28.09.2009 - 18:30 Uhr

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"Es muss ein bisschen wehtun"

Text: eva-schulz

Zum zweiten Mal veranstaltete die freie Künstlerin Alexandra Müller, 27, einen „Intimflohmarkt“ in Berlin. Hier wird nicht mit Geld, sondern mit persönlichen Geschichten bezahlt – über Kindheitserlebnisse, Mordfantasien und das erste Mal.

jetzt.de: Alexandra, wie kommt man darauf, die Leute mit Geheimnissen anstatt mit Geld bezahlen zu lassen? Alexandra Müller: Das Thema Datenschutz beschäftigt mich einfach sehr. Paybackkarten finde ich zum Beispiel ganz schrecklich, und auch im Internet ist das ja ein großes Thema. Man gibt ständig Daten von sich her, ohne darüber nachzudenken. Darauf wollte ich die Leute aufmerksam machen. Die Performance sollte aber auch einfach mal nicht mich, sondern die anderen in den Mittelpunkt stellen und sie so aus ihrem Alltag herausreißen. Beschreib doch mal, wie so ein Intimflohmarkt aussieht. Er dauert immer drei oder vier Wochen und findet in einer Galerie oder einem Kulturzentrum statt. Da präsentiere ich dann alle Produkte wie in einem normalen Geschäft. Die meisten wurden von Freunden und Bekannten extra für mein Projekt gespendet. Es sind vor allem Kleider, aber auch Bücher und typischer Trödel. Auf kleinen Schildern stehen die Preise.
Alexandra (2 v.l.) in ihrem Flohmarkt. Womit bezahlen die Leute wofür? Ein Schwangerschaftsbadeanzug, Größe 36, kostete zum Beispiel sechs Minuten über ein wirklich fieses Kindheitserlebnis. Ein Pyjama war für sechs Minuten über erotische Träume zu haben und ein Lebkuchenherz für fünf Minuten über Mordfantasien. Ich versuche immer, mich von den Gegenständen inspirieren zu lassen und einen Preis zu finden, der zu ihnen passt. Welches war denn dein bisher teuerstes Stück? Ich hatte mal zwei wirklich schöne Winterjacken, die kosteten jeweils 20 Minuten über etwas, mit dem man zu kämpfen hat. Und wie läuft die Bezahlung dann ab? Das ist schon ein bisschen wie in einem Beichtstuhl. Ich verschwinde mit dem Käufer hinter einem weißen Vorhang, wo wir ungestört reden können. Meistens stelle ich eine Eingangsfrage und schaue dann, was passiert. Das ist sehr unterschiedlich: Manche Käufer können zehn Minuten am Stück reden, bei anderen muss ich mehrmals nachhaken und ihnen die Sachen regelrecht aus der Nase ziehen. Die Leute erzählen dir ihre Geschichten nicht nur, sie sind auch damit einverstanden, dass du sie aufzeichnest und anschließend ein Hörspiel daraus machst, das 2010 im Radio gesendet wird. Findest du so viel Offenheit nicht beängstigend? In diesem Rahmen finde ich es in Ordnung, schließlich werden die Geschichten ja nicht wirtschaftlich genutzt. Aber genau das will ich den Teilnehmern ja klarmachen: dass ihre Informationen einen Wert haben, heutzutage sogar schon eine Art Währung sind. Oft kippen die Gespräche an einer gewissen Stelle um, dann fangen die Leute an, mit sich selbst zu reden und ich bin gar nicht mehr wichtig. Sie machen eine sehr intime Erfahrung – das auszulösen finde ich schön. Und wenn jemand beim nächsten Mal im dm nein zu Paybackkarten sagt, ist das natürlich auch ein Erfolg. Hast du nicht manchmal das Gefühl, dass jemand sich einfach etwas ausdenkt und dich anlügt? Darüber habe ich zwar nachgedacht, aber ich habe das Gefühl, dass die Leute wirklich an dem Projekt interessiert sind und deshalb auch ehrlich antworten. Für die meisten ist es ein sehr interessantes Erlebnis. Aber wer so gut lügen kann, dass ich es nicht merke, hat sich sein Kleid oder den russischen Teelöffel auch verdient. Gibt es eine Schmerzgrenze, ein Thema, über das niemand sprechen will? Nein, zumindest nicht im Allgemeinen. Ich bin sowieso überrascht, wie viel die Leute von sich preisgeben, vor allem bei denen, die eher schüchtern aussehen. Die lachen dann allerdings viel, sie versuchen, den Ernst der Lage wegzulachen. Wenn ich merke, dass ein Käufer ab einem gewissen Punkt nicht mehr weitererzählen will, ist das für mich auch okay. Und wenn ein Thema überhaupt nicht geht, bin ich offen für Verhandlungen. Aber ein bisschen wehtun soll es schon. Welcher Preis würde dir persönlich denn wehtun? Es gab Schmuck, der hat ein paar Minuten über ein kleines schmutziges Geheimnis gekostet. Da hätte ich schon welche von diesen kleinen dunklen Sachen - die, die so lästig im Hinterkopf sitzen… Das wäre mir peinlich gewesen. Aber erzählt hätte ich es trotzdem!


