Friedemann Karig erzählt von minimalem Techno, maximaler Disco und noch mehr geilem BummBumm.
Simian Mobile Disco - Temporary pleasure
In den letzten Wochen war es im popkulturellen Blätterwald zu verfolgen: Die putzigsten Nerds der Szene sind mit ihrem zweiten Longplayer endgültig zu den Lieblingen des Feuilletons geworden. Und dies völlig zu Recht.
Denn ihr „Temporary Pleasure“ ist so sehr polyvalentes Elektro-Album mit Herz und Hirn, so modern und trotzdem verständlich, eingängig und an manchen Stellen nichts als genial, dass auch Popper, Rocker und andere Handwerker davon eingefangen werden können. Und diese Vielseitigkeit ist nur zeitgemäß; reine Genre-Alben werden immer seltener. SMD bestätigen den Trend zur Konvergenz, die sich durch die ganze Popkultur zieht. Und das auf höchstem Niveau.
Zum Werk: „10000 horses can´t be wrong“ pries ich schon im Frühling überschwänglich, „Audacity of huge“ ist ein solider, eingängiger Popsong fürs Radio, der Rest zieht qualitativ noch einmal deutlich an. Zuerst macht Beth Ditto „Cruel Intentions“ zum All-Star-Track: Die Stimme des Jahres trifft auf die Produktion des Jahres, um einen der besten Songs des Jahres zu interpretieren. „Off the map“ ist dann manischer Speedpop, „Bad Blood“ elektrifizierter Samba, „Turn up the dial“ crunk und krank, „Ambulance“ dagegen mein Tanzhit des Monats.
In der Vielfalt liegt hier die Kraft.
Konsequenz: Wie zu erwarten ist „Temporary Pleasure“ die Veröffentlichung des Sommers. Nun werden SMD wohl mindestens zwei völlig überambitionierte Frickel-Platten brauchen, um ihren aktuellen Kredit zu verspielen. Oder aber sie bleiben bei ihren Leisten - und damit an der Spitze eines Genres, das längst keines mehr ist.
„Synthesise“ visualisiert:
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Luciano - Tribute to the sun / La Ruta Del Sol - Diary of Luciano DVD
Seit „A part of the weekend never dies“ von den Soulwax-Brüdern bin ich sensibilisiert für jede Art von audiovisueller Dokumentation des globalen Soziotops, in dem Techno, Elektro und alles Artverwandte schwimmen. Luciano, elektronischer Weltmusiker und Sympath, kündigt in Verbindung mit seinem neuen Album „Tribute to the sun“ eine DVD („La Ruta Del Sol - Diary of Luciano“) an, auf der seine (Südamerika-)Reisen als kosmopolitischer Künstler filmisch festgehalten sind. Den Trailer seht Ihr unten, ich werde definitiv einen lauschigen Sonntagabend für den Film reservieren.
Das Album selbst ist die erwartet fulminante Mischung aus ethnisch stilisierten Vokal-Parts, südamerikanischen Rhythmen und schnörkellosen Beats. Um hier nicht zu viele Einflüsse, Stile und Klangfarben aufzurufen, sei einfach garantiert, dass es davon reichlich gibt. Verbunden durch klassisch-repetetive Techno-Songstrukturen säuseln brasilianische Goldkehlchen auf „Sun, Day and Night“, treiben improvisierende Sprechgesänge „Africa Sweat“ Richtung Steppe, schüttelt Luciano bei „Oenologue“ ganz locker einen Minimal-Kracher aus dem Ärmel. Ein Album mit eingebauter Horizonterweiterung, das sich nie in seiner Vielfalt verliert.
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Sebastién Léger - Bubbly/Discotechno
Abgesehen davon, dass dieser Mensch eigentlich nichts mehr falsch machen kann, seit er mit „Planets“ Techhouse-Geschichte geschrieben hat: Hier läuft ein bisschen was verkehrt. Die vorliegenden zwei Tracks, Kategorie funky-minimaler Tech, klingen irgendwie nach Lützenkirchen in ideenlos; sind zwar ganz nett anzuhören, mangeln aber an der visionären Kraft, die man von Léger sonst gewöhnt ist. Damit setzt er solide einen Trend fort, den man schon seit geraumer Zeit beobachten konnte. Und der mir Angst macht, denn Helden sieht man ungern abbauen.
Sebastién, bitte! Denk da nochmal drüber nach. Du kannst es besser.
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