23 23 Kommentare | 0 keine Lesenswertpunkte | Interview |

Macht

| 26.10.2009 18:30  

"Die Menschen werden entschlossener"

Text: malte-goebel
Mit dem Wahlsieg der schwarz-gelben Koalition bekommt die Anti-Atom-Bewegung plötzlich wieder sehr viel Rückenwind. Jan Becker, 27, von ContrAtom über kommende Massendemos und bürgerkriegsähnliche Zustände in Deutschland.
Der Regierungswechsel bringt Deutschland auch eine Atomkraft-freundlichere Politik. Union und FDP hatten es schon vor der Wahl angekündigt, nun beschließen sie in den Koalitionsverhandlungen verlängerte Laufzeiten für die Kernkraftwerke - und verschaffen der Anti-Atom-Bewegung wieder neue Bedeutung. Viele alte Aktivisten, die das Thema mit dem Atomkonsens unter Rot-Grün im Jahr 2000 als gedeckelt ansahen, werden nun wieder aktiv - damit rechnet jedenfalls Jan Becker, 27, von der Gruppe ContrAtom. Ein neuer Protestschwung soll die kommende Bundesregierung davon abhalten, den Atomausstieg in Frage zu stellen.



Was bedeutet der Wahlsieg von Schwarz-Gelb für die Anti-Atom-Bewegung?
Schwarz-Gelb hat sich vor der Wahl ganz klar positioniert in gewissen Punkten: Laufzeitverlängerung für die Atomkraftwerke, das Moratorium in Gorleben wird aufgehoben, das bisher den Ausbau zum Endlager verhindert hat. Für uns bedeutet das einen größeren Zulauf. Die Demonstration am 5. September in Berlin mit 50.000 Teilnehmern war ein Vorbeben, und jetzt passiert viel im Kleinen, viele Menschen haben zu mir gesagt, jetzt muss es losgehen. Unsere Aufgabe ist es jetzt, diesen Zuspruch sichtbar zu machen.

Wie sieht dieser Zuspruch aus, und woher kommt er?
Ich merke, dass viele Menschen wütender werden. Das hat mit Radikalisierung nicht unbedingt etwas zu tun, mehr mit Entschlossenheit. Für viele Leute, die sich vor zehn Jahren atompolitisch engagierten, schien das große Problem Atomausstieg befriedet. Doch das kocht jetzt wieder hoch. Wir erleben plötzlich wieder, dass zehntausende Menschen auf die Straßen gehen, und wir werden auch erleben, dass sich viel mehr Menschen entschlossen gegen Castor-Transporte auf Gleise setzen.

Wie wichtig ist, was jetzt bei den Koalitionsverhandlungen beschlossen wird?
Im Prinzip ist das irrelevant. Da geht es um Details, sie zanken sich um Jahre und Geldzahlungen, aber eines ist klar: Sie beschließen definitiv nicht die sofortige Stillegung aller Atomanlagen. Dabei wäre genau das nötig.

Wie geht ihr jetzt weiter vor?
Wir planen am 7. November einen bundesweiten dezentralen Aktionstag, der Aufschlag sein soll für weitere Proteste, die zum Beispiel am 20. Dezember in Ahaus stattfinden. In Ahaus gibt es eines der drei Zwischenlager für Atommüll, neben Gorleben und Greifswald, und hier sollen im kommenden Jahr Castor-Transporte stattfinden. Ohne die Transporte, ohne diese Atommüll-Verschiebungen, wäre der ganze Komplex der Atomindustrie nicht möglich. Die müssen irgendwo mit ihrem Müll hin, und wenn sie ihn nicht irgendwohin bringen können, dann haben sie ein Problem. Wir werden aber auch an einer neuen Stelle ansetzen: bei den Lieferungen frischer Brennelemente zu den AKWs. Das Uran kommt im Hamburger Hafen an, auf großen Schiffen aus Kanada, und genau dort werden wir Akzente setzen, was Protest angeht. Wo keine Brennelemente mehr in ein AKW transportiert werden können, kann ein AKW auch nicht mehr betrieben werden.

Jürgen Grossmann aus dem RWE-Vorstand warnte vor "bürgerkriegsähnlichen Zuständen" in der Auseinandersetzung um Kernenergie.
Das halte ich für eine Farce. "Bürgerkriegsähnliche Zustände", die schreien nach Sicherheit und Ordnung und militärischer Kontrolle. Das ist gefährlich. Da soll ein Bedrohungspotenzial geschaffen werden, was ich nicht sehe. Wir haben in Berlin gezeigt, was wir unter Protest verstehen: Das ist bunt, gewaltfrei und gerne auch laut. Die Menschen werden entschlossener, das bedeutet überhaupt nicht, dass sie radikaler werden oder Gewalt anwenden. Das hat damit nichts zu tun.

Die Grünen preschen mit Anti-Atom-Parolen voran. Ist das Konkurrenz für Euch?
Nein, eher eine Ergänzung. Das sind andere Menschen mit anderen Mitteln, und wir müssen mit denen, wenn es um Fragen wie den Atomausstieg geht, auch zusammenarbeiten. Natürlich beinhaltet das auch, dass die Grünen sich uns gegenüber öffnen und mit uns zusammenarbeiten wollen.

