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Kultur

| 25.10.2009 18:30  

Die haben mehr zu erzählen als wir

Text: julia-finger  Fotos: Four Music, Sektenmuzik, Hirntot Records
Viele Rapper sind Einwandererkinder – reimen sie die besseren Geschichten? Besuche bei Miss Platnum, Greckoe und Dr. Jekyll
Ruth kommt im April im Flugzeug nach Berlin-Schönefeld und fährt mit dem Bus über die Grenze in den Westteil der Stadt. Sie trägt eine Hornbrille, deren kaputte Bügel mit Leukoplast fixiert sind. Ihre Nase klebt an der Fensterscheibe. Sie staunt. In Berlin scheint, anders als in Rumänien, alles zu glänzen. Als sie aussteigt, nehmen ihre Eltern sie in den Arm und gehen mit ihr zu McDonald’s. Einen Cheeseburger essen. Eine Cola trinken. Das neue Leben feiern.

Es ist 1988 und die kleine Ruth Maria Renner ist gerade mit ihrem Bruder aus dem rumänischen Timisoara nach West-Berlin gekommen, die Eltern sind schon seit acht Monaten in der Stadt. Die beiden Wetterforscher flohen aus dem kollabierenden Ceausescu-System nach Ungarn und dann zu einer Schwester von Ruths Vater nach Berlin. Sie hatten eine sogenannte Familienzusammenführung beantragt. Ruth und ihr Bruder leben fortan bei den Großeltern. „Wir dachten, unsere Eltern wären auf einer Forschungsreise. Wir durften nicht wissen, dass sie geflohen sind. Niemand wusste etwas davon, bis auf Oma und Opa“, sagt Ruth, heute 29. Sie sitzt mit einer Cola in der Hand in einem portugiesischen Restaurant in Kreuzberg, nicht weit vom U-Bahnhof Kottbusser Tor entfernt und erzählt, wie ihre Vergangenheit zu ihrer Zukunft wurde.

Der „Kotti“ ist die Hauptschlagader des Stadtteils und Kreuzberg das multikulturelle Herz Berlins. Menschen aus 186 Ländern wohnen in Deutschlands Hauptstadt. Die einst geteilte Metropole ist heute das Zuhause von Chinesen und Türken, Angolanern und Weißrussen, Argentiniern und Kroaten. Täglich treffen hier Kulturen und Religionen, Wünsche und Träume aufeinander. Viele Musiker, vor allem viele Rapper schöpfen aus diesem Alltag Themen für ihre Songs.



Miss Platnum

Als sie mit acht Jahren nach Berlin kam, beherrschte sie bereits die deutsche Sprache – im rumänischen Siebenbürgen gehörte sie zur deutschen Minderheit. Als sie in Deutschland wegen ihres Akzents mit dem markant rollenden „R“ gehänselt wird, trainiert sie sich den kleinen „Fehler“ hartnäckig ab. Heute aber kramt sie den rumänischen Akzent wieder hervor und kokettiert in ihren Songs mit Balkan-Klischees, sie singt von Zwangsheirat und fettigem Essen.
Ruth wächst im Gegensatz zu den meisten Migranten nicht im Großstadtghetto auf, sondern in eher gutbürgerlichen Verhältnissen. Sie lernt diszipliniert und wundert sich über die lockere Atmosphäre an deutschen Schulen. „In Rumänien wurde mit einem Stock auf die Fingerkuppen geschlagen, wenn man frech war. Hier machten die Kinder, was sie wollten. Das war neu für mich.“

