfälischer Landesmeister im Mountainbiking. Mit seiner Freude darüber fühlt er sich manchmal allein: „Es nervt mich schon ein wenig, dass meine Mütter sich nicht besonders für meinen Sport begeistern können. Mein Vater ist da ganz anders: Er fährt auch Rad. Manchmal gehe ich mit ihm schwimmen.“
Es herrscht kurz Stille, dann zeigt Felix auf ein Foto: „Um ehrlich zu sein: Das ist nicht meine einzige Ex-Freundin, da gab es schon mehrere.“ Er lächelt jetzt schelmisch, wie 17-jährige Jungs eben lächeln, wenn sie über Mädchen reden. Gegenüber seinen Müttern erwähnt er die häufig wechselnden Freundinnen selten: „Die finden das natürlich nicht so gut.“
Felix erklärt beinahe entschuldigend, dass er ja auch deshalb leicht mit Mädchen ins Gespräch komme, weil er von seinem etwas anderen Leben erzählen könne, von seinem Leben mit zwei Müttern. „Es ist hier inzwischen fast schon schick, uns zu kennen. Das liegt aber auch daran, dass Sabine Ärztin und Anne Hebamme ist. Wäre das anders oder hätte ich zwei schwule Väter, wäre es vermutlich viel schwieriger“, sagt er.
Während Felix erzählt, dass er später Grundschullehrer werden will, hellt der Himmel über Betzdorf auf. Felix will das gute Wetter nutzen und gleich eine Runde mit dem Mountainbike drehen. Er verabschiedet sich an der Haustür. Dort stehen im Eingangsbereich gut zehn Paar Schuhe der Marke „Converse“. Ordentlich aufgereiht. „Das sind alles meine“, sagt Felix mit einem Blick auf den Boden. „Ich habe einen kleinen Schuhtick.“ Jedes Paar Schuhe hat eine andere Farbe. Rot, Gelb, Grün – Regenbogenfarben.