Vor der Wahl hörte sich das aber anders an - auf der Demonstration am 5. September durften keine Parteivertreter sprechen.
Wir wollten uns nicht für den Wahlkampf instrumentalisieren lassen. In Koalitionsverhandlungen fallen vorgegebene Ziele schnell unter den Tisch oder werden zu Verhandlungsmasse. Die Grünen sind damals 1998 auch in den Bundestagswahlkampf gezogen und haben gesagt "Atomausstieg jetzt, Atomanlagen stilllegen!" - und was dabei herausgekommen ist, ist der Bestandsschutz, also der Atomausstieg bis 2021. Wir wollen zeigen, dass es eine außerparlamentarische Opposition gibt, und so Druck ausüben. Gegen eine breite Bürgerbewegung kann sich die Politik, auch Schwarz-Gelb, irgendwann nicht mehr sperren. Im Übrigen ist auch eine Mehrheit der Wähler von Union und FDP gegen Atomkraft.

Wie kamst du zum Thema Atomkraft?
Ich habe 2001 angefangen mich mit dem Castor zu beschäftigen, das war meine politische Initialzündung. Ich studiere Umweltwissenschaft in Lüneburg, da ist es nicht weit ins Wendland. Wenn man sich jeden Tag mit Atomenergie beschäftigt und einen Einblick bekommt, was hinter den Vorhängen der Atomindustrie passiert, merkt man, dass da viel mehr schief läuft, als sie öffentlich zugeben. Wir wollen das öffentlich machen, Störfälle thematisieren, genau hinschauen, was da passiert. Und dann haben wir einen aktionistischen Hintergrund, das hat auch sportlichen Charakter, wir sind ja noch jung, ich bin 27: Abseilaktionen am Endlagerschacht in Gorleben oder an Transportstrecken sollen unseren Protest durch entsprechende Bilder untermauern.

Wie würdest du dir die Entwicklung im Idealfall vorstellen?
Im Idealfall folgen die politischen Parteien ihren Aussagen, dass wenigstens die weniger sicheren Atomkraftwerke sofort abgeschaltet werden. Wir reden von fünf oder sieben Anlagen in Deutschland, die sofort vom Netz gehen müssen. Brunsbüttel, Biblis, Krümmel - die stehen teilweise seit Langem still, reparaturbedingt, oder laufen nur sporadisch. Und wir brauchen sie nicht, es gibt in Deutschland keine Stromlücke. Wir exportieren sogar Strom, und daher können die gleich aus bleiben. Jedes Atomkraftwerk, das vom Netz bleibt, ist für uns ein Pluspunkt. Und unser Ziel ist klar: Stilllegung aller Atomanlagen. Die Dinger müssen vom Netz, und zwar sofort, ohne Rücksichtnahme auf irgendwelche wirtschaftlichen Aspekte. Sondern die Gesundheit, das Wohlergehen der Gesellschaft steht im Vordergrund: unsere Zukunft.


Am 7. November findet der bundesweite dezentrale Aktionstag statt. Mehr Infos bekommst du bei contratom.de.


Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Teste Deutschlands große Tageszeitung jetzt zwei Wochen kostenlos und unverbindlich: hier klicken!
Textoptionen
Mehr Texte Mehr Texte von malte-goebel
Alle Texte Alle Texte zum Label Interview
-----
Lesenswert Diesem Text einen Lesenswertpunkt geben
Abonnieren Abonnieren: Kommentare oder Texte von malte-goebel
-----
Netiquette Netiquette Melden Diesen Text melden
-----
Kommentare
Kommentar schreiben:


+ -
Kommentar >> speichern
Alle Kommentare anzeigen
jakeaeu 27.10.2009 | 01:16
woher kommt der strom wenn alle atomkraftwerke in de dicht machen?

0

Du hast schon abgestimmt Du hast schon abgestimmt Den Kommentar möchte ich melden


__xxx__ 27.10.2009 | 07:52
Aus dem Ausland, teuer gekauft.

Atomkraftgegner sind gegen die einzige "große" Energiequelle die kein CO2 produziert (Wind zähle ich gar nicht mit bei der mageren Ausbeute) und die nehmen das gern in Kauf, dass Deutschland nun von Importen abhängig bleibt. Eigentlich würde ich die Leute als Staatsfeinde bezeichnen.

0

Du hast schon abgestimmt Du hast schon abgestimmt Den Kommentar möchte ich melden


FlorianBesser 27.10.2009 | 12:22
__xxx__ sagte:
Atomkraftgegner sind gegen die einzige "große" Energiequelle die kein CO2 produziert.


Das ist ja wunderbar! AtomkraftGEGNER sind wirklich energiegeladen und bringen eine zukunftsfähige, saubere und CO2-freie Energieversorgung voran. Die Atomkonzerne Vattenfall, RWE & Co. wollen uns immer noch weiß machen, dass erneuerbare Energien keinen Strom liefern könnten. Wind, Sonne, Wasser und Erdwärme müssen (anders als Uran) nicht importiert werden! Und Staats- und Menschenfeinde sind die skrupellosen AKW-Bonzen, die Asse + Morsleben verursacht haben.

