Gescheiter scheitern
Der Versuch, mit dem ehemaligen Blumfeld-Sänger Jochen Distelmeyer anlässlich seines ersten Solo-Albums „Heavy“ übers Scheitern zu sprechen, zeigt eindrucksvoll, wie aufwändig man am Scheitern scheitern kann.
jetzt.de: Wenn es ok ist, würde ich gerne übers Scheitern sprechen, weil ich den Eindruck habe, dass du dich damit auch auf deinem neuen Album an verschiedenen Stellen beschäftigst. Jochen Distelmeyer: Das gehört natürlich zum Leben dazu. Aber „Scheitern“? Das ist für mich keine Kategorie. Hast du denn das Gefühl, dass du gut mit Niederlagen umgehen kannst? Ich habe eigentlich noch keine Niederlagen erlebt. Das bemisst sich aber auch immer an der Vorstellung vom Gegenteil davon, zum Beispiel am Erfolg. Ich mache einfach mein Ding und versuche, damit glücklich zu sein. Aber „scheitern“? Das finde ich ein bisschen vage. Dann würdest du mir widersprechen, wenn ich behaupte, dass ich auf dem Album Auseinandersetzungen mit Situationen ausgemacht habe, in denen dein erzählerisches Ich gescheitert ist? Ja. Für mich hat die Platte mehr mit einem Aufwachen zu tun. Mit einem Zurücknehmen von Projektionen aus bislang Unverstandenem. Das empfinde ich nicht als Scheitern. Wenn auf der Platte zum Beispiel davon gesprochen wird, dass Träume zerrinnen und Kaugummiblasen zerplatzen, dann hat das für mich eher damit zu tun, dass wir dazu neigen, Dinge, die wir nicht verstehen, sinnhaft mit Projektionen aufzuladen, bis aus Schuldscheinen Wertpapiere werden. Aber in dem Moment, in dem Menschen zu verstehen beginnen, werden diese Projektionen aus dem Leben zurückgezogen. Und wenn man Glück hat, kommt man zu einem neuen Verständnis vom Leben in der Fiktion – der Weltwirtschaftskrise zum Beispiel. Wo plötzlich ein Realitätsprinzip eingefordert wird, nach dem wir uns wieder den harten Realitäten stellen müssen und so getan wird, als wäre man vorher außerhalb von Projektion und Bildern gewesen, mit denen man sich die Welt erklärt hat. Aber selbst so etwas wie eine Krise ist bereits etwas, das bildhaft gedacht wird. Ich glaube, das ist eine Frage des Grads an Wachheit, mit dem man sich dem Traumhaften in der Welt stellt. „Wohin mit dem Hass?“ Aber haben zerronnene Träume und zerplatze Kaugummiblasen denn nicht auch mit einem Scheitern zu tun? Nein, das ist nicht haltbar in dem Moment. Aus meiner Perspektive nicht. Dieser Begriff kommt woanders her und hat für mich damit nichts zu tun. Es geht um das Verlorengehen dieser Projektionsfläche und dem Lernen, damit zu leben. Denn das ist das Leben. Und dieses Leben findet auch auf der Platte statt. Ich meine auch nicht, dass mit dem Scheiten an etwas alles vorbei ist, sondern tatsächlich in dem Sinne, wie du es gerade erklärt hast, dass es ein unabdingbarer Teil der menschlichen Existenz ist. Gerade von Künstlern hört man doch häufig, dass sie aus solchen Negativerfahrungen neue Kraft für ihre Kunst beziehen. Man dringt zu anderen Kraftquellen vor. Wenn man sich darauf einlässt, erfährt man eine neue Tiefe von sich selbst. Du hast aber nicht das Gefühl, dass du im Prozess des Verarbeitens solcher Dinge bessere Songs schreibst? Nein. Das Bild des leidenden Künstlers finde ich ein bisschen langweilig. Das ist nicht meins. Ich finde es toller, wenn man aus dem Glück, der Fülle und der Freude schöpft. Aus Dingen, die nicht auf der Befriedigung eines Mangels beruhen. Für viele ist das ein bisschen schwieriger, aber mir fällt es relativ leicht. Das ist ein Geschenk. Leid ist aber dennoch ein Thema auf deiner neuen Platte. Natürlich handelt sie auch davon, dass Dinge stattgefunden haben, die enttäuschend oder traurig waren. Aber solange ich Songs schreibe, ging es mir eigentlich immer darum, Freude und Trauer gleichermaßen zu verarbeiten. Nicht voneinander zu scheiden, sondern in ihrem Verhältnis zueinander stattfinden zu lassen. Für diese Platte gibt es keinen Überbegriff, keinen Masterplan, kein Konzept. Ich