Elfi Mikeschs BRENNENDES PFERD mit dem Theater THIKWA - Berlin
Hinreißendes tänzerisches Gesamtkunstwerk von Ausnahmeschauspielern über einen Ausnahmetänzer – Nijinskis Tagebücher, auf die Bühne gebracht von den THIKWAsSchon zu Lebzeiten eine Legende, hinterließ Waslaw Nijinski seinen Bewunderern Tagebücher: im Fieber seiner beginnenden Krankheit brennenden Herzens geschrieben und dem Wahn seiner Zeit, dem Krieg und den tiefen gesellschaftlichen Umbrüchen, aber auch seiner eigenen Verdunklung geschuldet, ja abgetrotzt.
Zutiefst erschüttert (der Krieg fuhr in ihn hinein und er tanzte seit 1919 nicht mehr) von den existenziell bedrohlichen Umwälzungen und vor dem Hintergrund der als Gegenwehr entstehenden völlig neuen Sprachen der Kunst im revolutionären Russland zog er einen jähen Schlussstrich, nachdem er in unbeschreiblicher Weise männliche Kraft ebenso wie weibliche Anmut verkörpert und den entscheidenden Beitrag zur Revolution des klassischen Balletts geleistet hatte. Kaum ein Tänzer hatte je zuvor mehr Faszination und Hingabe mobilisiert als er, der Star des "Balletts Russes", Waslaw Nijinski: Faun, Harlekin, Petruschka (letztere seine Lieblingsfigur in dem von Igor Strawinsky geschriebenen Ballett).
In seinen Notaten, die stilistisch Dada und Konkrete Poesie vorwegnehmen, ringt er darum, seinen Tanz am Abgrund verständlich zu machen. Er, der von sich sagte, er sei Gott, den sein Größenwahn und Narzissmus, sein doppelgesichtiges und zweigeschlechtliches Wesen an die Grenzen der Vernunft geführt und in die Verweigerung getrieben und seine Frau, die Tänzerin Romola, zu seiner ra(s)tlosen Begleiterin durch Hotels und Kliniken gemacht hatten.
Der Filmemacherin und Kamerafrau Elfi Mikesch war nach ihrer Lektüre dieser ebenso hellsichtigen wie verstörenden und verstörten (Selbst-)Verständigungstexte sofort klar, mit welchem Ensemble sie diese würde umsetzen können: dem außergewöhnlichen Theater THIKWA, das von sich selbst sagt: „Wir sind behindert und wir spielen damit“.
So entstand unter dem Titel BRENNENDES PFERD Mikeschs erste Bühnenregiearbeit, eine „fragmentarische Partitur“ von Nijinskis Leben: Hommage an einen besonders Begabten und früh vom Vater, später vom Krieg Traumatisierten, die sich konzentriert auf die Petruschka-Figur aus dem gleichnamigen Ballett. Spielort ist ein leeres Hotel, in der Waslaw Nijinski als Puppe und Clown, als schwebender Engel und stürzender Ikarus, als die Zerstörung der Erde durch die Industrialisierung formulierender Visionär und nach der Erfahrung des Umbruchs in seinem Land in der Kakophonie Verstummender in vielfältigen Paarungen seine Lebens- und Welterfahrung entfaltet.
Wie aber ist das Wunder gelungen, diese Tragödie epischen Ausmaßes, diese so viele Sprachen der schönen Kunst sprechende Erzählung, umzusetzen? Mikesch hat die besonders begabten THIKWA-Schauspieler in diesem work in progress mit ihren je eigenen Fähigkeiten SPIELEN lassen: Vincent Martinez kann sein breit aufgestelltes musikalisches Talent in der Begleitung seines Lehrers (selbst Komponist: Andreas Wolter) entfalten und alle Register ziehen: teils improvisierend, teils kommentierend, teils in eigenen kongenialen musikalischen Erzählungen ertönen Orgel, Klavier, Synthesizer, Becken und Gesang.
Auch andere Darsteller (Tim Petersen als Faun auf der Panflöte, der Puppenspieler Alexander Lange mit seinem Glockenspiel, der Weissclown auf der Trommel) „vertonen“ diese traumtänzerische Choreographie. Überwältigend in ihrer mehrere Oktaven umfassenden stimmlichen Präsenz: die engelhaften Belcanto-Arien von Rickie Eden, einem Wesen aus der Zwischenwelt. Sie tritt als das reiche Mädchen, mit Textfragmenten und Briefen des Tänzers, bewegend in Erscheinung, aber auch als schützende, den Gefährdeten umhüllende Lichtgestalt.
