26.10.2009 - 18:30 Uhr

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"Die Menschen werden entschlossener"

Text: malte-goebel

Mit dem Wahlsieg der schwarz-gelben Koalition bekommt die Anti-Atom-Bewegung plötzlich wieder sehr viel Rückenwind. Jan Becker, 27, von ContrAtom über kommende Massendemos und bürgerkriegsähnliche Zustände in Deutschland.

Der Regierungswechsel bringt Deutschland auch eine Atomkraft-freundlichere Politik. Union und FDP hatten es schon vor der Wahl angekündigt, nun beschließen sie in den Koalitionsverhandlungen verlängerte Laufzeiten für die Kernkraftwerke - und verschaffen der Anti-Atom-Bewegung wieder neue Bedeutung. Viele alte Aktivisten, die das Thema mit dem Atomkonsens unter Rot-Grün im Jahr 2000 als gedeckelt ansahen, werden nun wieder aktiv - damit rechnet jedenfalls Jan Becker, 27, von der Gruppe ContrAtom. Ein neuer Protestschwung soll die kommende Bundesregierung davon abhalten, den Atomausstieg in Frage zu stellen.
Was bedeutet der Wahlsieg von Schwarz-Gelb für die Anti-Atom-Bewegung? Schwarz-Gelb hat sich vor der Wahl ganz klar positioniert in gewissen Punkten: Laufzeitverlängerung für die Atomkraftwerke, das Moratorium in Gorleben wird aufgehoben, das bisher den Ausbau zum Endlager verhindert hat. Für uns bedeutet das einen größeren Zulauf. Die Demonstration am 5. September in Berlin mit 50.000 Teilnehmern war ein Vorbeben, und jetzt passiert viel im Kleinen, viele Menschen haben zu mir gesagt, jetzt muss es losgehen. Unsere Aufgabe ist es jetzt, diesen Zuspruch sichtbar zu machen. Wie sieht dieser Zuspruch aus, und woher kommt er? Ich merke, dass viele Menschen wütender werden. Das hat mit Radikalisierung nicht unbedingt etwas zu tun, mehr mit Entschlossenheit. Für viele Leute, die sich vor zehn Jahren atompolitisch engagierten, schien das große Problem Atomausstieg befriedet. Doch das kocht jetzt wieder hoch. Wir erleben plötzlich wieder, dass zehntausende Menschen auf die Straßen gehen, und wir werden auch erleben, dass sich viel mehr Menschen entschlossen gegen Castor-Transporte auf Gleise setzen. Wie wichtig ist, was jetzt bei den Koalitionsverhandlungen beschlossen wird? Im Prinzip ist das irrelevant. Da geht es um Details, sie zanken sich um Jahre und Geldzahlungen, aber eines ist klar: Sie beschließen definitiv nicht die sofortige Stillegung aller Atomanlagen. Dabei wäre genau das nötig. Wie geht ihr jetzt weiter vor? Wir planen am 7. November einen bundesweiten dezentralen Aktionstag, der Aufschlag sein soll für weitere Proteste, die zum Beispiel am 20. Dezember in Ahaus stattfinden. In Ahaus gibt es eines der drei Zwischenlager für Atommüll, neben Gorleben und Greifswald, und hier sollen im kommenden Jahr Castor-Transporte stattfinden. Ohne die Transporte, ohne diese Atommüll-Verschiebungen, wäre der ganze Komplex der Atomindustrie nicht möglich. Die müssen irgendwo mit ihrem Müll hin, und wenn sie ihn nicht irgendwohin bringen können, dann haben sie ein Problem. Wir werden aber auch an einer neuen Stelle ansetzen: bei den Lieferungen frischer Brennelemente zu den AKWs. Das Uran kommt im Hamburger Hafen an, auf großen Schiffen aus Kanada, und genau dort werden wir Akzente setzen, was Protest angeht. Wo keine Brennelemente mehr in ein AKW transportiert werden können, kann ein AKW auch nicht mehr betrieben werden. Jürgen Grossmann aus dem RWE-Vorstand warnte vor "bürgerkriegsähnlichen Zuständen" in der Auseinandersetzung um Kernenergie. Das halte ich für eine Farce. "Bürgerkriegsähnliche Zustände", die schreien nach Sicherheit und Ordnung und militärischer Kontrolle. Das ist gefährlich. Da soll ein Bedrohungspotenzial geschaffen werden, was ich nicht sehe. Wir haben in Berlin gezeigt, was wir unter Protest verstehen: Das ist bunt, gewaltfrei und gerne auch laut. Die Menschen werden entschlossener, das bedeutet überhaupt nicht, dass sie radikaler werden oder Gewalt anwenden. Das hat damit nichts zu tun. Die Grünen preschen mit Anti-Atom-Parolen voran. Ist das Konkurrenz für Euch? Nein, eher eine Ergänzung. Das sind andere Menschen mit anderen Mitteln, und wir müssen mit denen, wenn es um Fragen wie den Atomausstieg geht, auch zusammenarbeiten. Natürlich beinhaltet das auch, dass die Grünen sich uns gegenüber öffnen und mit uns zusammenarbeiten wollen. Vor der Wahl hörte sich das aber anders an - auf der Demonstration am 5. September durften keine Parteivertreter sprechen. Wir wollten uns nicht für den Wahlkampf instrumentalisieren lassen. In Koalitionsverhandlungen fallen vorgegebene Ziele schnell unter den Tisch oder werden zu Verhandlungsmasse. Die Grünen sind damals 1998 auch in den Bundestagswahlkampf gezogen und haben gesagt "Atomausstieg jetzt, Atomanlagen stilllegen!" - und was dabei herausgekommen ist, ist der Bestandsschutz, also der Atomausstieg bis 2021. Wir wollen zeigen, dass es eine außerparlamentarische Opposition gibt, und so Druck ausüben. Gegen eine breite Bürgerbewegung kann sich die Politik, auch Schwarz-Gelb, irgendwann nicht mehr sperren. Im Übrigen ist auch eine Mehrheit der Wähler von Union und FDP gegen Atomkraft. Wie kamst du zum Thema Atomkraft? Ich habe 2001 angefangen mich mit dem Castor zu beschäftigen, das war meine politische Initialzündung. Ich studiere Umweltwissenschaft in Lüneburg, da ist es nicht weit ins Wendland. Wenn man sich jeden Tag mit Atomenergie beschäftigt und einen Einblick bekommt, was hinter den Vorhängen der Atomindustrie passiert, merkt man, dass da viel mehr schief läuft, als sie öffentlich zugeben. Wir wollen das öffentlich machen, Störfälle thematisieren, genau hinschauen, was da passiert. Und dann haben wir einen aktionistischen Hintergrund, das hat auch sportlichen Charakter, wir sind ja noch jung, ich bin 27: Abseilaktionen am Endlagerschacht in Gorleben oder an Transportstrecken sollen unseren Protest durch entsprechende Bilder untermauern. Wie würdest du dir die Entwicklung im Idealfall vorstellen? Im Idealfall folgen die politischen Parteien ihren Aussagen, dass wenigstens die weniger sicheren Atomkraftwerke sofort abgeschaltet werden. Wir reden von fünf oder sieben Anlagen in Deutschland, die sofort vom Netz gehen müssen. Brunsbüttel, Biblis, Krümmel - die stehen teilweise seit Langem still, reparaturbedingt, oder laufen nur sporadisch. Und wir brauchen sie nicht, es gibt in Deutschland keine Stromlücke. Wir exportieren sogar Strom, und daher können die gleich aus bleiben. Jedes Atomkraftwerk, das vom Netz bleibt, ist für uns ein Pluspunkt. Und unser Ziel ist klar: Stilllegung aller Atomanlagen. Die Dinger müssen vom Netz, und zwar sofort, ohne Rücksichtnahme auf irgendwelche wirtschaftlichen Aspekte. Sondern die Gesundheit, das Wohlergehen der Gesellschaft steht im Vordergrund: unsere Zukunft. Am 7. November findet der bundesweite dezentrale Aktionstag statt. Mehr Infos bekommst du bei contratom.de.


