11.10.2009 - 18:30 Uhr

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Und wenn ich gar nicht weg will?

Text: nadja-schlueter - Foto: Dan Kuta/photocase.de; Montage: Katharina Bitzl

Ein Auslandssemester gehört angeblich zum guten Ton im studentischen Lebenslauf. Aber unsere Autorin nervt es, dass der Aufenthalt in einem anderen Land für viele so etwas wie ein Prestigeobjekt ist.

Wo er schon überall gewesen sei, erzählt er, und wie lange und dass er sie immer wieder brauche, diese Reisen, sonst werde er verrückt. Ich höre mir das an, nicke ein bisschen und mache ein bisschen „Mmmh“, stelle aber keine Nachfragen. Als mein Gesprächspartner aufsteht, um Biere zu holen, regt sich sein Freund, der bisher geschwiegen hat. Er sagt, dass er gerne ausländisches Bier trinke, er möchte mal jedes Bier der Welt probiert haben, sagt er – um anschließend darauf zu sprechen zu kommen, dass er Asien ja so sehr liebe und vor allem Vietnam und Thailand und Kambodscha. Ich sitze nur da und spüre ein Brodeln in mir, einen aufwallenden Ärger, weil hier jemand unübersehbar eine Überleitung konstruiert hat, um zu erzählen, wie oft er schon im Ausland war. Als hätte es ihn in seinem Stolz verletzt, dass sein Kumpel davon erzählt hat, ohne dabei auf ihn zu verweisen. Als könne ich ihn deswegen weniger interessant finden. Er prahlt damit wie andere Männer mit ihrem Auto oder ihrer Frau. Denn er ist Student, und für Studenten ist der Auslandsaufenthalt ein Mercedes oder eine Freundin mit Spitzenmaßen, ein Statussymbol, das sie herzeigen, indem sie möglichst viel davon sprechen.
Wie es gekommen ist, dass plötzlich alle ins Ausland streben, weiß keiner so genau. Gräbt man nach den Wurzeln, stößt man schnell auf Arbeitgeber, die Auslandserfahrung angeblich zur Voraussetzung für eine Anstellung machen. Vielleicht ist das aber nur ein Gerücht. Oder der Kausalzusammenhang ist umgekehrt: Indem nach und nach immer mehr junge Menschen ins Ausland gingen, machten sie es zu einer Selbstverständlichkeit, zu einer Art Fortbildung, die man zu absolvieren hat. Doch der Blick auf den Arbeitsmarkt soll hier keine Rolle spielen. Denn falls all die jungen Menschen, die ins Ausland gehen, wirklich glauben, dass ein Lebenslauf mit dem Eintrag „August bis Dezember 2008: Praktikum an einer Schule in Lima“ ihnen den Weg zum Traumjob erleichtert, sagen viele es nicht. Im Gegenteil: Etwas zu tun, nur um damit das persönliche Curriculum aufzubessern, ist verschrien. Ein spöttisches „Ach, polierst du deinen Lebenslauf auf“ hört man ja sogar schon, wenn man das Praktikum nicht in Lima, sondern in Jena macht. Angeblich geht es bei all dem Rucksack-Gepacke, Flieger-Besteigen und Weg-sein also gar nicht darum, einem Personalchef zu gefallen, sondern in erster Linie sich selbst. Man könne sich im Ausland selbstfinden, weiterentwickeln, wichtige Erfahrungen sammeln, das sind die Argumente. Auch, wenn sie manchmal leicht ins Esoterische abkippen, ist dagegen nicht viel zu sagen, denn ein Auslandsaufenthalt kann schön und nützlich sein. Aber irgendetwas hat sich da verselbstständigt, ist zu einer großen Welle geworden, die alle mitreißt und das erzeugt, was doch eigentlich auch so verschrien ist: sozialen Druck. Ein bisschen ist es wie mit Partys: Manchmal geht man auch dann hin, wenn man keine Lust hat. Weil man nichts verpassen will. Klar, man sollte einfach „nein“ sagen können – jeder weiß das, doch kaum einer tut es. Nur ist das bei Partys nicht so schlimm. Da verweilt man dann ein paar Stunden (Untergrenze etwa drei) und kann wieder gehen. Auf den Auslandsaufenthalt übertragen ist das schon problematischer. Denn wenn man für ein paar Monate (Untergrenze etwa drei) irgendwo in die Fremde geht, ohne so richtig Lust zu haben und nur aus Angst, etwas zu verpassen, dann ist die Sache nicht mit ein paar Bier und etwas Smalltalk getan. Ich kenne Leute, die mittelbegeisterte bis verzweifelte E-Mails schrieben, während sie ein Erasmus-Jahr machten. Man kann natürlich mit den Schultern zucken und sagen „Was sie nicht umbringt, macht sie stärker“. Aber es sind Menschen darunter, die sich nie in diese Situation begeben hätten, wenn ihnen nicht ständig suggeriert würde, dass ein Auslandsaufenthalt eine Selbstverständlichkeit ist. Und das ist tragisch. Zudem gibt es einen Aspekt, der bei der ganzen Thematik nur allzu gerne verschwiegen wird: die Finanzen. Statussymbole kosten Geld. Über die Finanzierung ihres Auslandsaufenthaltes reden aber die meisten, die so gerne ihre Backpacker-Geschichten auspacken, nicht. Viele, vor allem die besonders weit Gereisten, können sich das Ganze leisten, weil sie aus wohlhabenden Familien kommen. Das ist an sich nichts Schlimmes, sie haben eben Glück gehabt. Das Problem ist, dass einige hinterher so tun, als hätten sie durch ihre Reise etwas Besonderes geleistet, obwohl es eigentlich ein von Papa bezahlter Urlaub war. Die, die das Geld für eine Reise nicht zusammenbringen, befinden sich dann in einer ähnlichen Situation wie jene, die sich in der Mittelstufe keine Markensneakers leisten konnten. Im studentischen Milieu, in dem man gerne so tut, als sei Geld egal, hebt man dieses Mobbing allerdings auf eine andere Ebene, eine, die Studenten näher geht: Wer nicht weit gereist ist, gilt als weniger gebildet, weniger erfahren und langweiliger als andere. Reisen ist eigentlich wunderschön und Auslandsaufenthalte sind eine gute Sache. Daher sollte sich die Einstellung dazu unbedingt wieder ändern. Unsere Generation macht etwas kaputt, das eigentlich einen gewissen Grad an Freiheit und Spaß verspricht, sie macht das Reisen zu einem Prestigeobjekt und zu einer gesellschaftlichen Zwangsjacke. Und in der, das ist allgemein bekannt, gibt es weder Freiheit noch Spaß. Das Bier, das wir an jenem Abend tranken, als man mir so viel Ausland unter die Nase rieb, war ein lokales. Der Geschmack passte nicht zu den Schwärmereien über Thailand und Kambodscha - genauso wenig wir er zu dem Foto eines brandneuen Mercedes gepasst hätte. Ich habe an diesem Abend viel genickt und „Mmmh“ gesagt. Zum Glück kann man eine Party nach etwa drei Stunden einfach verlassen. *** "Es hat sich ein Hype ums Auslandssemester entwickelt": Personalexpertin Maren Lehky erklärt, welche Bedeutung ein Auslandsaufenthalt heute noch für den Lebenslauf hat.


