Jungs, warum ist für euch so viel tabu?
Text: penni-dreyer
Immer zum Wochenende: Jungs fragen Mädchen fragen Jungs. Weil manches kapiert man einfach nicht, bei denen. Heute geht es um die eigentlich ganz einfache Frage, warum Jungs keine Strumpfhosen tragen und im Kino nicht heulen können - obwohl das doch eigentlich sehr vernünftige Dinge sind.
Die Jungsantwort:
Reflexartig hätte ich jetzt "Quatsch!" gerufen, aber je länger ich darüber nachdenke, desto rechter hast du, wenn ich das mal so lax formulieren darf. Es ist wahr, dass wir in manchen Bereichen Probleme kriegen - mit unserer eigenen Vorstellung von Männlichkeit, so aufgeklärt die auch sein mag. Oder mit der Außenwirkung, die ja meistens weniger aufgeklärt ist. Meistens sind das, wie dein Beispiel, keine wirklich störenden Bann-Bereiche. Nichts, gegen dessen Männerfeindlichkeit man unbedingt protestieren müsste. Es gibt eben Dinge, die wir einfach nicht machen:
* Im Winter kuschelig warme Strumpfhosen unter der Jeans tragen.
* Unsere momentane Karriereblockade auf gesellschaftliche Missstände schieben.
* Unseren besten Freund einfach mal in die Arme nehmen. Denn mannhaft krachendes Schulterklopfen hilft zwar bei Rückenblockaden, gegen Liebeskummer ist es wirkungslos.
* Der blühend-gelbe Pickel ließe sich so einfach mit eurem Abdeckstift ausradieren. Leider ist die Furcht vor verräterischen, falsch interpretierbaren Make-Up-Spuren bei uns viel zu groß.
* Beim herzzerreißenden Filmende einfach die Gefühle rauslassen. Stattdessen pressen wir Ober- und Unterkiefer fest aufeinander, halten dabei die Luft an und hoffen inständig, dass keine der aufgestauten Tränen über unsere Lidkante schwappt.
* Vor Stolz kreischen, tanzen und in die Luft springen. Stattdessen stellen wir die eigenen Erfolge als Selbstverständlichkeit dar – und verderben uns so die Freude irgendwie selbst.
* Prosecco auf Eis trinken: Schmeckt uns auch, wenn wir es bestellen, haben wir aber sofort Bully Herbig im Ohr und irgendjemand macht eine Handbewegung, als seien ihm plötzlich alle Muskeln im Unterarm erschlafft.
* Uns rausputzen. Der verächtliche Frauen-Satz "Der braucht länger als ich im Bad." begleitet uns oft und ist nach wie vor ein großer Lacher. Deswegen achten wir auf unsere Badbenutzungszeit viel mehr als ihr und reden uns streng ein, dass wir nichts brauchen außer Wasser, Seife und Deo.
* Manchmal würden wir gerne einfach nur gut aussehen. Und das würde dann irgendwie schon reichen oder zumindest die halbe Miete sein.
Das ließe sich noch lange fortsetzen. Natürlich sind alle diese Dinge schon mal von einem Jungen praktiziert worden, aber die durchschnittliche Männermasse würde sie doch eher als Fremdverhalten einstufen. Tatsächlich sind Frauen samt Rolle in den letzten Jahrzehnten also wesentlich universaler geworden, während sich beim Mann in dieser Richtung eher wenig getan hat. Er war solange das Maß der Dinge, dass Elastizität und Fortbildung einfach nicht nötig war. Das Männerbild war in einen Felsen gemeisselt. Jetzt stehen um den Männerbild-Felsen auf einmal noch 243 andere Felsen mit Frauenbildern. Der Felsen mit dem Männerbild ist da irgendwie untergegangen. Gut so. Nur schade, dass sich noch so viele an das erinnern, was da eingemeisselt war. Denn deswegen muss jeder Mann noch die nächsten zwanzig Jahren bei allem, was schön ist, auf das Adjektiv "schwul" gefasst sein. Selbst wenn es gar niemand sagt, hört er es irgendwie doch. Ganz leise.
fabian-fuchs