Wir Kinder aus Ing
Sonntags in den Speckgurt – über eine Reise, die junge Münchner immer wieder unternehmen
Sie raten. Sie raten, wenn sie glauben, dass wir in München den Triumph, eine überteuerte Mini-Mietwohnung zu bekommen, mit Prosecco begießen. Sie raten, wenn sie darüber lachen, dass bei uns um ein Uhr Nachts Sperrstunde sei und sie raten, wenn sie uns voreilig „Ich würde nie zum FC Bayern gehen!“ ins Ohr grölen. All die jungen Berliner, Kölner und Hamburger stochern auf der Suche nach den Unterschieden zwischen ihren und unseren Stadtleben in einer blickdichten Hecke aus Klischees, Kurzeindrücken und den Gerüchten, die ihnen von Bekannten erzählt wurden. Gleichzeitig ist es ihnen aber auch nicht egal, wie wir hier in unserem München leben, so wie es ihnen doch fürchterlich egal ist, wie die Menschen in Münster, Düsseldorf oder Brügge aufwachsen. Nein, sobald man ihnen von der 089 erzählt, erfasst sie etwas wie eine Unruhe der Ausgeschlossenen, ein Annähernmüssen und ein unbedingter Drang, ihre Leben zu unseren zu positionieren. Im gleichen Maße, in dem wir uns dann für unsere München-Existenz rechtfertigen müssen, rechtfertigen sie sich damit ungefragt auch für ihre Nicht-Münchner-Existenz. Dabei sind unsere Leben natürlich nicht in dem Grade unterschiedlich, wie es diese Sonderbehandlung vermuten lässt. Im Grunde dürften alle jungen Menschen in urbanen Gesellschaften Westeuropas ein ziemlich ähnliches Leben führen und das Einzige, was uns junge Münchner davon wirklich unterscheidet, sind die Sonntagnachmittage. All die Ings Am Sonntag fahren wir nach Ing. Ing ist nicht der Ingenieur, Ing sind all die vielen Orte im Münchner Speckgürtel, der ja eher ein SUV-Gürtel ist, in denen unsere (Ingenieur)-Eltern wohnen. Es sind all die Feldafings, Freisings, Olchings, Tutzings, Gautings, Herrschings, die beiden Föhringe, diverse Echings und all die vielen kleineren Ings, in die unsere Eltern vor 30 Jahren mal gezogen sind, als Mama ein bisschen Grün für uns haben wollte und Papa eine Garage für seinen BMW-Kombi. In den Ings sind wir aufgewachsen und zwar in einer idealen Mischung aus Stadt und Land. Da war Fußball neben Kuhweiden und da war der 20-Minuten-Takt der S-Bahn zum Marienplatz und es war beides gleich wichtig. Sicher, wir mussten vielleicht mit einem Schulbus ins nächste Gymnasium fahren, weil nur jedes zweite Ing eines gebaut bekam, aber trotzdem liefen wir nicht Gefahr, dem Provinzhass zu erliegen, der ganze Landstriche Heranwachsender aus Niedersachen und Baden-Württemberg zuverlässig in die Berliner Altbauten treibt. München hatte immer unseren Rücken und vor uns lagen Berge und Seen. Die Grüne Karte, die der MVV damals ausgab, war unsere GreenCard, die ewige Einreiseerlaubnis in die Stadt. Ihre speckige Hülle begleitete uns zum ersten eigenen Stadtbummel und zum ersten richtigen Konzert und was dabei zu beachten war, war einzig, sie für Mama wieder rauszulegen, wenn man berauscht von Stadtluft und Stadtbier aus der ersten S-Bahn kam und vorbei an der Tischtennisplatte über die nicht abgeschlossene Terrassentür ins Bett wankte. Es war nicht die wildeste Jugend, aber eine sehr angenehme.
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jushi sagte:
(mal wieder) auf den punkt getroffen, lieber max. nur, dass mein ing kein ing im namen hatte.
same here.
trotzdem fahr ich nicht so furchtbar gern nach hause. dafür kommen die eltern gerne hier her. "mei, da an parkplatz finden..."
(hilfe, diese ings machen mich ganz lyrisch)
Wenn ich jetzt mal wieder in dieser tollen Stadt bin, wohne ich in meiner alten WG in dem Viertel meiner Kindheit, wo ich jede tolle Eckkneipe kenne. Und zu meinen Eltern ist es 10min Straßenbahn dann, in ein nicht ganz so tolles, aber nettes Viertel.
Ich: Stadtkind. Nicht Vorortkind. Und das find ich gut.
bellkay sagte:
Komme aus einem ing, dass nicht in der Nähe Münchens liegt. Das ist Schluss mit lustig. Nur Wald und Doppelhaushälfte...
stimmt. ich auch. da ist kein ort mehr, und ohne ort gibts auch kein "vor", sondern nur außen vor. und wo der ort als korrektiv zum vor fehlt, blühen doppelgaragen.
skrivkonst sagte:
Ja, man sollte auch über solche Themen Worte verlieren. Find ich schweinsgut ;) Leider wohne ich nur in Haschbach, was auch noch genau neben Rammelsbach liegt. Alles kein Ing.
