Noch 100 Tage: Die heimliche Kanadierin
Im Februar 2010 finden in Vancouver die Olympischen Winterspiele statt. Bis zum Start der Wettkämpfe berichtet die jetzt.de-Kolumnisten River Tucker über ihr neues Leben in Kanada - sie ist gerade aus Berlin nach Vancouver gezogen; und erlebt dort eine Welt voller Kürbisse
Wenn mich früher jemand gefragt hat warum ich River Tucker heiße habe ich einfach nur geantwortet: "weil ich in Kanada geboren bin"- das war meist Antwort genug. Später habe ich dann noch die Geschichte von den Hippie-Eltern in der kanadischen Wildnis hinzugefügt und das Bild schien rund. Mein Name, Erzählungen von Bären, die die Hühner vor der Holzhütte meiner Eltern fressen wollten und einen Besuch zu meinem elften Geburtstag - das war alles, was meine kanadische Identität bisher ausgemacht hatte. Nicht zu vergessen mein Pass.Als Kleinkind bin ich mit meiner deutschen Mutter zurück nach Deutschland gezogen und dort aufgewachsen. Mein Vater blieb in Kanada und wohnt heute wieder in seiner Geburtsstadt Vancouver. Da ich weiß bin und Deutsch ohne Akzent spreche, blieb mir das Gefühl eine wandelnde Freakshow zu sein erspart. Vielmehr war mein Name und dessen Geschichte immer ein guter Anlass, um schnell mit Leuten ins Gespräch zu kommen.
Nach einer langen Reise im vergangenen Jahr von Vancouver nach L.A. entdeckte ich das West Coast Feeling für mich und meinen verstaubten kanadischen Pass. Nachdem ich auch meinem Urlaub diesen Sommer wieder in Vancouver verbrachte, kam die Entscheidung hier her zu ziehen und meiner kanadischen Identität eine Chance zu geben.
Vor gut einer Woche kehrte ich dem schönen, wenn auch grauen, Berlin den Rücken. Ich habe meine Wohnung aufgelöst, meine Freunde unter Tränen verabschiedet und bin mit einem One-Way-Ticket ins Flugzeug gestiegen. Nicht auf nimmer Wiedersehen, aber auf unbestimmte Zeit. Das Ziel Vancouver - wahrscheinlich eine der schönsten Städte der Welt. Downtown Vancouver liegt direkt am Meer. Irgendwann will ich dort in ein Apartment direkt am Meer zu ziehen, auch wenn das wahrscheinlich so groß sein wird wie eine Berliner Besenkammer.
Im Norden von Vancouver bestimmen die Berge die Skyline, noch nicht ganz die Rocky Mountains, aber für das ungeschulte Auge kein großer Unterschied. Vancouver, die Stadt in der man an einem Tag in den Bergen wandern, klettern, im Meer schwimmen, am Strand liegen und in den Parks Tennis spielen kann. In gut drei Monaten wird für zwei Wochen die Welt auf diese Stadt blicken wenn hier die Olympischen Winterspiele ausgetragen werden. Bis dahin werde ich hier regelmäßig aus Vancouver berichten.
Mein erstes Halloween in Kanada
Zum Einstand wurde ich gleich von dem nordamerikanische Feiertag schlechthin empfangen: Halloween ist frei von religiösen Konnotationen und damit das perfekte Fest für das multikulturelle Kanada - alle können mitfeiern. Aus deutscher Sicht erscheint Halloween wie eine Mischung aus Karneval, Silvester und Heilige Drei Könige. Feuerwerk in den Straßen - auch wenn das kein Vergleich zu Kreuzbergs Straßen an Silvester war. Kleinkinder wie Erwachsene verkleiden sich um die Wette, die irrsten Phantasiefiguren laufen durch die Straßen. Besonders beliebt bei Teenagern war dieses Jahr das Michael Jackson Kostüm.

Bedrohlich: der Pumpkin Man
Am frühen Abend kommen zunächst die kleinen Kinder, klopfen an die Tür und fragen nach Süßigkeiten. Im Haus meiner Freundin gibt es die Tradition, die Kleinen zu erschrecken. Was mir anfangs unrealistisch erschien war am Ende der größte Spaß des Jahres. Gegen Nachmittag trudeln langsam Freunde und Verwandte ein, bringen Essen und Kürbisse mit. Die Kürbisse werden ausgenommen, die Kerne geröstet und die Kürbisse verziert. Am Nachmittag hatte ich erst einen 10 Kilo schweren Kürbis nach Hause getragen und dabei etwas gequält an Dirty Dancing und die Szene auf der Brücke mit der Wassermelone gedacht.