Die anderen Schüler beschimpfen Ruth als Streberin und der rumänische Ehrgeiz legt sich zunächst. Ruth macht ihr Abitur mit einem Schnitt von 2,5 und studiert Romanistik. Nach zwei Vorlesungen merkt sie: Das ist es nicht. Sie will Musikerin werden und besucht ein Konzert der in Berlin lebenden Soulsängerin Jocelyn B. Smith und sieht dabei einen Aushang. Smith bietet Gesangsunterricht. Von nun an lernt sie für 100 Mark pro Stunde Singen und darf bald bei Konzerten von Smith im Background mitmachen. Das Geld für den Unterricht verdient Ruth als Putzfrau in einem Kindergarten. Ruth strebt nach mehr, nennt sich Miss Platnum und nimmt ein Album auf. Das Debüt „Rock me“ erscheint im Januar 2005 bei einem kleinen Plattenlabel. „Ich wollte nach Tweet klingen, nach Jill Scott und Erykah Badu, vergaß dabei aber, ich selbst zu sein“, erinnert sich Ruth. Noch heute stapeln sich die nicht verkauften Exemplare in ihrer Wohnung. Aber sie entdeckt ihren Ehrgeiz wieder, den sie in der Pubertät abgeschüttelt hatte und geht ihre Idee neu an. Ihr Freund, Ill Vibe von der Band Seeed, hilft ihr. „Er feiert meine Mentalität“, sagt Ruth. Er rät ihr, aus Miss Platnum eine goldschmucktragende Kunstfigur zu machen, die selbstgebrannten Schnaps trinkt, Mercedes fährt und Kohlroulade liebt. Aus den soften Soulsounds werden harte Hip-Hop-Beats, unterlegt mit Blechbläsern, Folk-Samples und deutlichen Balkan-Einflüssen. Musikmagazine und das Feuilleton loben das zweite Miss Platnum-Album, seit September gibt es das dritte, „The Sweetest Hangover“, zu kaufen und es ist eigenartig, wie ihr die überzeichneten Anleihen aus ihrer einstigen Heimat den Erfolg bringen.



Greckoe

Konstantinos Tzikas, 23, ist Grieche und seine erste Single als Rapper Greckoe hieß „Typisch griechisch“. Sie landete 2008 auf Platz zwei der MTV-Chart-Show „TRL“. Er ist bei dem Label Sektenmuzik unter Vertrag – sein Chef ist dort Rap-Superstar Sido.
Greckoe sitzt in einem Beachclub an der Spree und beobachtet, wie sich die Glut in den Filter seiner Zigarette frisst. Die Hose hängt tief im Schritt, das Basecap sitzt schief, schief wie die beiden Schneidezähne, die man sieht, wenn er lacht. Doch jetzt lacht er nicht. Er erzählt, wie der griechische Bürgerkrieg seine Großeltern einst nach Ungarn und dann über Leipzig und Dresden nach Berlin trieb. Der Vater wird Fabrikarbeiter, die Mutter Kindergärtnerin, die Schwester Sozialpädagogin. Für ihn gibt es nur das Rappen. Die Gegend, aus der er kommt, ist kein verwahrloster Wohnblock in einer der Trabantenstädte, von denen Rapper sonst in ihren Texten erzählen. Trotzdem leben hier viele Aussiedler, vor allem Griechen. Thematisch unterscheidet sich Greckoe auch von den Gangsterrappern. Statt von Schusswunden erzählt er vom Neuanfang seiner Großeltern in Deutschland oder vom Schulsystem. „Ich bin in der Szene einer der Wenigen, die positiven Rap machen, ohne dabei schwul zu klingen.“

Kann man im deutschen Hip Hop nur mit sogenanntem Migrationshintergrund erfolgreich sein? Greckoe überlegt. „Klar, die meisten Rapper sind Einwandererkinder oder Ausländer. Aber dass sie Erfolg haben, hat nichts mit dem Pass zu tun“, vermutet er. „Aber wir Ausländer haben wahrscheinlich mehr zu erzählen und sind deswegen die besseren Rapper.“



Dr. Jekyll

Dr. Jekyll hat eine philippinische Mutter und einen ukrainischen Vater. Sie ist in Neukölln, Wedding und auf den Philippinen aufgewachsen, ihren echten Namen will Jekyll nicht verraten, auch ihr Alter behält sie für sich. „Meine Rapcrew und ich hatten schon oft Probleme mit dem Gesetz, auch deswegen wollen wir anonym bleiben.“ Die Berlinerin rappt seit drei Jahren, vorher hat sie mit Spraydosen die Hauptstadt verschönert. „Meine Kreativität musste ich immer irgendwie ausleben, ob im Malen oder durch die Musik.“ Mit vier Jahren begann sie das Klavierspiel, mit acht nahm sie Kampfsportunterricht. „In der Schule war ich das Ausländermädchen, die mit der dunklen Haut. Gegen solche Vorurteile musste ich mich früh wehren.“ Schon in der Grundschule wurde Jekyll wegen ihrer Wurzeln gemobbt, ließ sich aber nie etwas gefallen. Die Situation eskalierte, als die damalige Drittklässlerin einem Mitschüler vor Wut einen Bleistift in die Hand rammte und der Junge ins Krankenhaus gebracht werden musste. „Von da an gab’s regelmäßig Schlägereien und Ärger mit den anderen Kids.“ Nach dem Unterricht lauerten ihr Schulkameraden auf und versuchten, sie zu verprügeln. Aber der Kampfsportunterricht zahlte sich aus.