Rammelsbach punktet auch ohne -ing im Namen.
ich bin 1992 nach münchen gezogen und meine besten freunde kamen zunächst aus -ings, später noch aus -au, aber das ist ein anderes thema.
der text klingt gut, vertraut und es gibt nichts zu bereuen.
inzwischen wohnen wir in hamburg. hambing. auch schön.
aber süß. und ich bedauere nicht aus einem ing, sondern aus einem
-feld zu kommen. in mittelfranken. mehr muss dazu nicht gesagt werden.
dendefrau sagte:
das ist sooooo jetzt.de.
aber süß. und ich bedauere nicht aus einem ing, sondern aus einem
-feld zu kommen. in mittelfranken. mehr muss dazu nicht gesagt werden.
bestimmt pleinfeld!
26.10.2009 - 22:46 Uhr
Maloke
absolut auf den punkt getroffen!!
komme aus dem Staunen nicht mehr raus.
so viel Wahrheit, die mir nicht bewusst war.
Tja: noch nicht 30. Aber bald wäre die Erkenntnis noch auf mich hereingebrochen;
Nur die Sache mit dem Snobbismus: Auch ing-ler können das ganz gut, da braucht man kein zugroaßter BWL-Fuzzi sein.
Übrigens braucht zum -ing nicht immer 6 Streifen...
Bei uns heißt das sum.
tomatensosse
Nur die Sache mit dem Snobbismus: Auch ing-ler können das ganz gut, da braucht man kein zugroaßter BWL-Fuzzi sein.
Übrigens braucht zum -ing nicht immer 6 Streifen...
das stimmt. die klassisches ings liegen direkt hinter dem stadtgebiet (und irgendwie trotzdem am arsch der welt).
27.10.2009 - 07:25 Uhr
zualt
Wir kommen aus auch einem ING, aber nicht aus dem Speckgürtel - unser ING liegt sogar in der schönen Stadt und wir haben uns mit unseren Kindern - die mittlerweile erwachsen sind - immer den S-Bahn-6-Streifen-20Min-Weg erspart und sind im Stadt-ING geblieben, nämlich in Gies-ING, nahe der Isar, nahe dem Forst, nahe der Innenstadt, nahe dem Kunstpark, nahe allen Schulen und Unis nur fern der unabgesperrten Terrassentür und der In-Dir-kann-ich-alles-abstellen-Garage, aber der Kuchen steht auch auf dem Tisch und die Garage gibts bei der Oma - in einem niederbayrischen ING!
Es lebe das ING!
starfire sagte:
ich find die "heim"s auch okay.
ja! ja! ja! ein hoch auf die -heims.
Eine für mich etwas zu dick aufgetragene Betonung des eigenen gutbürgerlichen Hintergrunds.
(Nein, ich bin nicht neidisch.)
Gleichzeitig ist es ihnen aber auch nicht egal, wie wir hier in unserem München leben ...
das halte ich allerdings für eine grundlegende fehleinschätzung. es gibt ganz wenig, was mir persönlich z.b. egaler wäre ;-)
und auch sonst kenn ich in ganz deutschland nicht einen menschen, der sich darüber auch nur ansatzweise einen gedanken macht, wie "ihr" in eurem münchen lebt.
der nabel der welt ist jedenfalls woanders ]:-D
und dennoch will ich nicht nach münchen, noch in einem ing geboren sein.
ich will und gehe nach berlin. und da ich dort kein startup gründe, muss ich wohl auch nicht bald zurück in mein eifelkaff... ;)
arunda sagte:
putzig.
und dennoch will ich nicht nach münchen, noch in einem ing geboren sein.
ich will und gehe nach berlin. und da ich dort kein startup gründe, muss ich wohl auch nicht bald zurück in mein eifelkaff... ;)
Es muß kein startup sein, um einem "stopdown" zum Opfer zu fallen, vgl. Arcandor usw. Hochmut kommt vor dem Fall, gell! (Also immer zwei mal im Jahr die Erbtanten in ihren Eifel- oder sonstigen Käffern besuchen)
heimkommen nach münchen & umgebung wird für immer - und immer wieder und egal, woher aus der ganzen großen welt - das größte sein!
Ich kannte in London dann wohl so ne Ingerin, sah recht hübsch aus und war sehr verwöhnt. Glaube, das sind auch Definitionskriterien?
und gartentzwerge, allerorten.
bei uns gabs allerdings nur die tischtennisplatte, bzw. die gibts immer noch, aber jetzt komm ich nicht mehr mit der ersten s-bahn heim....
und das beste an meinem ing: in 29 min am marienplatz, ohne umsteigen.