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paleika
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Mag ich Mag ich nicht

0

11.10.2009 - 18:58 Uhr
paleika

ebenfalls danke!

kaffeekeks
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Mag ich Mag ich nicht

6

11.10.2009 - 19:02 Uhr
kaffeekeks

diedrossel sagte:
... dass jemand viel darüber spricht, weil für diese person die auslandsaufenthalte eine wichtige rolle im leben spielen? was bedeuten?


ja natürlich gibt es das, sogar oft!
aber genauso oft gibt es die leute, die davon erzählen, weil man meint davon erzählen zu müssen, und alle die den hype nicht mitmachen sind "uncool". darum geht's in dem artikel.
persönlich kenne ich zum glück mehr von der ersteren sorte, und ich freue mich wenn sie mich an ihren erfahrungen teilhaben lassen, ihre geschichten erzählen und ihre fotos zeigen.
aber die im artikel beschriebene fraktion, die trifft man leider auch überall, und die ist anstrengend.

nordzucker
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Mag ich Mag ich nicht

4

11.10.2009 - 19:02 Uhr
nordzucker

herjeeee, das thema schon wieder.

ist eure generation wirklich soooo beeinflussbar und unselbststaendig, dass ihr jeden scheiss macht, von dem jemand behauptet, es sei unabdingbar?