Doch die Mühe hat sich gelohnt. Am Ende bin ich stolz wie Oskar auf meinen ersten eigenen Kürbis, auch wenn dieser nicht zu so viel Ruhm wie "Pumpkin Man" gelangen wird. Ein Freund hat einen riesigen Kürbis ausgehölt, sich über den Kopf gestülpt und seine Kleidung, wie eine Vogelscheuche, mit Zeitung ausgestopft. Die Kinder klopfen an die Tür und Pumpkin Man sitzt regungslos in der Ecke. Sobald die Kinder ihre Süßigkeiten eingesteckt haben, fängt Pumpkin Man an zu reden und bewegt sich, wie in Zeitlupe, auf die Kinder zu - es sieht aus wie einem Horrorfilm entsprungen. Die meisten der Kleinen schreien, weinen und rennen weg. Andere bleiben gelassen und erweisen sich mutiger als ihre Eltern. Besonders Teenager versuchen krampfhaft cool zu sein.
Am Ende des Abends ist das Haus als "the scary house" verschrieen. Ein lustiger Einstand in eine fremde Kultur.
Noch fühlt es sich wie eine Mischung aus Urlaub und Pressereise an - ein bisschen arbeiten und Land und Leute kennen lernen.
Ich bin in der Position der Einwanderin, die offiziell keine ist. Ich bin "the secret Canadian", die heimliche Kanadierin, wie mich meine Freundin nennt. Ich muss keine Arbeitserlaubnis beantragen, Tausende von Dollar auf meinem Konto haben und das Einwanderungs-Punkte-System der kanadischen Regierung erfüllen. Dafür muss ich jetzt allen erklären, warum ich in Kanada geboren bin und dass ich hier nicht nur Urlaub mache. Ich muss aushalten, die Sprache zwar gut, aber nicht perfekt zu beherrschen und mich nicht immer exakt so ausdrücken zu können wie es mir auf Deutsch möglich ist. Wenn ich Bekannte treffe muss ich mich daran erinnern, dass ich nicht nach ein paar Wochen wieder weg fliege. Ich muss wohl erst Mal ankommen.
Noch 100 Tage bis zu den Olympischen Spielen, die nächste Folge kommt in 10 Tagen
- Von Bären und Käse-Nachos 07.02.2012
- Von Geronnenem, Geklautem und Gewünschtem 23.12.2011
- "Mama sagt: Zieh dich nicht so warm an!" 02.06.2011
- Kommt la Revolución? 19.05.2011
- Das beknackteste Silvester meines Lebens 28.12.2010
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cursive sagte:
hmm von wegen nur gutes gehört und lebenswerteste stadt überhaupt. ich bin jetzt hier für 5 monate und hatte zuvor das gleiche über vancouver gehört. vielleicht habe ich auch tomaten auf den augen, aber ich kann da irgendwie nicht zustimmen.
krasseste obdachlosigkeit und drogenhölle. leute, die mit spritzen in den armen rumlaufen
die kunstszene ist sowas von mickrig
das clubangebot ist enttäuschend.
was wirklich positiv ist, ist die umwerfende natur und die offenheit der menschen hier. in den bussen redet man sogar miteinader!
ich glaube es sind vor allem yuppie-touristen, die für kurze zeit (zum snowboarden, auf rucksacktour etc.) nach vancouver kommen , die vancouver für die "schönste stadt der welt" halten.
auch wenn die stadt eine wunderbare kulisse und einige sehr schöne ecken hat, find ich auch, dass dort so einiges fehlt (v.a. kulturell), was eine stadt zur schönsten der welt macht. das nahegelegene seattle hat da schon etwas mehr zu bieten.
JoergAuch sagte:
Großartige Idee! Viel Spaß in Vancouver, das tatsächlich eine der schönsten Städte der Welt ist!
Anmerkung: Meine Einschätzung beruht auf eigener längerer Besuchserfahrung und vor allem auf Berichten von Freunden, die jahrelang dort gelebt haben und wieder hinziehen wollen.
http://www.wochenende-wellness.eu/
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05.11.2009 - 03:39 Uhr
cursive
krasseste obdachlosigkeit und drogenhölle. leute, die mit spritzen in den armen rumlaufen
die kunstszene ist sowas von mickrig
das clubangebot ist enttäuschend.
was wirklich positiv ist, ist die umwerfende natur und die offenheit der menschen hier. in den bussen redet man sogar miteinader!