11.10.2009 - 18:30 Uhr

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„Die Leute sollen lieber jobben“

Text: eva-schulz - Fotos: privat

Wieder mal kämpfen Praktikanten für bessere Bedingungen – von einer „Generation Praktikum“ kann aber keine Rede mehr sein

Kaffeekochen und Kopieren – dieses Praktikantenklischee ist veraltet. Heute machen Praktikanten richtige Arbeit und eigentlich ist das ja gut. Nur hat sich der Lohn für diese Arbeit nicht geändert. Noch immer bekommen viele Praktikanten eher „Aufwandsentschädigungen“ oder überhaupt kein Geld. Im Rahmen eines Schulpraktikums oder eines Praktikums während des Studiums sei das noch in Ordnung, findet Robin Thiesmeyer, schließlich komme da der Weiterbildungsaspekt zum Tragen. „Aber als Uniabsolvent ist man bereits voll ausgebildet. Nach einer kurzen Einarbeitungsphase ist da das Lernen meist vorbei und es wird nur noch gearbeitet.“ Deshalb lud der 30jährige, der selbst gerade ein halbes Jahr Praktikant war, zusammen mit sieben Gleichgesinnten zum „Praktikantenstreik“. Am vergangenen Freitag war es soweit. Die Streikenden trafen sich auf dem Potsdamer Platz in Berlin, um für eine faire Entlohnung und gegen Ausbeutung zu kämpfen.

Karl-Heinz Minks ist Hochschulforscher bei HIS, der Hochschul-Informations-System GmbH. Er sieht in solchen Streiks keinen rechten Sinn mehr. „Es ist natürlich richtig, sich gegen den Missbrauch von Praktikanten als billige Arbeitskräfte zu wehren“, sagt er. Tatsächlich komme das aber nur noch selten vor.
Er ist der Autor einer Studie, die zeigt, dass es die „Generation Praktikum“ in Deutschland nie wirklich gegeben hat. Der Begriff, der für Kettenpraktika und Unterbezahlung steht, ist laut Minks „völlig überzogen“.

„Es gibt zwar bestimmte Bereiche, in denen Praktika sich häufen“, sagt Karl-Heinz Minks. „Aber es kommt äußerst selten vor, dass jemand nach dem Studium mehr als eines absolviert. Spätestens nach einem Jahr haben fast alle einen festen Job.“ Vor allem Studenten aus den Kultur- und Medienwissenschaften sowie aus den Wirtschaftswissenschaften kennen sich mit Praktika aus, sagt Minks. „Das ist aber nur auf den ersten Blick überraschend. Wirtschaftswissenschaftler sind Pragmatiker. Wenn die vorne nicht reinkommen, gehen sie eben durch die Hintertür und hoffen, im Anschluss an ein Praktikum eine Stelle zu bekommen.“

Jetzt, da in den Stellenbörsen weniger Jobs als vor zwei Jahren stehen, umgehen viele Absolventen die drohende Joblosigkeit mit einem Praktikum. Ein Wagnis, sagt Robin Thiesmeyer: „Mit nur 400 Euro im Monat kommt man nicht aus. Wir bezahlen dafür, arbeiten zu dürfen – das ist doch eine verkehrte Welt!“ Mindestens 800 Euro müssten drin sein, wenn man nicht unter dem Existenzminimum leben wolle. Karl-Heinz Minks macht einen anderen Vorschlag. „Die Leute sollen lieber jobben, als ihre Arbeitskraft für lau anzubieten“, empfiehlt der HIS-Forscher. „In der Masse produzieren all die bereitwilligen Praktikanten doch genau den Billiglohnsektor, über den sie sich beschweren und der unserem Wirtschaftsstandort nicht gut tut.“ Es spricht sich herum, welche Unternehmen besonders gern billige Praktikanten nehmen. Minks glaubt, dass Schulabgänger daraus Schlüsse ziehen: Wenn in der Wunschbranche zu wenig bezahlt wird, wird die Zukunft eben anders geplant. Jahre später mangelt es den Betrieben dann an qualifizierten Leuten.