Auf der Folie dieses musikalischen Bilderbogens entfalten sich nie gesehene Szenen, unerhörte Monologe und Dialoge, Solo- und Ensembletänze. Sie spiegeln und verdoppeln, brechen aber auch die zentrale Figur.
So schon im Eingangsbild: das interesselose Wohlgefallen der innig verbundenen Körper - Amor und Psyche (Heidi Bruck und Tim Petersen) im Stand der Unschuld - erzählen von dem Lieblingszustand von Petruschka-Nijinski: dem Schweben.
Den roten Faden und die Strukturierung liefern die von Peter Pankow als Weissclown stimmgewaltig erinnerten vier Träume, in denen er Nijinskis Innerstes imaginiert, aber auch zentrale Aussagen der Tagebücher (mit der Kraft eines Martin-Luther-Kingschen I HAD A DREAM) extemporiert und die titelgebende Metapher des BRENNENDEN PFERDES entfaltet. Im Fokus: das Schwebenkönnen dieses außerirdischen Wundertiers und sein Ende als geschundene, dem Morphium und einer Anstalt ausgelieferte Kreatur, die sich nur für eine kurze Zeit seines Lebens zum schwerelosen Tänzer entfalten, die Welt verschweben kann.
Jeder Darstellerin, jedem Schauspieler gebührt Beifall! Sie alle bieten ihr Bestes auf, um der Vielschichtigkeit dieser Produktion spielerische Größe zu verleihen: in Schwerelosigkeit und Leicht-Sinn; mit verfremdender (Sprach-)Komik und atemberaubenden Sprüngen und Brüchen.
Zu den Glanzpunkten wie dem von Dominik Bender sarkastisch-ekstatisch vorgetragenen Russland-Rap und ebendessen bisweilen zynische Aussagen zu den großen Themen, Liebe, Tanz, Schönheit und Wahn bzw. Vernunft, die er als Erzähler Herr Liebstöckel und Strippenzieher der Mitspieler und -tänzer macht, gesellen sich die vielen filigranen Miniaturen, in denen nur die Körper ineinander fließen, einander umspielen oder einander beherrschen (Weissclown im Krieg, Sabrina Braemer als Großes Meer im Ritt auf Liebstöckels Rücken, Corinna Heidepriem in innigem Tete-à-tete mit der Rose, die Columbinen von Tim Petersens Flötenspiel als Pan verzaubert, Stockduell und viele mehr, die Totenklage und Pietà).
Dem, um den sich alle(s) drehen/dreht: Torsten Holzapfel als leichtfüßiger in vielfältige Rollen flüchtender Petruschka, alias Herr Curry, der wie Nijinski Spazierengehen und Morphium als Gegengift, die Liebe zu allen als Medikament gegen sein Außersichgeratensein propagiert, wird im Schlussreigen gehuldigt: Alle Columbinen, die anspielungsreiche Pflanzennamen tragen, verbeugen sich mit Liebesgeständnissen vor dem zur Puppe erstarrten Petruschka.
Über der Fülle des Gehörten und Gesehenen vergehen einem bisweilen die Sinne. Man möchte den temporeich präsentierten Bilderbogen für einen Moment anhalten, um sich seiner realen Existenz zu vergewissern. So wie es die Spieler tun, wenn das ganze Ensemble beginnt über Telefonate Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen. Verrätselte Wortfetzen und Bruchstücke des Kommunizierten schlagen einen dann aber wieder in ihren Bann.
Nicht alles konnte hier geschrieben, nicht alle konnten gewürdigt werden - der Überfülle dieses Gesamtkunstwerks geschuldet und gedankt!
Am Schluss jedoch ein Applaus für die Kostümbildnerin und künstlerische Leiterin dieses einzigartigen Unternehmens, Gerlinde Altenmüller, die es nun über 15 Jahre hinweg ermöglicht, dass Solches geschieht!
929 Wörter
Christiane Frettlöh
FON: 030 – 618 63 63
MOB: 0162 – 590 55 85
Letzte Aufführungstermine:
18.09.2009 20:00 Uhr - F40 - Theater Thikwa
19.09.2009 20:00 Uhr - F40 - Theater Thikwa
20.09.2009 20:00 Uhr - F40 - Theater Thikwa
Adresse + Karten
F40 - Theater Thikwa + English Theatre Berlin
Fidicinstraße 40
10965 Berlin
Tickets: Thikwa 69 50 50 922
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