16.10.2009 - 18:30 Uhr

2 6 Über Twitter weiterempfehlen

Der kleine Knastkanal

Text: eva-schulz - Grafik: Judith Urban Fotos: Matthias Hochscheid, JVA Siegburg

Für das Projekt "Podknast" berichten junge Häftlinge per mp3 und Video aus ihrem Alltag. Sie wollen "denen da draußen" zeigen, wie sie leben - und potentielle Mitbewohner abschrecken.


Gemütlich siehts nun wirklich nicht aus im Knast: Bett, Tisch, Regal und eine kleine Waschecke. An den Wänden vielleicht noch ein Poster mit einem Rapper oder einer halbnackten Frau drauf, und überall die gleichen grauen Gitterstäbe. Gleichzeitig scheint es nicht so schlimm zu sein, wie mancher Fernsehkrimi suggeriert: Die Wächter sind gar nicht so streng, und man liegt auch nicht den ganzen Tag tatenlos auf der Pritsche. Das ist nämlich verboten.

„Wie es wirklich ist“ im Gefängnis will ein Projekt des nordrhein-westfälischen Justizministeriums in Zusammenarbeit mit der Landesanstalt für Medien zeigen. Auf der Website podknast.de gibt es zahlreiche Podcasts und Videos, in denen jugendliche Sträflinge vom Leben in der Haft erzählen – und wie sie da gelandet sind.

So berichtet der 20-jährige Rasu von seiner Drogensucht und Timo, 18, der wegen Körperverletzung und mehreren Einbrüchen sitzt, fragt sich, was seine Freundin gerade macht. Ben, ebenfalls 20, hat sogar ein Gedicht über seine Vergangenheit geschrieben.

Alle Berichte seien „ungeschminkt und ungekürzt“, sagt Edwin Pütz, Jugendrichter und Leiter der Jugendarrestanstalt Düsseldorf. Er hatte vor zwei Jahren die Idee zu „Podknast“. „Unsere Zielgruppe sind solche Jugendliche, die selbst Gefahr laufen, einmal im Gefängnis zu landen“, sagt er. „Und die erreicht man doch am besten übers Internet, per mp3 oder Video.“ Sie würden anhand der Podcasts merken, dass der Knast „ziemlich blöd“ sei und so hoffentlich vor weiteren kriminellen Taten zurückschrecken.

„Gleichzeitig bekommen unsere Jungs die Chance, sich intensiv mit sich selbst und ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Sie haben zwar auch so schon viel Zeit zum Nachdenken, aber wenn sie es jemandem erzählen können und der auch noch richtig zuhört, beschäftigen sie sich noch einmal intensiver damit“, sagt Pütz. Er erfährt von den Sozialarbeitern in seiner Anstalt, welche Jungs Interesse an einer „Podknast“-Folge hätten. Dann setzt er sich mit ihnen zusammen, schaltet das Mikro ein und lässt sie einfach erzählen. Den Schnitt übernehmen Pütz und ein Mitarbeiter. „Um das zu lernen, sind die Jungs zu kurz hier“, sagt er. In einer Jugendarrestanstalt beträgt die durchschnittliche Aufenthaltsdauer zwei bis vier Wochen.

Anders sieht es in den Jugendvollzugsanstalten in Herford, Iserlohn und Siegburg aus, die inzwischen auch bei „Podknast“ mitmachen. In Siegburg sitzt zum Beispiel Khaled, 20. Warum er da ist, will er nicht sagen. „Sagen wir mal so: Ich habe viel Mist gemacht.“ 16 Monate muss er noch absitzen.
Weiter Seite 1 2


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
eva-schulz
Mehr Texte zum Label
Redaktionsblog
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
Kommentar

speichern

Jetzt-Mitglied

eva-schulz offline

eva-schulz

ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.

Eva Schulz