17.10.2009 - 11:51 Uhr

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Rückwärtsblick.Thirtysomething & hängen geblieben im wannabe Universum spätpubertärer Fantasien.Aber nicht wissen wie Kochwäsche geht. Eure Ideale sind längst im Ausverkauf über den Tisch gegangen.

Text: rose

Als wenn ich aus meiner eigenen Zeitlinie rausgefallen wäre, hallt sie heute nach. Die verlorene Zeit in all den Klubs. Verlorene Stunden, Minuten, Freunde und Wahrheiten. Unwahrheiten. Illusionen. Manch einer der einem wichitg war, ist lost. Gemeinsame Ideen, Ideale und Gedanken verschwinden im Gulli des gesterns. Versprechen sind vergessen. Eigentlich ist das alles traurig. Aber weil manch einer meint, er müsse besserwissend oder gar gemein nachtreten, wie ein vierjähriger im Kindergarten, einfach nur so, dann krieg ich eines: Wut. Einfach nur verdammte Wut.

Und dann muss es raus. Ein letzter Aufschrei, rückwärts gerichtet an den Verein der Hedonistischen Penner. Einfach nur so. Weil mir gerade danach ist. Dies ist an alle adressiert, die denken, sie tanzen den geilsten ChaChaCha der Welt. Die Ideale, die ihr alle mal hattet, sind im Ausverkauf über den Tisch gegangen. Und mal so am Rande: Ich habe mir eine Muse zugelegt, seitdem läuft auch wieder mit den Geschichten und der Schreiberei.

Es gibt ja den einen oder anderen, der schwimmt so durch seine daily Realität und hält diese für das Einzige und Wahre. Ich möchte mich da gar nicht mal so ausschließen. Auch ich war schon Opfer derber Realitätsverschiebungen. Ungefähr so von 1998 bis 2008. Zehn Jahre auf der Parkbank der Auszeit des Seins. Und dabei habe ich mich total tutty und cool gefühlt. Großartig verblendet. Irgendwie Lost Generation, lost in Disko und lost mit üblen Leberwerten. Ich vergötterte Menschen als Freunde, die mit mir auf der Parkbank rumlungerten. Aber wahre Freunde habe ich jetzt, gerechnet von heute bis zum meinem Tag der Geburt, nur wenige. Von all denen, die ich als Freunde, im Rahmen der Diskoattentate an uns selbst, im Herzen trug, blieb ein klitzekleiner Rest. Ein Duo. Zwei. Wenn wir uns die Hände reichen sind wir drei.

Der Rest hängt immer noch in der Disko rum, rühmt sich mit abgebrochenen Studiengängen, endlosen Studiengängen, Scheinselbstständigkeiten, fake Jobs. Gefangen in sich selber, in einer Blase, als Provinz DJs in der ständigen Fantasie, übermorgen der nächste Sven Väth zu sein. Aber gleichzeitig total fürchterlich individuell und irgendwie doch nur egoistisch, falsch. Und zu allem Überfluß sozial isoliert in der Gruppe. Einsam in der Gruppe. Das geht nur dort. In der dunklen Disko. Und jeder beklatscht sich selber im Rausch der Beats per Minute und sieht es als Heldentat an, mal wieder drei Tage wach, die Freundin betrogen und die Hose seit vier Tagen nicht gewechselt zu haben. Glückwunsch, wie wahrlich kultiviert die Welt im Schatten der Diskokugel doch ist.

Blicke ich zurück, habe ich eigentlich ein konstantes Gefühl von Falschheit im Körper. Erinnerungen in meinem Gehirn, an die ich mich am liebsten nicht erinnern möchte. Vor zwei Jahren fand ich das alles noch super. Heute schüttel ich mich.

