"Halloween in Camden is like every other day in Camden"
Bin grad wieder aus dem Urlaub wieder da, North Devon, Cornwall, und so. Strand mit Felsen, Strand mit Sand, Wasserfaelle inklusive, tolle Ausblicke, wenn kein wolkenverhangener Himmel und Stille. Viel Stille. Entspannende, ohrenfreundliche Stille. Stille morgens, Stille abends. Vor allem Stille nachts(!) 6 Tage sind Entspannung genug, denk sich mein Remmidemmigewoehnter Kopf, ein Kribbeln macht sich in den Fusssohlen bemerkbar, ich wackel ablenkenderweise mit den Zehen im Takt des "BBCeee Raaadio Twooo"-Jingles. Unruhig rutsch ich beim Fruehstueck auf dem Stuhl rum (an Beans on Toast kann man sich wirklich nicht gewoehnen, und es ist tatsaechlich nicht nur eine Mallorcacluburlaubsbuffetsitte, sie essen es wirklich!), ungeduldig huscht mein Blick im BBC Radio 2-Takt auf die Uhr. Es ist der 31. Oktober, Halloween, und ich sitz irgendwo in der Pampa, waehrend ich schon am gestrigen Abend die Nachrichten von den Maedels in der Hauptstadt wie fremde Signale aus dem All aufgenommen hab, sie kamen mir ferner vor als meine lieben Eltern auf dem heimischen Sofa im noch pampaaehnlicherem Ostfriesland. Ich komme mir unheimlich doof vor, auf einmal. Ich hab genau dort fast 20 Jahre meines Lebens verbracht, wohn' nun grade mal 2 Monate in London und schon ist diese Grossstadtbelustigungsdrang in mir ausgebrochen, ich nenne die wunderschoene, englische, smogfreie, gruene Countryside in Gedanken Pampa und sehne mich nach Alkoholkonsum und verantwortungslosem Geld-aus-dem-Fenster-werfen in der gefuehlt teuersten und hektischen Stadt der Welt. Welch Frevel. Andererseits, habe ich mein Landpomeranzendasein nun gefristet?Natuerlich bleiben wir im Stau stecken und der Verkehr in der Stadt (Endspurt!) war natuerlich auch etwas, was man sich besser entgehen lassen haette. Mein Bedauern ob einer fehlenden Verkleidung weicht beim spaeteren Einkauf einer gnadenlos billigen Strongbow-2-Liter-Flasche, nun bin ich bestens ausgestattet, froehlich glucksend eiern wir maedchenmaessig zur Tube, ich wie ein Heimkehrer die verdreckte Londonluft in grossen Zuegen einatmend und mit einem zufriedenen Grinsen die schaukelnden Menschenmassen, die sich auf den Fussgaengerwegen draengen, ueberblickend. I'm back for good!
Warum sind wir eigentlich schon wieder im Barfly gelandet? Diese Frage stellt sich mein Verstand, als ich an der klebrigen Theke zwischen zwei lederbejackten "blokes" klemme. Achja, die Musik. Ich steh ja auf 60er und so. Der Flatscreen ueber des Djs Kopf zeigt eine Reportage ueber die DDR, weiss der Teufel warum, grinsende FDJler laufen Hand in Hand auf einer Blumenwiese, dann irgendeine Parade, gescheitelte Koepfe, sie singen, der DJ tanzt zu den Kinks, You really got me kommt wirklich jedes Mal. Die Lederbejackten haben mich in einem guenstigen Moment einfach weggequetscht, ich suche mir eine neue Nische fuers Bierbestellen. Nun laeuft "The most shocking scenes" aus einer Chronik von schlechten Gruselfilmen. Ich erkenne nur Chucky's Braut. Ueber der Theke haengt ein Schild: "Our house wine is Jaegermeister!". Na dann, zum Wohl!
Zwischen lauter Frankensteins und Leichen, einer wirklich gelungenen Mumie und vielen High Heels draengel ich mich mit 'nem Carlsberg zum Sofa durch, hab die anderen mal wieder verloren und verspuere das Beduerfnis eine Nachricht an den Freund zu schicken. Gratuliert man zu Halloween? Ach ne..