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rotfront
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Mag ich Mag ich nicht

4

29.09.2009 - 09:24 Uhr
rotfront

ThomasCrown sagte:
hatte neulich schon etwas drüber gelesen und fand es interessant. wobei ich weniger payback-karten und datensammler, sondern beichte als assoziation hatte.nur: die gespräche wurden aufgenommen und werden demnächst als hörspiel im radio ausgestrahlt? und das war wirklich allen so bewußt? warum gehen sie dann nicht gleich zu domian?


weils bei domian keine jacke gibt

riesenherz
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Mag ich Mag ich nicht

0

29.09.2009 - 17:41 Uhr
riesenherz

"In diesem Rahmen finde ich es in Ordnung, schließlich werden die Geschichten ja nicht wirtschaftlich genutzt. Aber genau das will ich den Teilnehmern ja klarmachen: dass ihre Informationen einen Wert haben, heutzutage sogar schon eine Art Währung sind.", so sagt die interviewte Flohmarktbetreiberin Alexandra.

Da muß ich mal drüber nachdenken, ob das Geplapper, Chuzpe oder die konsequente Veranschaulichung des Themas Informationsgesellschaft ist.

Mir persönlich läge mehr daran, den Menschen aufzuzeigen, daß ihre biographischen Geschichten einen hohen immateriellen Wert haben. Keine Währung sind, man sich nicht etwas Materielles dafür kaufen kann. Dass es höchstpersönliche schützenswerte Identitäts-Partikel sind.

ChrisJumper
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Mag ich Mag ich nicht

0

29.09.2009 - 19:25 Uhr
ChrisJumper

Die Aktion ist gut. Doch scheinbar haben viele immer noch nicht verstanden worum es dabei geht...

Hier wird lediglich, etwas überzogen aufgezeigt wie sich der Moderne Mensch sowieso schon verhält. Nur bekommt er in der Regel nicht direkt etwas dafür.

"Ich glaube ich würde lieber bezahlen.."
Man bezahlt immer mit Geld und legt solche Informationen gratis dazu, oder bekommt ein bissen payback. Nur auf eine Weise die dem Verbraucher noch nicht so bewusst ist.

Es soll aufrütteln. Das man sich Gedanken macht was mit den eigenen Daten passiert. Ein gut das man immer noch nicht als "wertvoll" erkannt hat.

"Keine Währung sind, man sich nicht etwas Materielles dafür kaufen kann."
Für einen USB-Stick voll Anschriften bekommt man schon einiges. Für Informationen über den Sozialstatus und Gesundheitszustand auch. Und die erlebten Geschichten helfen dabei Persönlichkeitsprofile auszuschmücken die man beim Sozial Engineering verwenden kann. ;)

PaartanzJetzt
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Mag ich Mag ich nicht

1

29.09.2009 - 20:34 Uhr
PaartanzJetzt

ThomasCrown sagte:
hatte neulich schon etwas drüber gelesen und fand es interessant. wobei ich weniger payback-karten und datensammler, sondern beichte als assoziation hatte.

nur: die gespräche wurden aufgenommen und werden demnächst als hörspiel im radio ausgestrahlt? und das war wirklich allen so bewußt? warum gehen sie dann nicht gleich zu domian?


Eine kleine persönliche Geschichte ist wie ein Schatz.
Das wäre an Domian eher verschwendet.
Hier wird auch kein Seelenheil gefordert.

Aporia
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Mag ich Mag ich nicht

0

29.09.2009 - 20:49 Uhr
Aporia

PaartanzJetzt sagte:
Eine kleine persönliche Geschichte ist wie ein Schatz.

Oh ja!

MorbusBahlsen
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Mag ich Mag ich nicht

0

30.09.2009 - 02:00 Uhr
MorbusBahlsen

Die Payback-Geschichte ist irgendwie so ein Massending. Man kommt sich total dumm vor, wenn man die paar Cent nicht auch noch "spart", weil unser ganzer Konsum mittlerweile auf "Angebote" ausgerichtet ist.

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eva-schulz

ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.

Eva Schulz