Robin und seine Kollegen wollen jetzt etwas tun. Sie wollen, dass sich die Politik einmischt, dass Gehalt und Arbeitszeiten geregelt werden. „Außerdem sollte man die Dauer von Praktika auf höchstens sechs Monate beschränken und sicherstellen, dass damit keine regulären Arbeitsplätze ersetzt werden“, so Robin.

Zum Streik am Freitag kamen über 100 Leute. Das ist zwar keine ganze Generation, aber mindestens eine Randgruppe – eine, die ein Problem hat. Manche Demonstranten tragen weiße Masken, wie man sie von früheren Protesten aus Frankreich und Deutschland kennt. „Sie sollen ein Symbol für unsere Austauschbarkeit und Anonymität sein“, erklärt Robin. Dann spielen sie „Reise nach Jerusalem“: Sie benutzen große Bürostühle und nennen es „Reise in die Festanstellung“. Am Ende bekommt nur einer den Job, es ist ein Ellenbogenspiel. Die anderen Stühle, die, die zur Seite geräumt wurden, sind wieder frei – für die nächsten Praktikanten.


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isawmusic
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Mag ich Mag ich nicht

3

11.10.2009 - 19:22 Uhr
isawmusic

Ich selber habe gerade ein Praktikum absolviert - drei Monate - welches unbezahlt war. Musste in eine andere Stadt ziehen und natürlich alles bezahlen. Meistens sogar die Fahrtkosten, wenn ich aufgrund des Praktikums in eine andere Stadt musste. Der Redaktion fehlte jegliches Geld und sie bestand größtenteils aus Praktikanten. Das Gute daran war allerdings, dass man quasi ein festes Glied der Redaktion war und sich u.a. seine Themen aussuchen und eigene Ideen einbringen konnte - man wurde ernst genommen. Natürlich kommt dann bei einem selber (mir) die Frage auf - nach sieben Stunden Arbeit: Mache ich das jetzt für mich oder für die armen Leute, die sich keine >richtigen< Arbeitskräfte leisten können? - Tja...

Und:
"Die Leute sollen lieber jobben, als ihre Arbeitskraft für lau anzubieten."
Lieber Herr Mink, gucken Sie sich doch mal das Bachelor-System an, bei dem jedes Praktikum zählt. Da ist das Jobben im Café gegenüber keine Alternative (das machen doch eh schon alle während des Studiums).

shaddu
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-2

11.10.2009 - 19:48 Uhr
shaddu

minks. du bist ein arschloch.

donrazzi
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1

11.10.2009 - 21:27 Uhr
donrazzi

Ähm, ich glaube, er meint das Jobben nach dem Studium, die Zwischenzeit, die auch viele mit einem unbezahlten Praktikum zu überbrücken müssen meinen.

JoergAuch
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Mag ich Mag ich nicht

0

11.10.2009 - 22:26 Uhr
JoergAuch

Günstig wäre es ja, wenn man sich vor dem Studium erkundigt, ob man hinterher auch Berufschancen hat. Dann hat man nämlich noch Zeit, umzudisponieren. Vielleicht ist der Wuschstudiengang auf einmal gar nicht mehr so attraktiv, wenn er nur zum Dauerpraktikum führt.

octopussy
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Mag ich Mag ich nicht

0

11.10.2009 - 23:30 Uhr
octopussy

JoergAuch sagte:
Günstig wäre es ja, wenn man sich vor dem Studium erkundigt, ob man hinterher auch Berufschancen hat. Dann hat man nämlich noch Zeit, umzudisponieren. Vielleicht ist der Wuschstudiengang auf einmal gar nicht mehr so attraktiv, wenn er nur zum Dauerpraktikum führt.


ähm... dazu sollte man aber wissen, wie die Wirtschaftslage in 4-8 Jahren in dem speziellen Bereich aussieht, den man machen will.
Und das ist ziemlich unabsehbar.