Mit dem Fuss zu der grandiosen Musik wippend versuche ich im Dunkeln die Tasten zu erkennen. Ein Schatten bewegt sich neben mir und gibt zu erkennen, dass er sich an linker Seite zu mir niederlassen will. Aus dem Augenwinkel erkenne ich einen bebrillten Pummel (nicht, dass mich jemand falsch versteht, von wegen Brillen sind fuer Nerds und so, quatsch, aber er hatte wirklich eine!), der linkisch heranzuruecken versucht. Unter seinem Blazer mache ich beim obligatorischen Klamottencheck ("gooosh", wie albern von mir!) ein Doors-Shirt aus. Na gut. Ob ich myself enjoy und ob es mir gut geht. Langgezogenes 'yeeah', Blick auf Bildschirm gerichtet, zwei Zentimeter weiter Richtung Lehne, weg von ihm ruecken. Ich komme mir dann doch ein wenig gemein und unkommunikativ vor, nehme mir vor fuer die naechste Frage eine interessierte Antwort parat zu haben. "Is this The Doors"? fragt er dann bei Paint it Black. Vollkommene Entruestung meinerseits! Gluecklicherweise erspaehe ich in dem Moment meine Freundin, oh ist der Mann, der an ihrem Mund saugt der unverschaemt gutaussehende Ire, von dem sie schwaermte? Tatsache. Beweg' mich Richtung Tanzflaeche, in die Naehe der Knutschenden, vielleicht laeuft mir hier der Rest meiner Truppe ja noch ueber den Weg. "Is this Keith?" Sehe ich aus wie die Auskunft? Ein Typ mit gruener Faschingsschminke und schwarz umrandeten Augen zeigt auf meinen Bauch. "Aehm, yeah. It's him." Immerhin scheint er musikmaessig besser informiert zu sein als andere "Gespraechs"partner. In den naechsten drei Minuten versucht er mich ohne Erfolg durch Gesellschaftstanz (tun Zombies sowas?) zu beeindrucken. Er greift zu haerteren Mitteln und erzaehlt mir sein Vater haette frueher mit Mick Jagger abgehangen und oefters mal nach Konzerten mit eben dem an der Theke 'ne Runde gepichelt. Ich mime ein erstauntes Gesicht, scheint ja wohl ein cooler Daddy gewesen zu sein, aber das macht den Sohnemann auch nicht attraktiver. Davon ausgehend, dass ich, da ein Keith-Richard-T-shirt tragend folgedem keine anderen Gespraechsthemen als die Rolling Stones akzeptiere, fragt ich mich nach meiner Meinung zu diversen Songs. Just dann taucht meine knutschende Freundin direkt neben mir auf, in dem Iren erkenne ich einen der lederbejackten Quetscher von der Bar wieder, seine Augenlider sind verdaechtig weit geschlossen. Lallend stellt er sich vor, von einem liebevollen, anderweltlichen Grinsen meiner Freundin begleitet. Ich ueberlasse sie wieder ihren Intimitaeten.
Spaeter, als ich betrunkener bin und alle anderen noch betrunkener wiedergefunden hab, laeutet es zur Speerstunde. Was fuer ein Mist, da geht's erst richtig los und dann werden um 3 die Tueren geschlossen und die Fenster mit Presspappe verhaengt. Auf dem Weg zum Buststop lassen wir Revue passieren. Ich bringe in Erfahrung, dass der Toelpel vom Sofa der Harry Potter-Grafiker ist. Habe ich mit meiner Unfreundlichkeit die Etikette verletzt? Harry hin oder her, einen besonders erinnerungswerten Eindruck hat der aber nun wirklich nicht gemacht. Es folgen weitere Zombieaufreissgeschichten.
"Tottenham Court Road, 12 Min". "Scheisse, so lange muss ich mir noch hier noch den Arsch abfrieren?" ruft eine meiner Maedels beim entnervten Blick auf die Zeittafel an der Bushaltestelle. Ich lasse mich neben Jack the Ripper und 2 gnadenlos aufgetussten Pseudo-It-Girls (tragen sie wirklich nur dieses durchsichtige Neglige unter der Leggings?!) nieder. Die Muedigkeit kommt auf einmal in grossen Schritten, als ich die Auge schliesse, habe ich den Strand in Cornwall vor Augen und nicht die harte Bank unter meinem unterkuehltem Hinterteil. Ein Betrunkener torkelt laut groehlend die Strasse entlang und belaestigt einen Wartenden. Dahinter laeuft ein Paerchen Arm in Arm und einer Pfuetze aus "frischer" Kotze ausweichend vorueber, ich hoere ihn sagen: "Halloween in Camden is like every other day in Camden". Wie wahr. Und trotzdem kommen wir immer wieder hier her.
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