(das war immer der hit, vor allem für freunde aus ings, die noch weiter weg bzw. NICHT im s-bahn-anschlussbereich sind ...)
ich hatte diesen sommer tatsächlich kurz den wahn, ich müsste wieder in die heimat um mich dort selbstständig zu machen, eben um all diese netzwerke zu nutzen und weil wohl die angst vorm scheitern in der vertrauten kindheitsumgebung nicht so groß ist...
zurück in berlin hab ich zum glück gemerkt wie geil es in der kneipe umme ecke is, und dass es mir sicher spätestens nach 3 monaten in der heimat sowieso wieder zu viel idylle wäre.
aber ich bin ja auch noch nicht 30...
27.10.2009 - 12:25 Uhr
DagnyTaggart
DagnyTaggart sagte:
Der Scharnigg schreibt gut. INGs sind toll, Schabing zum Beispiel.
S c h w a b i n g.
arunda sagte:
putzig.
und dennoch will ich nicht nach münchen, noch in einem ing geboren sein.
ich will und gehe nach berlin.
weil sich da gerade so unheimlich viel tut?
Shorebilly sagte:
arunda sagte:
putzig.
und dennoch will ich nicht nach münchen, noch in einem ing geboren sein.
ich will und gehe nach berlin.
weil sich da gerade so unheimlich viel tut?
lol
27.10.2009 - 12:38 Uhr
Lilotta
27.10.2009 - 12:40 Uhr
Lilotta
27.10.2009 - 12:58 Uhr
Citterio
äh bah!
KewVoltaire sagte:
München München München interessiert mich nicht.
mich auch nicht - der max schreibt zwar toll
- aber dieses zwanghafte staedtevergleichen/verteidigen/meine-stadt-ist-die-beste-geute, das man ja uberall findet (berlin, muenchen, hamburg ....) ist leider nur nervig.
zeugt davon, dass man sich/seine stadt etwas zu wichtig nimmt. (und die um eine großstadt wohnenden gibt es doch auch überall)
cail sagte:
schöner text. gefällt. trotzdem würd ich mich freuen, wenn man irgendwann dieses berlin-münchen-gedresche mal sein lassen kann. so ein heimat-text kommt doch auch ohne namentliches städtegemeckere oder -vergleichen aus.
ersetze "münchen" durch "berlin" und "-ing" durch "-walde" dann paßts wieder :)
Schön langsam kommen alle wieder - natürlich nur die über 30er :)
Schööön
getupkid sagte:
dendefrau sagte: das ist sooooo jetzt.de.aber süß. und ich bedauere nicht aus einem ing, sondern aus einem -feld zu kommen. in mittelfranken. mehr muss dazu nicht gesagt werden.bestimmt pleinfeld!
haha. nicht ganz, aber fast...
alcofribas sagte:
ersetze "münchen" durch "berlin" und "-ing" durch "-walde" dann paßts wieder :)
ich will ja gar nix ersetzen. und so'n speckgürtel wie die mingmer hat berlin glaub ich nich.
cail sagte:
so'n speckgürtel wie die mingmer hat berlin glaub ich nich.
der ist am werden. wart ab.
alcofribas sagte:
cail sagte:
so'n speckgürtel wie die mingmer hat berlin glaub ich nich.
der ist am werden. wart ab.
Berlin hatt bereits Fettschichten unterschiedlicher Ranzigkeit. Speckgürtel noch überflüssig.
Für mich sehe ich die "Landflucht" noch nicht: Ich bin gut in meinem städtischen Ing angekommen und da bleibe ich jetzt auch erstmal eine Weile: Gies-ing.
einer aus dem Mehrgenerationenhaus.
alles liebe,
constanze
03.11.2009 - 11:07 Uhr
humanistin
der text spiegelt meine gedankengänge und erlebnisse nahzu perfekt wieder..
hunderte male, so kommt es mir vor, bin ich sonntagmorgens mit einer der ersten sbahnen raus ins grün gefahren, um mich leise schleichend, die familie schläft noch, in mein zimmer zu begeben und ins bett zu legen.
sehr schöner text
22.11.2011 - 15:39 Uhr
Koperner
22.11.2011 - 15:39 Uhr
Koperner
Bei mir sitzt da jetzt tief, der Artikel...
19.04.2012 - 14:23 Uhr
mr189
um meinem respekt noch tiefe zu verleihen habe ich mich jetzt sogar auch noch angemeldet hier...nochmals HAMMER, es hat mir grad richtig die emotionen die luftroehre hochgeblasen als ich den Artikel gelesen haben. Dazu noch Klangkarussell und Wankelmut auf den Ohren. leider geil
auf den Punkt getroffen - vielen Dank!
Dein Beitrag hat den Weg rund um den Erdball M - Stuttgart - Peking - Sydney - Kopenhagen - Marburg - Giessen - "ing-ing-ing-ing-" bereits durch.
Übringens treffen bei uns alle ing's zu Vater-Wohnort-Kinder
liebe Grüsse
Thomas








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26.10.2009 - 18:42 Uhr
jushi