Ioana
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Mag ich Mag ich nicht

5

11.10.2009 - 19:05 Uhr
Ioana

diedrossel sagte:
grauenhafter artikel. voller engstirniger vorurteile, plattitüden.


ganz meine meinung. ich habe eine freundin aus armen verhältnissen, die glücklich über ein erasmus stipendium einen auslandsaufenthalt in england verbringen darf. für ihr studium ist das sehr sinnvoll, sie studiert europastudien, und der auslandsaufenthalt bringt ihr dafür genau die erfahrungen, die sie sich gewünscht hat. sie ist bestimmt keine die mit einem mercedes angibt. mag ja sein, das vieles an dem artikel wahr und richtig ist. allerdings ist das ganze in eine form gepackt, die eher an ressentiments derjenigen erinnert die sich von ihren lederhosen nicht trennen können. mit meiner freundin hat das jedenfalls nichts zu tun.

der_ingenieur
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Mag ich Mag ich nicht

7

11.10.2009 - 19:09 Uhr
der_ingenieur

kaffeekeks sagte:
..., und alle die den hype nicht mitmachen sind "uncool".


Eben, das ist der Knackpunkt. Es ist ein Unterschied, ob man mit seinem Auslandsaufenthalt angibt, oder ob man eine schoene Zeit hatte, und anderen davon erzaehlt um sie an der Freude teilhaben zu lassen. Die nur zum Angeben ins Ausland gehen, nehmen meistens von dort auch keine Inspiration mit.

Natuerlich ist Deutschland auch eine ziemliche Neidgesellschaft, deshalb interpretieren viele Letzteres wie Ersteres. In sofern ist es eine Gratwanderung, wer gerade zuhoert.

diedrossel
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Mag ich Mag ich nicht

-1

11.10.2009 - 19:10 Uhr
diedrossel

ich habe noch nie jemanden getroffen, der über seinen auslandsaufenthalt gesprochen hat, um nur damit anzugeben.
aber vielleicht geh ich auch einfach nur nicht auf die gleichen parties wie die autorin. oder es sind die x jahre altersunterschied. ich weiß es nicht, aber ich finde den artikel ganz ganz fürchterlich.

nordzucker
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Mag ich Mag ich nicht

5

11.10.2009 - 19:12 Uhr
nordzucker

wenn man gerade aus dem ausland kommt, dann hat man allerdings oft auch wenig anderes zu erzaehlen.
eines von zwei grund warum beziehungen das erasmusjahr nicht ueberleben.

alcofribas
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Mag ich Mag ich nicht

5

11.10.2009 - 19:16 Uhr
alcofribas

dito, danke für den artikel.

vor allem die gleichsetzung ausland = auslandserfahrung = erfahrung ist unzulässig. in vielen fällen wird dann ein erasmusjahr (das nicht zu unrecht klischeebeladen ist) zur prägenden erfahrung hochgejazzt, weil man es geschafft hat, sich mit seinem spanischen vermieter zu verständigen, die taxe de séjour pünktlich zu zahlen oder unfallfrei die richtigen kurse an einer estnischen uni zu finden und zu belegen.

im zweifel, wenn es schon - wie immer - um den lebenslauf geht, ist ein zielstrebig absolviertes studium ohne auslandsaufenthalt schlüssiger, als irgendwelche selbstfindungstrips als "wertvolle erfahrung" zu verkaufen.

madguitar
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Mag ich Mag ich nicht

0

11.10.2009 - 19:16 Uhr
madguitar

@nordzucker: und was ist der andere grund?

Ioana
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Mag ich Mag ich nicht

0

11.10.2009 - 19:20 Uhr
Ioana

madguitar sagte:
@nordzucker: und was ist der andere grund?


die distanz? :)

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nadja-schlueter

ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.