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jakeaeu
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Mag ich Mag ich nicht

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28.10.2009 - 13:16 Uhr
jakeaeu

jetzt beantworte doch mal einer meine frage! woher kommt der strom dann alternativ wenn alle atomkraftwerke dicht gemacht werden? ihr bildet euch doch nicht ernsthaft ein dass dann plötzlich überall effiziente wind und solar anlagen auftauchen?
1. wo soll man sie bauen?
2. lohnen sie sich wirtschaftlich nicht

ich hätte ja auch gerne eine welt ohne atomkraft aber das ist in der realität (noch) nicht umsetzbar.
ein wesentlich vernünftigerer ansatz wäre in meinen augen mehr geld in die regenerative energieforschung zu stecken

nordzucker
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Mag ich Mag ich nicht

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28.10.2009 - 17:07 Uhr
nordzucker

@jakeaeu:
1) hier und ueberall da wo es geht
2) die sind wirtschaftlich und werden noch wirtschaftlicher

sag du mir jetzt
wo du ueber eine million jahre den abfall sicher aufbewahren willst und warum dass die allgemeinheit bezahlen soll,
warum atomkraftwerke nicht gegen einen betriebsunfall versichert sein muessen und wie du terrorangiffe auf atomkraftwerke verhindern kannst.

hend
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Mag ich Mag ich nicht

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28.10.2009 - 19:55 Uhr
hend

@ jakeaeu

Zunächst einmal begründe mir doch mal, inwiefern Atomkraft sich "lohnt" - Fakt ist, dass es für den Steuerzahler keinen teureren Strom als Atomstrom gibt, weil der Bau der KKW so teuer ist, dass sich die Energieerzeuiger diese vor 30-45 Jahren nicht leisten konnten/wollten. Der Staat hat eifrig subeventioniert. Das wäre auch beim Neubau von KKW der nächsten Generation nicht anders - von der Endlagerproblematik mal ganz zu schweigen: weiter oben deutet es jemand an: es gibt nicht einmal die Technik, Glaskokillen aus den Castorbehälter herauszunehmen um sie in Pollucbehälter, die auch noch zu erfinden wären - zu überführen und in ein "wie auch immer" geartetes Endlager zu stecken - bei dieser Faktenlage wäre ich ganz ruhig, wenn es um wirtschaftlichkeit der verschiedenen Energiererzeugungsmöglichkeiten geht. Würden all diese Kosten auf den Strompreis umgelegt, gäbe es die Mär vom günstigen Atomstrom nicht.

Photovoltaik, Windkraft, Bio- und Geothermie sind zukunftsweisende Energien - nicht zu vergessen die Möglichkeiten zur Energieeinsparung, die jeder von uns hat (wer sie nicht nutzt, darf gerne mehr zaheln, bitte schön).

Und um auch noch das unsinnigste aller Argumente zu zitieren: mit dem Auslaufen der KKW machen wir uns nicht abhängig - das sind wir heute schon lngst: wo kommt unsere Kohle her, wo das Uran, wo das Erdgas und nicht zu vergessen das Öl ? Letzteres liegt sogar "beim bösen Muselman", ohne dass der uns den Hahn abdrehen würde.

Schöne Grüße, Hend.

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