habe einfach darüber geschrieben, was mich berührt, was ich sehe, was ich erlebe und was mich bewegt. Es ging mir inhaltlich um die Verbindungen zwischen privaten Erfahrungen und gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen. Das Scheitern… Du kannst es nicht lassen. Warum versteckst du dich denn hinter so einem Begriff? Das ist doch total öde. Im Gegenteil. In Anbetracht der Tatsache, dass über die Platte im Zuge ihrer Veröffentlichung noch viel gesprochen und geschrieben werden wird, ist es doch total spannend, sich ihr mal aus einem ganz bestimmten Blickwinkel zu nähern. Dann ist „scheitern“ für mich aber der falsche Begriff. Da ist Liebe die zentralere Botschaft. Vielleicht gehört scheitern, so wie du das siehst, aber auch zur Liebe dazu. Dieses Loslassen von Bildern, das Freimachen von Vorstellungen. "Lass uns Liebe sein" Genau. Ich sehe den „Scheiter“-Begriff nicht als alles umfassenden Überbegriff für deine Platte. Aber scheitern findet darauf doch statt. Wie gesagt, ich denke nicht so. Wenn gestern die Sonne geschienen hat und es heute regnet, dann ist das für mich heute kein schlechteres Wetter. Über diesen Punkt bin ich längst hinaus. Es ist lediglich anders. Das heißt, du wertest nicht mehr? Genau. Das war auch ein zentrales Thema für mich auf der letzten Blumfeld-Platte „Verbotene Früchte“, wo ich versucht habe, so wenig wie möglich über bestimmte Begebenheiten zu urteilen. Und ganz ähnlich bin ich nun auch diese Platte angegangen. Im Zusammenspiel mit Fans und Medien begibst du dich aber doch mit jeder neuen Veröffentlichung immer wieder in den damit verbundenen Wertungsprozess von außen. Das ist richtig, aber es interessiert mich nicht mehr so sehr. Ich möchte viel lieber erfahren, ob die Leute nachvollziehen können, worum es mir mit jedem Album geht. Aber ich muss keine Plattenkritiken lesen, um ein Gefühl davon zu bekommen, ob ich verstanden wurde. Den Plattentitel „Heavy“ könnte man theoretisch aber auch im Kontext eines Scheiterns betrachten. Im Sinne von schweren Zeiten, die es durchzustehen galt. Das kann man so sehen, ja. Ich fand ihn einfach perfekt für die beiden musikalischen Welten, die sich auf dem Album gegenüberstehen. Denn ein Stück muss nicht heavy klingen, um heavy zu sein. Ich mag das Kecke an diesem Begriff. Er klingt toll. So leicht.
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Das steht im Grunde aber auch bereits im Interview:
"Das Scheitern…"
Du kannst es nicht lassen. Warum versteckst du dich denn hinter so einem Begriff? Das ist doch total öde.
ThomasCrown sagte:
aber wie schieferdecker auf scheitern gekommen ist, weiß ich auch nicht..
das schreibt er doch:
"dann würdest du mir widersprechen, wenn ich behaupte, dass ich auf dem album auseinandersetzungen mit situationen ausgemacht habe, in denen dein erzählerisches ich gescheitert ist?"
was soll denn das?
gut, man legt sich seinen fragenkatalog zurecht, aber wenn der gute herr distelmeyer eben sagt, dass er die ganze sache anders sieht-
und man fragt ihn doch, was er UNS mitteilen will, also haben WIR zuzuhören- muss man darauf eingehen und nicht die eigene liste punkt für punkt abarbeiten.
buuh.
dem interviewer geht es eher darum, seine eigene klugheit zu demonstrieren, als um das, was der interviewte sagt.
der Künstler interessiert sich nicht so recht für einen Deutungsansatz, der seinem eigenem widerspricht. Möchte er nicht abstrahieren und Künstlerintension und werkimmanente Interpretation auseinanderhalten?
Im Zusammenspiel mit Fans und Medien begibst du dich aber doch mit jeder neuen Veröffentlichung immer wieder in den damit verbundenen Wertungsprozess von außen.
Das ist richtig, aber es interessiert mich nicht mehr so sehr. Ich möchte viel lieber erfahren, ob die Leute nachvollziehen können, worum es mir mit jedem Album geht. Aber ich muss keine Plattenkritiken lesen, um ein Gefühl davon zu bekommen, ob ich verstanden wurde.