Die AKW Krümmel und Brunsbüttel stehen seit 2007 still, Biblis A+B seit Anfang 2009. Trotzdem wird Strom exportiert! Diese Schrottreaktoren muss man nicht einmal "abschalten", sondern einfach nur ausgeschaltet lassen.

0

Du hast schon abgestimmt Du hast schon abgestimmt Den Kommentar möchte ich melden


__xxx__ 27.10.2009 | 12:31
Schon nachgeschaut wie viel Strom in Deutschland durch die Windenergie erzeugt wird? Abgesehen davon dass die Effizienz bei mageren knapp 15% liegt, auch diese Energie gibt es nur dann wenn es auch Wind gibt. Dasselbe gilt für Sonne. Wasserkraft wird nicht nur nicht gefördert hierzulande, sondern sogar abgebaut. Mit welchen Ausreden dies geschieht, weiß ich nicht mal.

Im Endeffekt könnte man mit den von dir genannten Quellen bestenfalls 15-20% des Energiebedarfs im Land abdecken, wenn alles reibungslos funktionieren würde (was ja nicht der Fall ist, siehe Wind und Sonne).

Und vom Biosprit wollen wir nicht mal anfangen. In den völlig ineffektiven Anlagen sind allein im letzten Jahrzehnt mehrere Leute in diversen Explosionen etc. umgekommen, so ganz im Gegensatz zu den ach-so-schlimmen Atomkraftwerken. Steht aber halt nicht in Großbuchstaben auf der Titelseite von Bild, würde sich ja politisch nicht so gut machen.

0

Du hast schon abgestimmt Du hast schon abgestimmt Den Kommentar möchte ich melden


__xxx__ 27.10.2009 | 12:33
Und nur zur Info, über 70% des Stroms in Deutschland werden importiert. Hier jetzt was von Export zu reden ist einfach nur lachhaft.

0

Du hast schon abgestimmt Du hast schon abgestimmt Den Kommentar möchte ich melden


__xxx__ 27.10.2009 | 12:40
Ich muss mich korrigieren - wie ich sehe hat sich das in der zwischenzeit tatsächlich in Richtung mehr Export als Import verändert. Allerdings finde ich auf die schnelle nur die Statistiken aus der grünen Ecke, muss mal nach unabhängigen Berichten schauen.

1

Du hast schon abgestimmt Du hast schon abgestimmt Den Kommentar möchte ich melden


Klobuerste 27.10.2009 | 13:42
Ein sofortiger Atomausstieg ist doch einfach nicht machbar, erst recht nicht in dieser Wirtschaftlichen Situation. Ausstieg ja, aber schaun wir doch erstmal das wir wirtschaftlich stabil sind bevor wir der Industrie den Strom abstellen.

0

Du hast schon abgestimmt Du hast schon abgestimmt Den Kommentar möchte ich melden


vantast64 27.10.2009 | 16:37
Wußten die vielen Millionäre und Zahnärzte nicht, daß sie neben weniger Steuern mehr Atommüll bekommen? Aber offenbar ist die Geldgier stärker als das bißchen Vernunft...

0

Du hast schon abgestimmt Du hast schon abgestimmt Den Kommentar möchte ich melden


vantast64 27.10.2009 | 16:37
Wußten die vielen Millionäre und Zahnärzte nicht, daß sie neben weniger Steuern mehr Atommüll bekommen? Aber offenbar ist die Geldgier stärker als das bißchen Vernunft...

0

Du hast schon abgestimmt Du hast schon abgestimmt Den Kommentar möchte ich melden


transworld 27.10.2009 | 16:44
ein sofortiger atom ausstieg ist von heute auf morgen möglich. als mitte des jahres 50% aller deutschen atomkraftwerke aus verschiedenen gründen nicht am netzt waren, gab es nicht die kleinste schwankung. würde man von heute auf morgen alle deutschen atomkraftwerke abschalten, so hätte das keine folgen für die spannung oder die stromzufuhr egal wo.
dadurch das das europäische stromnetzt exrtem verknüpft ist und dadurch das deutschland mehr strom als nötig produziert, wird eigendlich jede schwankung sofort aufgefangen und europaweit kompensiert.

0

Du hast schon abgestimmt Du hast schon abgestimmt Den Kommentar möchte ich melden



zurück
erste Seite (inaktiv) einen Block zurück (inaktiv)
1 2 3
einen Block weiter (inaktiv) letzte Seite
weiter


Kommentar schreiben:


+ -
Kommentar >> speichern
Alle Kommentare anzeigen
ist jetzt-User und hat diesen Beitrag verfasst.


-----
-----
-----
Beiträge von malte-goebel zu den Labels:
Interview (1)
jetztgedruckt (1)
MeineTheorie (1)
Redaktionsblog (2)
Textmarker (1)
Tourbuehne (1)

 
RSS Newsfeed
-----