Hanna, Tim und die vielen Anläufe
Was wir von der Liebe wissen, wissen wir aus eigenen Erfahrungen und aus den Geschichten anderer. In der letzten Folge erzählen Hanna und Tim von ihrer Liebe, die eigentlich schon immer da war.
Tim, 22, studiert Betriebswirtschaftslehre, Fachrichtung Industrie in Berlin. Mädchen fand ich nie doof, nicht einmal in der Grundschule. Mädchen waren sogar richtig interessant, wenn auch etwas angsteinflößend. Zum Beispiel Hanna. Sie sah schon viel reifer aus als alle anderen aus der Klasse und obwohl sie immer sehr aufgeschlossen und nett war, habe ich mich nie so recht getraut, mit ihr zu reden. Ich war so eingeschüchtert, dass ich mir nicht einmal einzugestehen wollte, dass ich in sie verknallt war. Diese Erkenntnis kam durch eine Hintertür: Wenn Hanna davon erzählte, dass sie irgendwelche Jungs im Chat kennengelernt hatte, hat mich das furchtbar gestört. Ich war eifersüchtig, also muss ich wohl verliebt gewesen sein. Ich bin dann in denselben Chat und habe mit Hanna geschrieben. Das fiel mir leichter, wegen der Distanz und weil ich mir besser überlegen konnte was ich sage und wie. Dann kamen die ersten Handys und ich habe in den Osterferien mein gesamtes Taschengeld mit ihr versimst. Als ich aber aus dem Osterurlaub mit den Eltern zurück kam, war Hanna schon mit einem älteren Typen zusammen, einem Realschüler aus "unserem" Chat. Das war natürlich wie ein Schlag ins Gesicht. Die Geschichte hat sich im Laufe der Schulzeit ein paar Mal wiederholt. Wenn ich es mir im Nachhinein anschaue, stand ich eigentlich immer da wie der Depp vom Dienst: Immer kam mir jemand zuvor. Nach der Chatgeschichte bin ich Hanna aus dem Weg gegangen, aber irgendwann hielt ich es nicht mehr aus. Ich war ja immer noch in sie verliebt. Das war ein klassisches Gefühlsdilemma: Einerseits war ich richtig sauer auf sie und litt tierisch an Eifersucht, konnte ihr aber doch nicht fern bleiben. Hannas Nähe wog alle Qualen auf. Kam ich ihr aber zu nah – endete der Spuk unvermeidlich im Herzschmerz. Das wusste ich schon vorher, habe mich aber trotzdem immer wieder verbrannt. Eigentlich ist meine gesamte Schulerinnerung von Auf und Abs mit Hanna geprägt: Einmal in der Achten, dann wieder in der Neunten. Immer wenn ich mich kurz vor dem Ziel wähnte, wurde ich mehr oder weniger wortlos abserviert. Und jedes Mal dachte ich: Jetzt ist Schluss, jetzt gibt es endgültig nichts mehr zu kitten. In diesen Momenten habe ich sie sogar kurz gehasst, wurde dann aber trotzdem wie eine Motte vom Licht angezogen. Irgendwann habe ich mich mit der Situation abgefunden, habe mich sogar ernsthaft in eine andere verliebt. Die Gefühle für Hanna wurden wie ein dumpfer Zahnschmerz, an den man sich nach einer Weile gewöhnt. Ich hatte schon alle Hoffnung aufgegeben und mich mit ihrer Freundschaft zufrieden gegeben. Und genau in dem Moment habe ich gemerkt, dass Hanna ziemlich eifersüchtig auf meine damalige Freundin war. Und mir gegenüber alles andere als gleichgültig. Als ich wir in dem Sommer zwischen der zwölften und dreizehnten Klasse zusammen kamen, war es das höchste anzunehmende Glück. Diesmal spürte ich: Das ist nicht nur für eine kurze Zeit, das ist echt. Wir haben uns beide verändert, sind beide erwachsener und reifer geworden. Das Warten hatte sich endlich ausgezahlt. Zuerst dachte ich, ich würde mich nie an dieses Glück gewöhnen, würde nie mehr aufhören können zu lächeln. Aber so ist das im Leben: Euphorie wird zu stillem Glück, stilles Glück zu Zufriedenheit, Zufriedenheit zu Selbstverständlichkeit und dann zu Gewohnheit. Ich strenget mich nicht mehr an, wurde bequem weil ich dachte: Hanna wird für immer da sein. Nach dem Abi war ich quasi arbeitslos, ziemlich down deswegen und so egoistisch in meinem Unglück, dass ich nicht einmal merkte, wie Hanna sich immer mehr von mir entfernte. Sie hat mich wieder für einen anderen verlassen, diesmal ganz verdient. Viele denken, ich müsste sauer auf sie gewesen sein, aber eigentlich bin ich ihr dafür dankbar: Sonst hätten wir vielleicht nie gemerkt, wie viel wir einander bedeuten. Wenn mir jemand anders meine Geschichte erzählen würde, würde ich denken: Der ist aber schwer von Begriff. Vier Mal absolviert und immer noch dran geblieben. Jeder anderer hätte es viel schneller kapiert. Hab ich aber nicht. Und das war eigentlich das Beste, was mir passieren konnte.- Liebespaare: Jule, Sven und der Moment am Pfandautomaten 04.11.2009
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