Und wenn ich offensiv über die Scheiße rede, dann schallt es aus der Disko heraus: Hej, aber am aller beschissensten bist ja eigentlich Du. Ja, klar. Am allerbeschissensten bin ja ich, weil ich entschieden habe, ich biege auf dem SuperFastHighway of Hedonism doch jetzt besser mal ab. Ich nehm' die Ausfahrt. Ich hatte einfach keinen Bock mehr. Auf mich in der Sache, auf die Sache an sich. Die Lügen. Die falschen Gefühle. Den Beat. Den Geruch. Den Rauch. Alles. Disko hat mir echt einfach plötzlich gereicht. Und natürlich ist es jetzt am einfachsten zu sagen: Ach, die ist ja schon immer verrückt gewesen. Thema zu Ende. Natürlich habe ich Fehler gemacht. Natürlich ist nicht alles gold was glänzt. Aber Fehler machen, gehört zum Leben dazu. Davon will ich jetzt gar nicht mehr anfangen. Ich fragte ich mich jahrelang, wo die Moral gewesen ist. War sie überhaupt da? Ich weiß es nicht. Aber am Ende war klar: Es ist gelaufen. Finish. Das Ziel war erreicht.

Demoralisiert nach drei Tagen wach, kotzend über der Badewanne, schreiend nach Mutter und Vater und die sickernde Erkenntnis: Das ist nicht cool. Es ist nicht schön. Verlogen ist natürlich die Tatsache, dass nun alle anderen behaupten: War ja nicht mein Problem. Habe ich ja nie gehabt solche Probleme. Aber neulich sagte mir noch jemand, anscheinend in einem seltenen Moment von Erkenntnis oder so, ich solle doch mal bitte einen nennen, den ich beim Feiern kennen gelernt habe, der nicht einen Hau hatte, Probleme mit den Eltern, Probleme in der Schule, Probleme mit sich selber und darum meine er, man müsse eben das mit ordentlichem Drogenkonsum und Techno kompensieren. Keiner. Jeder für sich hatte sein Drama in petto. Das ist die größte und längste Gruppentherapie wo gibt. Feiern gehen.

Und man sagte mir auch, ich sei ja aus Versehen zur moralischen Instanz geworden. Weil ich es in Frage gestellt habe. Alles. Und das wollte nun wirklich keiner einer ertragen. Eine Szene, die nicht in den Spiegel schauen will, will auch nichts von Moral und Sinn hören.

Alles klar. Ihr selbstverliebten, verdrehten Verdränger, Lost Generation, zwischen Heulerei, wenn die Drogen zu viel waren und Kotzerei von zu viel Sauferei. Gefangen in Eurer eigenen Angst. "Ich mach' mir die Welt so, wie sie mir gefäll". Das habt ihr alle ein bisschen zu ernst genommen; dass man sich selber das aussuchen kann, woran man sich erinnert. Es hilft nicht weiter, sich nur an den Kram zu erinnern, der einem passt. Ich habe immer die ganze Schwärze und Schwere der Nacht mit mir herum geschleppt, es war nicht immer alles nur sexy und wham bahm. Im Gegenteil: Es war das Tor zu Hölle. Eine einzige Flucht. Die Nacht hat ein dunkles Herz.

Ich habe es satt. Ich bin es so satt. Ich bin so satt, das ich kotzen könnte. Es gibt so ein paar Dinge, mit denen ich noch abrechnen muss, bevor die Uhr umgestellt ist. Ich bin die ewig düssbattel Oberlehrer Kommentare eines manchen leid, der denkt, er habe die Weisheit mit Löffeln gefressen. Ich bin es leid, von Menschen belehrt zu werden, die sich größtenteils selber wie Elefanten im Porzellanladen aufführen. Ich bin es leid, mir die vernebelten Erinnerungen immer und immer wieder anzuhören. Aufgewärmt wie aus einer Mikrowelle. Mikrowellenessen schmeckt nicht. Ostzonensupppenwürfelmachenkrebs.