„Als Ausländer wirst du auch von Leuten dumm angemacht, die du gar nicht kennst. Einfach so in der S-Bahn dumme Sprüche kassieren, weil du nicht deutsch bist – das ist normal hier in Berlin.“ In einer Graffiti-Crew findet die zierliche Musikerin Rückhalt, bevor sie auf die Berliner Rapper Dr. Faustus und Blokkmonsta vom Label Hirntot Records trifft. Hirntot ist seit der Gründung im Jahr 2005 aus der Berliner Untergrund-Rapszene nicht mehr wegzudenken. Sieben Musiker sind derzeit bei der Plattenfirma unter Vertrag. Die Hirntot-Künstler sind vor allem durch ihre harten Texte über morbide Themen und ihre musikalisch düsteren Produktionen bekannt.
„Wir machen keinen gewöhnlichen Rap, sondern Psychokore“, erklärt Jekyll. In ihren Texten spielt die Berlinerin gern die Gerichtsmedizinerin, die Menschen aufschlitzen und auseinandernehmen muss: „Getrieben von Hass, bahne ich mir meinen Weg/Du kannst versuchen zu fliehen, doch jede Hilfe kommt zu spät/Mit dem Skalpell in der Hand steht die Welt für mich offen/Von Geburt an hass’ ich Menschen, jeder ist davon betroffen“.

An einem Donnerstag vor zwei Jahren stürmen SEK-Beamte Wohnungen und Studio der Hirntot-Musiker. Den Künstlern wird vorgeworfen, in ihren Texten Gewalt zu verherrlichen und zum Mord an Monika Griefahn von der SPD aufzurufen. Im vergangenen Jahr wurden drei Hirntot-Rapper unter anderem wegen Aufforderung zu Straftaten, Gewaltdarstellung, Beleidigung und Volksverhetzung zu Bewährungs- und Geldstrafen verurteilt. „Wir müssen aufpassen, was wir rappen“, sagt Dr. Jekyll. Doch die Künstlerin lässt sich nicht den Mund verbieten. „Ich habe viele Fans, die Kunst und Fiktion in meiner Musik erkennen. Ich wüsste auch nicht, was ich anderes machen sollte hier in Berlin. Ich bin Rapperin mit philippinisch-russischen Wurzeln – ich habe viel zu erzählen und das wissen die Leute.“

Rumänien, Griechenland, Philippinen: Der Rap ist für viele ein Umgang mit der Herkunft – und mit der Heimat. Für Greckoe ist das Berlin. Für Ruth auch. „Meine Heimat ist Berlin, nicht Rumänien“, sagt sie. „Ich könnte mir nicht mehr vorstellen, woanders zu leben.“


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bambelbee 25.10.2009 | 18:49
ist ja echt interessant

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Bombastic 25.10.2009 | 19:05
Ich möchte nie wieder was über irgendwelche Rapper in Berlin lesen.
Ich möchte eigentlich gar nichts über Berlin lesen.
Das ist mein Wunsch für die Zukunft.

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Ioana 25.10.2009 | 19:05
sorry, wenn ich das so sage, aber grade miss platnum als vertreterin rumänisch geprägtem pop oder rap zu liefern ist ziemlich gewagt. zum einen sind die tatsächlichen einflusse traditionellen rumänischen folks spärlich und mainstreamgeschmackmäßig gestreut, sodass die mucke nichts anderes als recht tanz- und kreischbarer discopop ist. zum anderen ist die dame keine "rumänin" sondern eine angehörige der deutschen minderheit mit ihren eigenen volksliedern und bräuchen. keine diskriminierung, es macht sie nur nicht sonderlich authentisch. da ist eine musik mit ein paar mundfertig verpackten tubaeinlagen und einer sängerin, die sich wunderbar sämtlichen klischees bedient, die über osteuropa existieren. das ist eine einträgliche art musik zu machen, als authentisch oder individuell würde ich es nicht bezeichnen. dafür hat der balkan seine ganz eigene musik, sprache und geschichte, die miss platnum garantiert nicht mit und ihrer musik verkörpert. nur meine meinung.

die anderen kenne ich (leider) nicht.

