Bloggen heute. Eine Bestandsaufnahme
Text: jetzt-redaktion
Der Hype hat sich gelegt, übrig bleibt ein Stück Alltag. Blogs sind da. Sie informieren, zerstreuen, inspirieren oder ernähren uns. Und manchmal bringen sie uns auch um. Die jetzt.de-Redaktion hat sich auf die Suche nach dem Ist-Zustand der Blogosphäre begeben.
In einem Spot der Firma Vodafone war Sascha Lobo zu sehen, ein ehemals erfolgloser Werbefachmann, der heute das Vorzeigegesicht der deutschen Blogszene ist. In dem Werbespot fährt er im grauen Anzug im Bus deklamiert Liedzeilen von David Bowie. Das Auftreten Lobos in dieser Werbung führte zu großem Theater unter seinen Netzanhängern. Nicht nur wegen der alten Neid und Missgunst-Sache, sondern weil sich Lobo stets als Kämpfer gegen die von Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) initiierten Internetsperren positionierte. Vodafone aber gilt als Unterstützer des Gesetzesvorhabens. Moralischer Ausverkauf Lobos?
Er selber erklärt dazu in seinem Blog: „Verhärtete Fronten ganz ohne Gespräche verschlechtern mit Sicherheit alle Ergebnisse der Zukunft.” Angeblich hat der Blogger von dem Konzern auch noch einen Beratervertrag bekommen. (Foto: Jan Bölsche)
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Was auch mal thematisiert werden sollte: Das schlechte Gewissen der Freunde von Bloggern. Blogs sind ja heute das, was früher nur diese fünfseitigen Auslandsaufenthalts-Rundmails waren - mit den Verweisen auf Online-Fotoalben mit jeweils 80 Bildern. Weil man den Globetrotter-Freund ja mochte, rang man sich durch, die erste Mail zumindest zu überfliegen. Aber dann kam schon die nächste. Und die übernächste. Das demotivierte ungemein und irgendwann gab man klammheimlich auf. Blogs sind wie ewige Auslandsaufenthalte von Freunden. Sie schüren stetig die Angst, mit einer unbedarften Frage könnte auffliegen, dass man etwas nicht weiß, was man doch eigentlich wissen sollte. Stand ja schließlich im Blog.
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Fotograf Scott Schuman, 41, zeigt auf seinem Blog The Sartorialist seit Jahren Momentaufnahmen von Menschen, die ihm auf der Straße aufgefallen sind. Er hat die Streetstyle-Bloggerei salonfähig gemacht, fotografiert mittlerweile ganze Kampagnen, modelt selber und wurde vom "Time Magazine" in die Top 100 der einflussreichsten Menschen der Modeindustrie gewählt. Schuman sagt im Gespräch mit der BUNTEN: „Ich lese kaum Blogs. Ich bin überhaupt selten online, eigentlich nur um meine Bilder hoch zu laden. Ich bewege mich lieber in der realen als in der virtuellen Welt.“
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Deutsche A-List-Blogs verlinken am häufigsten zu Spiegel Online. Es folgen Die Welt, sueddeutsche.de und heise.de. Dieses Ergebnis stammt aus einer Studie des Blogsuchmaschinenbetreibers twingly, der zwischen Juni und August 2008 in 127 000 spamfreien deutschsprachigen Blogs die Verweise auf deutsche Online-Medien zählte. Im Vergleich mit US-amerikanischen Blogs sind die deutschen aber relativ schwach verlinkt (Studie: Humboldt-Universität).
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Es ist jetzt bald zwei Jahre her, da sah der 21-jährige New Yorker Illustrator Patrick Moberg das Mädchen seiner Träume in der U-Bahn – und traute sich nicht, es anzusprechen. Zuhause bereute er das zutiefst, setzte sich hin und zeichnete seine Traumfrau. Das Bild setzte er samt seiner Telefonnummer und E-Mailadresse ins Netz, in der Hoffnung, dass jemand sie wiedererkennen würde. Binnen weniger Stunden verbreitete sich sein Aufruf über zahlreiche Weblogs. So dauerte es keine vier Tage, bis ein Freund des Mädchens sich bei Patrick meldete und die beiden zusammen brachte. Jetzt tauchten sie als glückliches Internetpaar in verschiedenen Sendungen und Magazinen auf, sogar verfilmt werden sollte ihre ungewöhnliche Liebesgeschichte. Doch nach gar nicht so langer Zeit trennten sich die beiden wieder, wie Patrick Moberg schließlich in seinem eigenen Blog erklärte.
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Blogs und Laienbeiträge haben sich stellenweise zu einer wichtigen Informationsquelle entwickelt, etwa wenn die Arbeit von Journalisten eingeschränkt wird. So verbot die iranische Regierung im Sommer ausländischen Reportern, über Demonstrationen der Regierungskritiker zu berichten. E-Mail-Adressen wurden blockiert. Teils wurden Journalisten unter eine Art Hausarrest gestellt und in ihren Büros festgehalten. Die Zahl an Bildern aus dem Iran nahm dadurch drastisch ab. Augenzeugen stellen Fotos und Videos aber nach wie vor ins Internet. Das Onlineportal Twitter entwickelte sich zu einem zentralen Kommunikationskanal.
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Eine populäre Stammtischfrage ist, wie viel sich mit der Bloggerei verdienen lässt. Zumindest im Falle des seinerzeit populären Web-Tagebuchführers Robert Basic ist es bekannt. Der selbstständige IT-Berater, der über seine Fachgebiet, sowie über das Internet und Privates schrieb, versteigerte sein Blog im Januar bei Ebay (Erlös: 46.902 Euro). Er veröffentlichte auch die jährlichen Werbeeinnahmen: 37.000 Euro, wobei er mehrmals angab, sich nicht konzentriert um die Vermarktung gekümmert zu haben.
"Es gibt kein Geschäftsmodell für Blogger", glaubt dagegen der britische Autor Andrew Keen, der in seinem Buch "Die Stunde der Stümper" vor der Verdrängung der klassischen Medien durch Laienautoren warnt.
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Die Selbstvermarktung hat Grenzen: Die Fernsehmoderatorin und Buchautorin Else Buschheuer stellte nach zehn Jahren das Bloggen ein - offenbar frustriert über die Umsonst-Mentalität des Publikums. "Schreibe ich zwei Tage nicht, krakeelen sie", sagte sie in einem Interview über ihre Blog-Leser. "Aber sie kaufen meine Bücher nicht, ich habe sie total verzogen."