Man taumelt durch das Leben. Und es soll doch Sinn ergeben. Doch Selbstaufgabe inmitten der Disko ist doch alles andere als eine Aufgabe. Das ist verrückt. Und dann kam irgendwann das Ende. Das Ende von verschenkter Zeit. Und man möge mir bitte einen Menschen zeigen, bei dem "alles in Ordnung ist", der sich seit mehr als einem Jahrzehnt am Wochenende dicht macht. Egal, ob er von montags bis freitags in der Uni hängt oder im Büro. Es gibt wahrhaftig mehr im Leben, als sich dicht zu machen. Dicht machen macht bis zu einem gewissen Grad sicherlich Spaß. Aber irgendwann ist man schlichtweg zu alt dafür. Das ist auch so ein ganz schlichter Grund. Oder einfach mal daran denken, wie ungesund dieser niemals endende Raubbau am eigenen Körper, ja an der eigenen Seele ist. Ich glaube die Mär bis heute nicht, die manch einer in die Welt hinaus ruft. Die Mär von "Aber mir geht es total super!". Ihr heult doch alle im stillen Kämmerlein. Anstatt das zuzugeben, wird immer einer auf dicke Hose gemacht. Das macht Euch alle so unmenschlich, wenn man länger darüber nachdenkt.

Lange Reden schwingen in der Schnapsgetränktheit Eurer schwarzen Nächte, aber wirkliche Probleme verkennen und sich am besten noch drüber lustig machen. Was seid ihr für nette Menschen. Zerrieben im Leben von gestern und morgen. Schaut doch mal in den Spiegel und lügt Euch nur für zwei von drei Sekunden einmal nicht an. Das wäre schon ein Stückchen echte Selbsterkenntnis. Mehr als jede XTC geschwängerte Schnapsidee.

Wendet man sich plötzlich ideologisch ab, kehrt man der Parkbank der Diskofreaks den Rücken, ist es tendenziell wie Hochverrat. Lallte man noch Jahre zuvor derb, XTC geschwängert und alkoholvernebelt, so einen Scheiß wie “Wir werden uns immer voll gut verstehen, es ist als seien wir Geschwister, aber bei der Geburt getrennt”, weiß man ein paar Nachdenkphasen später: Nichts war wahr, nichts ist geblieben. Nicht mal mehr die Parkbank ist da. Das Universum, in dem man sich bewegte, hat sich geschlossen. Neulich wurde mir auch zugetragen, wenn man raus ist, ist man raus. Es gäbe auch kein zurück. Interessant an diesem Aspekt ist, dass man überhaupt nicht zurück will, aber dieses Argument wird einfach auf Seite geschoben und man wiederholt wie ein Mantra: Es gibt kein zurück für Dich. Man will kurz dazwischen gehen und erwähnen, dass man sich nun wirklich besseres vorstellen kann, als im Kollektiv geschwängert im Rausch die Realität weiter zu verdrängen und sich gegenseitig zu simulieren, everything is alright. Gelogen. Ich scheiß auf jede Rückfahrkarte. Will ich nicht haben. Nein, danke.

Es gibt 100 Gründe, warum man vielleicht nicht mehr wollte. Der banalste ist vielleicht der, dass man nach der tausendsten durchzechten Nacht morgens Galle kotzend über der Schüssel hängt und man sich fragt, gibt es einen Gott? Und wenn es einen Gott gibt, kann er mich bitte, bitte jetzt nicht an meiner eigenen Kotze ersticken lassen?

Und ich finde, das reicht. Und selbst wenn man nicht mehr miteinander kann, gibt es keinen Grund nach zwei Jahren immer noch nachzutreten, weil sich jemand für einen anderen Weg entschieden hat. Vor allem wenn man doch eigentlich mal so called Freunde war. Freundschaft ist eigentlich ein hohes Gut, aber ich habe lernen müssen, dass es Leute gibt, die selber nicht den geradesten Weg gehen, aber ganz groß darin sind, anderen laut zu sagen, wann sie mal gestolpert sind.