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Bombastic 25.10.2009 | 19:33
„Als Ausländer wirst du auch von Leuten dumm angemacht, die du gar nicht kennst. Einfach so in der S-Bahn dumme Sprüche kassieren, weil du nicht deutsch bist – das ist normal hier in Berlin.“

Stimmt doch einfach nicht. Erstens beträgt der Ausländeranteil in U- und S-Bahn bestimmt 30%-40%. Zweitens fahre ich sehr oft damit und ich habe noch nie gesehen, dass da jemand angemacht wurde. Und ich schätze mal in Berlin ist das auch nicht viel anders ist. Obwohl da natürlich alles etwas härter ist. Die Stadt macht dich kaputt etc pp

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Charlotte94 25.10.2009 | 19:46
Ich find unkritische Berichte Doof !
So ist das kein Artikel, sondern drei Personen dürfen mal eben erzählen, was ihnen so einfällt, egal wie schwachsinnig es ist...
Vielleicht wäre ein ausführliches Interview mit nur einer Person (von mir aus auch als Serie, wenns jemanden interessiert) besser gewesen und hätte auch die drei Rapper besser da stehen lassen...
Man weiß es nicht, woher auch .

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Bombastic 25.10.2009 | 19:53
Ist jemand aufgefallen dass Dr jekill voll gewalttätig ist: Schon in der dritten Klasse jemand die Hand durchbohrt, regelmässig Schlägereien, dann Vandalismus durch Graffiti-Geschmiere, Haft und Geldstrafen wegen gewaltherrlichenden Texten, beleidigung und Volksverhetzung.
Aber als ausländer wirst du halt gemobbt in Berlin. Irgendwo muss die Energie dann raus. Die Stadt macht dich fertig.

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bangforthebuck 25.10.2009 | 20:03
was für eine Auswahl...
da bleibt einem nur Kopfschütteln und ein Gedanke an die Zeit von AC und "Fremd im eigenen Land". Das nenne ich Auseinandersetzung.
Von mir aus hätte man sogar Samy Deluxe oder die Brothers Keepers auswählen können, aber doch bittschön nicht die!

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Tulpenkrieg 25.10.2009 | 20:20
ich muss mich meinem vorschreiber leider anschließen. vom prinzip ist das ganze ja nett gedacht, auch wenn die rapper/migranten-debatte mittlerweile wohl wirklich keine neuen erkenntnisse mehr bringen dürfte.
hinzu kommt, dass miss platnum nun alles andere als eine rapperin ist, dr. jekyll leider jegliche relevanz fehlt, und greckoe sicherlich rappen kann, scheinbar aber nicht wirklich viel zu sagen hat, denn er findet im artikel kaum beachtung.
ac und "fremd im eigenen land" wieder hervorzukramen hätte zwar auch nicht not getan, aber ein paar spannendere zeitgenossen als die hier aufgeführten hätte es wahrlich gegeben. schade.

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bangforthebuck 25.10.2009 | 20:38
Tulpenkrieg sagte:
ac und "fremd im eigenen land" wieder hervorzukramen hätte zwar auch nicht not getan, aber ein paar spannendere zeitgenossen als die hier aufgeführten hätte es wahrlich gegeben. schade.


hast natürlich Recht, das aber soll hauptsächlich ein Hinweis darauf sein, wie alt das Thema schon ist.

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Beru 25.10.2009 | 21:20
ja, meine fans wissen auch immer wie ichs mein, und können fiktion, ironie und ernst immer auseinanderhalten. selbst wenn ich das selbst manchmal nicht mehr kann. aber die sind halt die besten, meine fans halt. hätte ich meinem fan in die hand gestochen, der hätte das verstanden und drüber gelacht. ist ja auch voll unerwartet und ironisch in den moment. hehe.

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