Und wenn ich gar nicht weg will?
Ein Auslandssemester gehört angeblich zum guten Ton im studentischen Lebenslauf. Aber unsere Autorin nervt es, dass der Aufenthalt in einem anderen Land für viele so etwas wie ein Prestigeobjekt ist.
Wo er schon überall gewesen sei, erzählt er, und wie lange und dass er sie immer wieder brauche, diese Reisen, sonst werde er verrückt. Ich höre mir das an, nicke ein bisschen und mache ein bisschen „Mmmh“, stelle aber keine Nachfragen. Als mein Gesprächspartner aufsteht, um Biere zu holen, regt sich sein Freund, der bisher geschwiegen hat. Er sagt, dass er gerne ausländisches Bier trinke, er möchte mal jedes Bier der Welt probiert haben, sagt er – um anschließend darauf zu sprechen zu kommen, dass er Asien ja so sehr liebe und vor allem Vietnam und Thailand und Kambodscha. Ich sitze nur da und spüre ein Brodeln in mir, einen aufwallenden Ärger, weil hier jemand unübersehbar eine Überleitung konstruiert hat, um zu erzählen, wie oft er schon im Ausland war. Als hätte es ihn in seinem Stolz verletzt, dass sein Kumpel davon erzählt hat, ohne dabei auf ihn zu verweisen. Als könne ich ihn deswegen weniger interessant finden. Er prahlt damit wie andere Männer mit ihrem Auto oder ihrer Frau. Denn er ist Student, und für Studenten ist der Auslandsaufenthalt ein Mercedes oder eine Freundin mit Spitzenmaßen, ein Statussymbol, das sie herzeigen, indem sie möglichst viel davon sprechen.
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diedrossel sagte:
... dass jemand viel darüber spricht, weil für diese person die auslandsaufenthalte eine wichtige rolle im leben spielen? was bedeuten?
ja natürlich gibt es das, sogar oft!
aber genauso oft gibt es die leute, die davon erzählen, weil man meint davon erzählen zu müssen, und alle die den hype nicht mitmachen sind "uncool". darum geht's in dem artikel.
persönlich kenne ich zum glück mehr von der ersteren sorte, und ich freue mich wenn sie mich an ihren erfahrungen teilhaben lassen, ihre geschichten erzählen und ihre fotos zeigen.
aber die im artikel beschriebene fraktion, die trifft man leider auch überall, und die ist anstrengend.
ist eure generation wirklich soooo beeinflussbar und unselbststaendig, dass ihr jeden scheiss macht, von dem jemand behauptet, es sei unabdingbar?
diedrossel sagte:
grauenhafter artikel. voller engstirniger vorurteile, plattitüden.
ganz meine meinung. ich habe eine freundin aus armen verhältnissen, die glücklich über ein erasmus stipendium einen auslandsaufenthalt in england verbringen darf. für ihr studium ist das sehr sinnvoll, sie studiert europastudien, und der auslandsaufenthalt bringt ihr dafür genau die erfahrungen, die sie sich gewünscht hat. sie ist bestimmt keine die mit einem mercedes angibt. mag ja sein, das vieles an dem artikel wahr und richtig ist. allerdings ist das ganze in eine form gepackt, die eher an ressentiments derjenigen erinnert die sich von ihren lederhosen nicht trennen können. mit meiner freundin hat das jedenfalls nichts zu tun.
kaffeekeks sagte:
..., und alle die den hype nicht mitmachen sind "uncool".
Eben, das ist der Knackpunkt. Es ist ein Unterschied, ob man mit seinem Auslandsaufenthalt angibt, oder ob man eine schoene Zeit hatte, und anderen davon erzaehlt um sie an der Freude teilhaben zu lassen. Die nur zum Angeben ins Ausland gehen, nehmen meistens von dort auch keine Inspiration mit.
Natuerlich ist Deutschland auch eine ziemliche Neidgesellschaft, deshalb interpretieren viele Letzteres wie Ersteres. In sofern ist es eine Gratwanderung, wer gerade zuhoert.
aber vielleicht geh ich auch einfach nur nicht auf die gleichen parties wie die autorin. oder es sind die x jahre altersunterschied. ich weiß es nicht, aber ich finde den artikel ganz ganz fürchterlich.
eines von zwei grund warum beziehungen das erasmusjahr nicht ueberleben.
vor allem die gleichsetzung ausland = auslandserfahrung = erfahrung ist unzulässig. in vielen fällen wird dann ein erasmusjahr (das nicht zu unrecht klischeebeladen ist) zur prägenden erfahrung hochgejazzt, weil man es geschafft hat, sich mit seinem spanischen vermieter zu verständigen, die taxe de séjour pünktlich zu zahlen oder unfallfrei die richtigen kurse an einer estnischen uni zu finden und zu belegen.
im zweifel, wenn es schon - wie immer - um den lebenslauf geht, ist ein zielstrebig absolviertes studium ohne auslandsaufenthalt schlüssiger, als irgendwelche selbstfindungstrips als "wertvolle erfahrung" zu verkaufen.
madguitar sagte:
@nordzucker: und was ist der andere grund?
die distanz? :)
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11.10.2009 - 18:58 Uhr
paleika