Ein totaler Rohrkrepierer!
Make_war sagte:
Um auch mal eine Lanze für den Interviewer zu brechen: Im Gespräch mit J. ist es auch wirklich nicht leicht. Siehe Masche. Zudem ist er ein so blasierter und von sich selbst überzeugter Mensch...
man muss nur mal in den neuen me und gerade in die neue spex gucken um zu sehen, dass interviews mit distelmeyer sehr wohl funktionieren können, selbst wenn man sich ein spezifisches thema aussucht.
25.09.2009 - 10:46 Uhr
max
max-scharnigg sagte:
Contenance, Herrschaften. Für Distelmeyersche Verhältnisse ist das hier schon regelrechtes Plaudern. Aber war ja klar: sobald man einmal eine Antwort drinlässt, in der der Interviewer zurecht gewiesen wird, fühlt sich jeder Kommentator auch noch dazu berufen.
Touché!
max-scharnigg sagte:
Contenance, Herrschaften. Für Distelmeyersche Verhältnisse ist das hier schon regelrechtes Plaudern. Aber war ja klar: sobald man einmal eine Antwort drinlässt, in der der Interviewer zurecht gewiesen wird, fühlt sich jeder Kommentator auch noch dazu berufen.
auch wenn manche kommentatoren über das ziel hinausschießen mögen: es geht hier doch nicht darum, den interviewer zurechtzuweisen, sondern eine meinung über das mißlungene interview zu äußern. ist ja keine schande, im wochenendinterview waren auch schon genug fehlschläge dabei.
und distelmeyer ist nicht der einfachste interviewpartner: klar, geschenkt. da muß man sich halt drauf einstellen.
25.09.2009 - 15:22 Uhr
Besuch
- nein
- ein ganzkleinesminibisschen?
- nein
- nicht vielleicht doch eine kleine, eher unscheinbare scheiterei? jochen?
- nein
- och mööönsch jochen,komm jetz.
25.09.2009 - 15:25 Uhr
shafty
Besuch sagte:
Auf wenn ihr mich jetzt alle rotdaumen werdet, es muss raus: Kann es sein, dass Jochen Distelmeyer immer wieder das selbe Lied schreibt, siehe "Lass uns Liebe sein"? Die Melodie habe ich von ihm schon hundertmal gehört. Und ich kann mir nicht helfen, aber die Texte sind einfach nur doof. "Freude ist für jeden schön." Und "wohin mit dem Hass" zeigt in meinen Augen, dass er im Grunde ein sehr unmusikalischer Mensch ist. Wie kann man denn sonst so unbeirrt unrhythmisch über was drüber singen? Obwohl auch ich mich stark an das Loriot-Interview erinnert fühlte, ist meine Sympathie auf Seiten des Interviewers.
och, von mir kriegste nen grünen daumen dafür. ich trau mich hier ja nie was gegen toco-blumfeld-tomte-kante-etc. zu sagen, weil das hier immer so furchtbar schlecht ankommt.
aber der diestelmeyer macht für mich schlager für indietypen.
und besonders musikalisch ist das leider nicht, dafür aber pseudointellektuell aufgebläht bis zum gehtnichtmehr.
Distelmeyer. Vollkommen überbewertet. Auf musikalischer Ebene nicht mehr als dilettierend. Durch die Offenheit und Kryptik der Texte automatisch offen für assoziative, vermeintlich postmoderne Interpretationen. Der Promotionsabbrecher Diedrich Diederichsen ist an allem schuld.
Eigentlich mag ich diese tanzenden Menschen.
Im Ernst, ich hab's gern gelesen.
kleinerheiner sagte:
Warum ist das Foto vom Autor so krass unsympathisch?
sachliche kritik, bitte. persönliche kritik ist nicht schön.
Die Kritik ist sachlich. Der Gesichtsausdruck auf dem Foto ist objektiv gesehen einfach pseudo-cool. So was nervt mich. Und das ist nicht persönlcih gemeint - wahrscheinlich ist er ja ganz nett - aber wenn ich das Foto seh, glaub ich halt nicht ganz dran.
aber seine augen sind 'ne schau!
und interview nervig, weil dreht sich irgendwie im kreis. ja - nein - doch - nein - warum - darum - aber. meta hin oder her.








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24.09.2009 - 19:00 Uhr
derKING