Nehmen wir die Endneunziger, Anfang 2000er: da haben einige ihr Dilpim o.ä. in Design gemacht, alles ging Richtung Medien u Internet und viele Arbeitslose wurden zu Mediengestaltern umgeschult. Tja und was war dann 2003 als alle fertig ausgebildet waren? Die erste Medienkrise kam, die Agenturen kürzten und schon gings los mit "nur noch Praktikanten".

JoergAuch
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0

12.10.2009 - 00:04 Uhr
JoergAuch

@octopussy: Na ja, Design ist ja wohl ganz allgemein eines der Felder, die ziemlich anfällig für Arbeitsplatzmangel sind ...

Aporia
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Mag ich Mag ich nicht

3

12.10.2009 - 00:09 Uhr
Aporia

@octopussy: So isses.

Es wird sich nur was ändern, wenn endlich Alle sich weigern, zu solchen Bedingungen Praktika zu leisten. 6 Monate Praktikum (am Stück) sind da schon viel zu viel. Wenn Unternehmen argumentieren, dass sich sonst die Einarbeitung nicht lohne, tja, dann geben sie selbst zu, dass sie eigentlich echte Arbeit von einem wollen. Wenn man dann nicht oder mies bezahlt wird, sollte man spätestens nach einem Monat gehen.

MorbusBahlsen
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Mag ich Mag ich nicht

0

12.10.2009 - 00:46 Uhr
MorbusBahlsen

Und was machen "Jobber" nach dem Studium dann? Nichts anderes als bezahlte Praktikanten... das Lohnniveau für weniger anspruchsvolle Jobs durch Arbeitskräfteüberschuss kaputt, dann triffts halt nicht die armen Studenten, sondern andere. Auch nicht wirklich besser, aufs Gesamte gesehen, oder? Solange miesbezahlte Jobs angenommen werden, wird es sie auch geben.

donrazzi
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Mag ich Mag ich nicht

0

12.10.2009 - 02:41 Uhr
donrazzi

Naja, es gibt Branchen, die können jemanden, der nicht zwei Sätze geradeaus sprechen kann, einfach nicht einstellen, aber für die Arbeit auch nicht wirklich viel bezahlen.

Der Gedanke ist eigentlich ganz einfach: Bevor man ein un(ter)bezahltes Praktikum macht, welches nur marginale Chancen auf einen festen Arbeitsplatz bietet, sollte man besser einen kleinen Job annehmen, solange der Lebensunterhalt noch an das niedrige studentische Niveau gewöhnt ist. Es ist nur meist sehr schwierig, einen Job zu finden, wenn dem Arbeitgeber klar ist, daß man nur maximal ein halbes Jahr bleibt. Außerdem hängt bei vielen Arbeitgebern einiges vom Studentenstatus auf dem Papier ab. Wer ohnehin schon immer nebenher gearbeitet hat, hat da deutlich bessere Karten...

afrirali
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Mag ich Mag ich nicht

0

12.10.2009 - 05:07 Uhr
afrirali

octopussy sagte:
JoergAuch sagte:
Günstig wäre es ja, wenn man sich vor dem Studium erkundigt, ob man hinterher auch Berufschancen hat. Dann hat man nämlich noch Zeit, umzudisponieren. Vielleicht ist der Wuschstudiengang auf einmal gar nicht mehr so attraktiv, wenn er nur zum Dauerpraktikum führt.


ähm... dazu sollte man aber wissen, wie die Wirtschaftslage in 4-8 Jahren in dem speziellen Bereich aussieht, den man machen will.
Und das ist ziemlich unabsehbar.

Nehmen wir die Endneunziger, Anfang 2000er: da haben einige ihr Dilpim o.ä. in Design gemacht, alles ging Richtung Medien u Internet und viele Arbeitslose wurden zu Mediengestaltern umgeschult. Tja und was war dann 2003 als alle fertig ausgebildet waren? Die erste Medienkrise kam, die Agenturen kürzten und schon gings los mit "nur noch Praktikanten".


jede wette, dass auch in 4-8 jahren (wie auch vor 5 jahren schon...) ein mangel an ingenieuren etc. besteht?

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eva-schulz

ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.

Eva Schulz