Und was war eigentlich der Grund zu gehen? War was ganz Schlimmes? Ist jemand vor mir gestorben? Überdosis? Nein. Mein Grund, warum ich von einem Tag auf den anderen, nach zehn Jahren Selbstverfremdung die Notbremse zog, war ein ganz einfacher: Ich hatte drei Tage in der Diskothek des Grauens durcharbeiten müssen. Ich sah daheim eine Dokumentation über Island. Die Farben machten mich so traurig über den Scheiß, den ich seit Jahren in meinem Leben anstellte, dass ich mein Leben in der Disko an den Nagel hängte.

Es war die beste Entscheidung in meinem Leben. Denn da ist wahrlich mehr, als nur auf den coolsten Parties der Stadt rumzuhängen. Denn da ist mehr, als mit lauter Leuten rumzuhängen, die vor ihren Neurosen, Ängsten und eigenen Fehlern weglaufen. Das Leben ist mehr als Party. So langweilig es klingt. Ich bin so froh über meine nun seit fast zwei Jahre gelebte, echte Realität, das kann nur ich für mich alleine wissen. Aber zu wissen, dass ich Freunde, die niemals welche waren, hatte, macht mich immer noch traurig. Nein, es macht mich wütend. Aber was will man machen. Ich könnte jetzt stundenlang nur die Wand anschreien. Am Ende fällt mir nur noch ein, was die Muse dazu sagt. Ich führe die ganze Sache unlogisch und ohne richtiges Ende zum Ende: Die Muse sagt: Nur weil etwas noch beschissener ist, wird aus Scheiße kein Brotaufstrich. Und das ist die Nutella Regel.

(Und wer sich jetzt angesprochen fühlt, hat sich den Schuh selber angezogen.)


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monochromatisch
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Mag ich Mag ich nicht

1

16.10.2009 - 18:30 Uhr
monochromatisch

Naja, manches muß man halt erleben, um es zu erkennen.
Wünsche viel Erfolg beim Start!!

rose
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Mag ich Mag ich nicht

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16.10.2009 - 19:33 Uhr
rose

Oh Danke, der Start ist ja bereits zwei Jahre her. Das war nur reaktivierter Groll. 1000 Dank dennoch.

wortwahnsinn
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Mag ich Mag ich nicht

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16.10.2009 - 19:40 Uhr
wortwahnsinn

Muse freut sich....

phili
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Mag ich Mag ich nicht

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16.10.2009 - 20:42 Uhr
phili

gut, sehr gut
macht glücklich und traurig
weil ich noch zu gut erinnere wie du im Disko warst und sagtest, es sei alles easy. wie einfacher die lüge war. wie schmerzlicher das jetzt

fyra
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Mag ich Mag ich nicht

6

16.10.2009 - 22:10 Uhr
fyra

krass, dass du zehn jahre für DIESE erkenntnis brauchtest.

rose
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Mag ich Mag ich nicht

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16.10.2009 - 22:12 Uhr
rose

find ich leider auch.

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Mag ich Mag ich nicht

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16.10.2009 - 22:31 Uhr
rose

Naja, ich hatte ja auch schon währenddessen eine Art Ahnung, aber irgendwie war es eine schwere Geburt.

Luisec1148
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Mag ich Mag ich nicht

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17.10.2009 - 07:17 Uhr
Luisec1148

Der Text hat mich sehr berührt. Ich denke, Du bist auf dem richtigen Weg.
Jeder verdient eine 2. Chance.
Better late than never:)

gamine
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Mag ich Mag ich nicht

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17.10.2009 - 18:38 Uhr
gamine

gut, dass ich nie in der disko war :)

interessieren würds mich aber schon, wer da so alles in der disko war und warum so lang und was da eigentlich passiert ist...

Laudi
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Mag ich Mag ich nicht

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17.10.2009 - 18:52 Uhr
Laudi

gamine sagte:


interessieren würds mich aber schon, wer da so alles in der disko war und warum so lang und was da eigentlich passiert ist...


sowas kann man nicht erklären ;)

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