Augenblicke (die Menschen machen)
Erstens Es ist der Sommerurlaub eines Fünfzehnjährigen, der schon seit Jahren jeden Sommer von seiner in die Jahre gekommenen Großmutter in das gleiche Hotel gefahren wird. Das heißt: Drei Wochen umgeben von dem Versuch, vielen gut zahlenden Gästen ihren Wert zu beweisen. Eine dekadente Luxusscheinwelt voller falschem Lächeln und abweisender Höflichkeit. Dieser Fünfzehnjährige wird nie zu Hause sein, wo Abends Hummer statt Spaghetti gereicht wird und die Frühlingsrolle aufgewertet durch mindestens zwei ungenießbare Zutaten subjektiv weniger begeistert, als beim Kleinstadtchinesen nebenan. Ein gnädiger Sommer hat sein Werk begonnen, es ist mitte Juli. Die Sonne gönnt sich wenig Auszeit, ohne dass die Hitze zu aufdringlich und schwül wird. Inmitten dieses milden Klimas, dass großmütterlicherseits einen Weg in die Arme Gottes zeigen soll, findet er eine völlig andere Umarmung. Seine erste. Den beiden bleiben drei Tage ohne Kuss, doch ihr Lachen wird noch ewig durch die Straßen hallen. Durch die unwirkliche Umwelt zueinandergezwungen, finden beide das Glück im Augenblick. Ein Moment, der sich nie wiederholen soll. Am letzten Abend werden die beiden am Hotelstrand stehen und sagen: "Das war gut...", etwas anderes zählt nicht. Am nächsten morgen findet sich, versteckt in einer Blume vor der Zimmertür, ein Abschiedsbrief mit einer Adresse. Er wird ihr schreiben, weil er sie vermisst. Sie wird nicht antworten. Er weint, obwohl das letzte Mal schon Jahre her ist. Das war eine späte erste Umarmung, und erst in diesem Moment ist er kein Kleines Kind mehr gewesen. Er hat seine Jugend in der Erkenntnis gefunden, dass er etwas anderes Sucht, als einen Körper. Er möchte endlich einen Menschen und seine Freundschaft. Etwas das mehr zählt, als ein bisschen Vögeln in einer sehr dunklen Nacht. Zweitens Das mit dem Weinen hat nie wieder aufgehört. Er ist Einsam. Er hatte vorher schon keine Freunde, und jetzt weiß er, was er verpasst. Sehnsucht macht sich breit, und Wut. Darüber, wie dumm und blind man Sechzehn erste Jahre verbringen kann. Ein Jahr später wird er zur selben Zeit wieder im selben Hotel sein, und auf sie warten. Aber sie kommt nicht. Der Sommer geht still, und der Herbst bricht an. Schon zu Weihnachten hat er die Telefonnummer seiner Verhaltenstherapeutin wieder herausgekramt. Nein, richtig wäre: Herauskramen lassen. Er hat seine Mutter gebeten anzurufen, weil er sich nicht getraut hat. Er traut sich so wenig, das wird ihm auf einmal bewusst. Er war noch nie auf einer Party, obwohl er gehört hat, dass das jetzt alle machen. Und ohne Freunde weißt er nicht, wen er um Hilfe bitten kann. Seine Couchdoktorin sagt ihm, er habe Angst. Soziophobie sagt sie, ganz sachlich. Da erkennt er, wie wenig er schafft, von dem was die Menschen tun, die er so bewundert. Die Normalen. Sie geht mit ihm Einkaufen, und erst mit ihrer Hilfe gelingt es ihm, der Aldi-Verkäuferin eine Tüte Gummibärchen zu entwinden. Die Zeit bleibt nicht stehen, nie, und er lernt und kämpft. Er kann schon nach dem Weg fragen, manchmal, wenn es ihm gut geht. Das hat er gelernt, und er ist fast ein bisschen stolz auf sich, obwohl der Hass nicht weniger geworden ist. Hass, weil: Wer scheitert schon an solchen Dingen? Zehn Prozent der Menschen haben Angst, sagt das Papier. Er glaubt nicht