22.09.2009 - 18:30 Uhr

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Wie es bei Steinmeier in der WG war

Text: peter-wagner - und Dirk von Gehlen; Fotos: dpa, ap

SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier lebte 15 Jahre in einer studentischen Wohngemeinschaft. Mit jetzt.de spricht er zum ersten Mal ausführlich über diese Zeit - er erzählt von Wäsche mit Heizöl-Aroma, von Feten mit viel Handkäse und seiner einsamen Promotion im "Hexenhaus".

In der WG haben Sie an Ihrer Promotion geschrieben ... Während der WG-Zeit, ja, aber weniger in der WG. An unserem Lehrstuhl gab es ein sogenanntes Hexenhaus, ein altes Nebengebäude, in das sonst keine Studenten rein kamen. Wer bei der Promotion in die letzte Phase ging, siedelte dorthin über. Ich schrieb also in strenger Einsiedelei. Haben Sie dort auch übernachtet? Nein. Ich war dort tagsüber und bis tief in die Nacht. Danach habe ich meistens noch in der Kneipe vorbeigeschaut, im Quadratmeter. Da traf man dann den einen oder anderen, der in ähnlich verzweifelten Verhältnissen war. Häufig war abends auch mein Freund Dietrich noch in der Kneipe, vertieft in seine Zeitungen. War Dietrich mehr Psychiater oder Freund? Na damals hat Dietrich noch ordentlich Humanmedizin studiert! (lacht) Im Ernst: Das ist eine tiefe und ehrliche Freundschaft, ganz ohne und außerhalb von Politik. Ich bin sehr froh, dass es uns gelungen ist, diese Freundschaft über all die Jahre zu erhalten. Haben Sie sich früher häufig am WG-Küchentisch ausgesprochen? Das war eine viel emotionalere Zeit. Das ist heute überhaupt nicht mehr vorstellbar. Wir haben damals sogar „Männerselbsterfahrungsgruppe“ gemacht. Wie geht das? Gepräche, Treffen, Fahrten, am Wochenende zum Beispiel mal an den Großwettersee Schleswig-Holstein. Da waren wir ewig unterwegs. Aber was macht man da? Naja, Selbsterfahrung eben (grinst). Wäre schon interessant, zu erfahren, was ein solches Wochenende mit sich bringt. Unsere Generation kennt sowas eher nicht. Wir haben das gemacht, was wir immer gemacht haben: Von morgens bis abends diskutiert, mit großer Leidenschaft und Ernsthaftigkeit! In welchem Ruf stand Ihre WG? Aus Ihren Erzählungen und den Berichten ehemaliger Mitbewohner schließen wir, dass dort fast schon eine Seminaratmosphäre geherrscht haben muss, so viele kluge Autoren wurden gelesen. Sie haben sogar eigene Leseabende veranstaltet. Richtig, aber nur am Anfang. Das ging sogar bis zu Karl Marx. Nach der Biermann-Ausbürgerung haben wir Rudolf Bahro gelesen. Später gab's allerdings weniger Lesegruppen und mehr Feten. An eine kann ich mich noch gut erinnern. Kennen Sie Handkäs' mit Musik? In Franken gibt es Stadtwurst mit Musik. Wir hatten einen schönen gepflasterten Hinterhof und wollten eine richtig hessentypische Fete machen. Ich hatte Zentner von Handkäse in Öl, Essig und Zwiebeln eingelegt. Dann regnete es aber in Strömen und es kamen viel weniger Leute als erwartet. Und die fanden den Handkäse auch nicht so richtig toll. Auf jeden Fall war nicht mal die Hälfte weg. Der Rest schwamm dann in diesen Bottichen rum. Nach zwei Tagen war das so aufgequollen … ich war froh, als ich's entsorgt hatte. Waren Sie so lange in der WG, weil sie nicht erwachsen werden wollten? Naja, den Vorwurf habe ich ja damals schon gehört. Gar nicht so sehr auf die WG bezogen, sondern auf meine Assistentenzeit an der Uni. „Der will nicht raus ins feindliche Leben“, hieß es. Ich fand es wunderbar. Und von der ganzen Zeit, die ich damals zum Arbeiten und zum Lesen hatte, zehre ich noch heute. Und was die WG betrifft: Ich hab‘s schon allein deswegen nicht so empfunden, weil wir uns damals natürlich ungeheuer erwachsen fühlten!
Inwiefern hilft Ihnen die Erfahrung als WG-Vater in einem Gespräch mit Hillary Clinton? Sie hat noch nicht gesagt: 'Komm, lass uns zusammen ziehen.' Aber man lernt in einer WG doch einige „Soft Skills“, die man ernsthaft als Außenminister brauchen kann. Das stimmt. Welche? Zum Beispiel, dass man sich gegenseitig nicht gleichgültig werden darf. Dass andere anders leben. Dass man das nicht als gegen sich selbst gerichtet empfindet. Dass man bei aller Verschiedenheit nach einem gemeinsamen Modus sucht. Sie durften noch vor der Studienreform studieren und hatten im Studium viel Zeit für sich. Studiengebühren mussten sie auch nicht zahlen. Sind Sie froh, dass Sie nicht heute an der Uni sind? Wenn ich so meine Tochter betrachte, frage ich mich manchmal, ob ich das so geschafft hätte. Was die heute lernen! Sie hat jetzt das dritte Jahr Latein. Ich bin mir nicht sicher, ob ich soviel wusste, als wir nach 5 Jahren Latein abgegeben haben. Der Unterricht an der Schule und an der Hochschule ist viel stringenter geworden. Meine Haltung zu den Studiengebühren kommt bei mir aus meiner Biografie. Mein Vater war Tischler, meine Mutter war Arbeiterin in der Fabrik - ich weiss nicht, wie sie für mich entschieden hätten, wenn es kein Schülerbafög gegeben hätte. Das gab es damals in Nordrhein-Westfalen. Und wenn es oben drauf noch Studiengebühren gegeben hätte - das wäre eine hohe Hürde gewesen. Deswegen bin ich für ein kostenfreies Studium. Hatten Sie Nebenjobs? Klar hab ich gejobbt, anfangs in einer Pinselfabrik, später in einer Möbelfabrik oder in einer Fahrzeugfabrik. Die meisten Studenten müssen neben dem Studium arbeiten. Wie war es bei Ihnen? Ich habe immer in den Semesterferien gearbeitet, nie parallel zum Studium. Abgesehen vom Bierflaschenöffnen: Was haben Sie in der WG-Zeit gelernt? Kochen. Wir haben jeden Tag gekocht, und ob man zu Hause war, richtete man danach ein wer kochte ... Was denn so? Handkäse mit ... Mein Spezialgericht waren grüne Nudeln mit Spinat. Müssen Sie mal probieren. Geht schnell, grüne Nudeln, Spinat rein, bisschen Sahne und viel Knoblauch. Schmeckt sehr gut, wenn man richtig Hunger hat. Ist auch nicht teuer. Und macht satt! *** Hier erfahrt ihr, wie Karl-Theodor zu Guttenberg so beliebt wurde. Alles weitere zur Bundestagswahl gibt es unter jetzt.de/wahl09
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peter-wagner

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.


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