daran. In den Herbstferien wird er verreisen. Mit Jugendlichen in seinem Alter. Eine aufgetaute Kindergartenfreundschaft hat ihm dazu verholfen, gegen jeden Widerstand. Die Reise beginnt im Zug, die beiden schließen sich einer Gruppe an. Die Kindergartenfreundschaft kennt die Leute teilweise schon . Es sind sogar zwei Mädchen dabei und Julia ist wunderschön, findet er. Die Reise beginnt ausgelassen. Alkohol spielt eine Rolle, aber er hat kein Entspanntes Verhältnis dazu. Er dichtet sich ein Medikament an, dass er schon lange nichtmehr nimmt. Er trinkt nicht. Vielleicht ist das dumm. Er sagt sich, das ist gesund, immerhin. Die anderen feiern, er stellt sich immer nur vorsichtig dazu - und irgendwie ist manchmal plötzlich Julia da. Auf seiner Schulter, als sie zu acht planlos durch Venedig ziehen. Oder neben ihm auf dem Stuhl, beim Essen. Es ist erst der zweite Abend, im Nachtzug von Venedig nach Nizza. Valentin, der ist auch dabei, den kannte er vorher nicht, hat ab Mitternacht Geburtstag. Valentin steht auf Julia. Julia umarmt Valentin. Der Ängstling ist eifersüchtig, aber er wird nicht lange zusehen müssen, denn das Abteil war voll. Die Kindergartenfreundschaft schläft mit ihm woanders. Später wird es heißen, die beiden haben sich geküsst. Julia dementiert. Sie sagt es ihm ins Gesicht, und schaut bemüht aufrichtig. Sie kämpft gegen das Gerücht. Der Tag bleibt Valentins Geburtstag, ein Grund zu feiern, ein Grund daneben zu stehen. Am Abend verändert sich dann alles: Das Achterzimmer ist zu siebt Betrunken, er liegt schon im Bett. Irgendwo da hinten kämpft Valentin um seine Julia, zwei andere haben sich schon gefunden. Eigentlich kämpfen alle um sie, nur er nicht. Valentin will, dass sie in seinem Bett schläft. Sie setzt sich zum Nüchternen, der schon fast schläft. Sie sagt: "Duu? Ich schlaf heute bei dir." Sie legt sich dazu, die Kindergartenfreundschaft hilft nach: "Na los, gib ihr ein bisschen Decke ab." Sie kuschelt sich an seine Hühnerbrust. Sie ist warm. Sie riecht ein bisschen nach dem, was sie getrunken hat, ein bisschen nach Mädchenschweiß, aber vor allem gut. Und dann schläft sie ein, und er sieht ihr zu. Am nächsten Morgen wird er verdammt müde sein. Und glücklich. Die Freundschaft überdauert die Reise, die beiden Kuscheln viel und Küssen nie. Sie ist das erste Mädchen, das ihm manchmal eine SMS schickt, und er versucht, perfekte Antworten zu schreiben. Sie stellt ihn ihren Freunden vor, und in ihrer Deckung geht es ihm dabei fast schon gut. Es gibt DVD-Abende, und Schlittschuhlaufen ausnahmsweise nicht alleine. Schließlich fragt sie nicht nur ihn, ob man nicht mal weggehen könnte, so an einem Freitagabend. Die Kindergartenfreundschaft sagt für beide ja. Er hat immer noch kein entspanntes Verhältnis zum saufen. Die Leute sind ausgelassen, sie tanzen. Er nicht. Er traut sich nicht. Am Ende wird sie sagen: "Bis bald", aber im November geht der Herbst vorbei, und sie wird sich nie wieder melden. Er weint immernoch, obwohl längst schon wieder Sommer war. Aber in den Augenblicken an ihrer Seite hat er sich das erste mal besiegt. Drittens Das Sommerende zeigt sich zuerst im Wiederbeginn der Schule. Ihre Alltäglichkeit überzieht das Land mit monotoner Regelmäßigkeit und lässt auch einsame Seelen dabei nicht aus. In den letzten drei Tagen Ferienfreiheit muss man, wenn man jetzt die Oberstufe ziert, seinen Stundenplan aus der Höhle des Löwen befreien. Er holt ihn, und auf seinem steht:"Musical". Da wird er in der Band spielen, er kennt den Lehrer gut, er mag ihn, die beiden würden sich wohl dutzen, wenn die Situation eine andere wäre. "Hair" wollen sie aufführen, und die Proben gehen gut voran. Immer öfter ist eine der Sängerinnen bei der Band. Irgendwie ergeben sich ein paar Wortwechsel. Nichts bedeutendes, im ersten Augenblick. Aus Worten werden vorsichtige Berührungen, aber sie hat einen Freund. Der ist früh eifersüchtig, vielleicht, weil er dieses Liebesgefühl, etwas Einzigartiges zu sein, besonders braucht. Nach der Premiere wird das Ensemble Sekt aus Plastikbechern trinken, nur einer trinkt nicht mit. Die Sängerin versteht das nicht, weil sie vieles nicht versteht, aber das ist ihm egal, denn sie lacht viel, und sie bringt ihn zum Lachen. Er denkt, sie wird seine Probleme lösen, weil sie ihn sein lässt, wie er ist. An ihrer Seite kann er viel. An diesem Abend haben die beiden sich schon längst geküsst. Es ist die Blüte ihrer Nähe, und er wird erst zum zweiten mal sagen können "Ich bin glücklich", obwohl er sich dabei belügt. Jetzt überlegt sie fast schon, das wird sie ihm heute Abend sagen, ihren Freund für ihn zu verlassen, und er weiß, er ist ein Arschloch, weil er den Liebenden Betrügt. Zumindest fühlt es sich so an, wenn er ihr dabei hilft. Am Ende wird er das erste Mal in seinem Leben Brüste gesehen und angefasst haben, und erkennen, wie wenig das ändert. Schließlich wird der Betrug durch irgendeinen Weltverbesserer an das Licht der Öffentlichkeit gezerrt, und das soll ihr Ende sein. Sie leben sich zärtlich auseinander, fast schon paradox gehen sie zugrunde. Nie werden ihre Körper sich näherkommen, als bei ihrem letzten Treffen, und das, obwohl sich ihre Seelen da schon viel zu weit auseinandergelebt hatten. Jetzt war er also auch ein Dreckskerl. Epilog Julia hat irgendwann angerufen, sie ist jetzt in Würzburg. Ihr geht es gut, und ich bin glücklich darüber. Die Sängerin hat statt einer Gesangskarriere dank ihrer Mutter einen Ausbildungsplatz als Schiffahrtskauffrau und den dritten Freund seit dem Betrogenen, obwohl das erst ein halbes Jahr her ist, und ich kann mich für sie freuen, weil sie damit glücklich ist. Das Leben gibt und nimmt, und vielleicht ist es deswegen eine so schrecklich sinnlose Sache. Er wartet also auf den Nächsten Anfang, um dann einen vierten Abschnitt hinzuzufügen. Einen, in dem er einfach gelebt hat.- Weniger von Allem. 03.03.2012
- Oma im Schlaf 24.02.2012
- Ostsee 23.02.2012
- Flashbacks 22.02.2012
- Und da wächst noch viel mehr Gras drüber. Mehr als jetzt und mehr als immer schon. 21.02.2012
Er sollte sich darauf freuen.
Offensichtlich mögen die Mädchen ihn.
den epilog hätt ich nich gebraucht. ansonsten: gut beschrieben! einfühlsam.
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schön!
lousal sagte:
mir hat die geschichte gefallen. hier und da gab es uneindeutigkeiten, die man ausbügeln kann.
den epilog hätt ich nich gebraucht. ansonsten: gut beschrieben! einfühlsam.
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grade den epilog mag ich.
sehr gefühlvoll.
wundervoll. und wundervoll traurig. irgendwie.








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09.11.2009 - 12:22 Uhr
glitzerkugel