13.09.2009 - 18:30 Uhr

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„Ich sitze ja eh den ganzen Tag“

Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl

100 Sätze reichen für ein ganzes Leben. Jede Woche stellt unser Autor einen vor.

Neulich war ich mal beim Arzt. Weil das Vorfallenlassen von Bandscheiben in meinem Bekanntenkreis zum Hobby geworden ist. Und weil ich zuletzt beim Arzt war, als der Komet Hale Bopp an der Erde vorbeiraste. Obwohl so ein Arztbesuch ein sehr altmodischer Vorgang ist und seit hundert Jahren gleich abläuft, kannte mich nicht besonders gut aus. Allein das Prinzip Sprechstunde! Man sitzt mit vierzehn gutgelaunten Rentnern im Wartezimmer vor einem Miro-Druck. Dauernd kommen neue Alte rein, die offenbar kurz davor sind, die herbe Arzthelferin zu adoptieren, so vertraulich sind sie jedenfalls mit ihr. Die schlimmsten Sachen tauschen die Alten dann im Wartezimmer miteinander aus, vorrangig geht es um die Ärzte, die zu besuchen ihnen leider unmöglich gemacht wird, weil es hier schon so lange dauert. Wer einen Arzt kennt, den die anderen nicht kennen, hat hundert Punkte. Für Menschen mit Geburtsjahr nach 1950 hat die Stammbesatzung nur verächtliches Asthmahusten übrig. Die herbe Artzthelferin tut die ganze Zeit so, als würde sie nicht mitten im Wartezimmer arbeiten, sondern ganz woanders, vielleicht in einer interessanten Firmenzentrale in JuJork. Alle Viertelstunden geht die kleine Tür auf und ein glatziger Mann mit gelbem Pulli und Kordhose schiebt einen Menschen heraus. Der Herausschiebende ist der Doktor. Wenn der Doktor raus kommt, dann setzt sich die geriatrische Stammbesetzung aufrecht hin, manche heben auch leere Tabletten-Streifen hoch, um zu zeigen, wie brav sie alles gegessen haben. Der Doktor nickt mit unendlicher Güte in die Runde und verschwindet wieder. Dieses Hin- und Her dauert etwa zwei Stunden. In diesen zwei Stunden kann niemand sagen, wie lange es noch dauern wird, aber es interessiert auch niemanden, nur mich.
Irgendwann, es dunkelt schon, sagt der Arzt meinen Namen und ich darf hinein in das, was ich mir die ganze Zeit in den wildesten Klinikfarben ausgemalt hatte. Es ist dann aber eher, als würde ich ein Wohnzimmer betreten, mit Holzschreibtisch und Sitzgruppe. Nur eine Liege und eine Schale mit Pflaster und Schere gibt es und irgendwo steht ein Lufterfrischer mit patentiertem Jod-Geruch. Der Herr Doktor ist, von Nahem besehen, noch viel unendlicher und gütiger und gebräunter, als ich dachte. Ich sage: „Ich wollte mich mal durchchecken lassen.“ Er nickt. Nichts passiert. Ich sage „Genau.“ Er sieht mich gütig aber auch doktormäßig an. Dann fragt er sitzend: „Üben Sie eine vorwiegend sitzende Tätigkeit aus?“ „Ja“. Daraufhin nickt er vielsagend und seufzt, aber noch nicht so, dass ich mir Sorgen machen muss. Es ist eher ein Seufzen wie ein erhobener Zeigefinger. Dann muss ich mich im Profil vor ihn hinstellen, dann tief einatmen, dann sagen, ob mir sonst was wehtut. Nö. Er schreibt in meine Akte und steht auf. „Passen Sie auf ihren Rücken auf, machen Sie Ausgleichssport! Was sind Sie von Beruf?“ Beruf, alles so altmodisch, herrlich! „Journalist.“ Er sieht eine Spur sorgenvoller aus. „Passen Sie auf Ihre Leber auf.“ Ich nicke, die Leber krampft leise. Dann werde ich hinausgeschoben, in das Zimmer mit den Rentnern, die den ganzen Tag in vorwiegend sitzender Tätigkeit verbracht haben. Der Doktor gibt mir kräftig die Hand. „Herr Scharnigg, haben Sie schon mal über Zeckenimpfung nachgedacht?“ Ich so superschlagfertig: „Wieso, kommt wieder ein Komet?“


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9 Kommentare

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fatman
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Mag ich Mag ich nicht

3

13.09.2009 - 18:38 Uhr
fatman

Ach Max, das nächste Mal lass Dich doch vorher von Eurem hauseigenen Misanthropen/Kulturpessimisten/Ärztehasser, Herrn Bartens, coachen. Der kann Dir erklären, warum Dich der Doktor impfen will (außerhalb des RLV) und warum der Doktor Dich so unwillig durchcheckt (unter 35).

Dichterliebchen
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Mag ich Mag ich nicht

3

13.09.2009 - 23:54 Uhr
Dichterliebchen

Bei der Brilljanz sehen wir doch locker drüber hinweg, dass der Hauptsatz gar nicht vorkommt .ò)

sebastian-mraczny
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14.09.2009 - 12:23 Uhr
sebastian-mraczny

Schön und gut. Aber auf welche Organe sollte man nun besonders achten, wenn man eine Tatigkeit ausübt, die hauptsächlich im Liegen stattfindet?

fatman
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Mag ich Mag ich nicht

0

14.09.2009 - 13:37 Uhr
fatman

Die Wirbelsäule. Die dazugehörige Muskulatur degeneriert im Liegen...

ein_oxymoron
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Mag ich Mag ich nicht

2

14.09.2009 - 17:20 Uhr
ein_oxymoron

ich sage/denke diesen satz immer, wenn es darum geht, ob man sich z.b. in einem oeffentlichen verkehrsmittel um einen sitzplatz pruegeln sollte.

octopussy
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Mag ich Mag ich nicht

2

14.09.2009 - 18:17 Uhr
octopussy

Zu so nem Arzt würde ich nicht gehen. Aber du bist wohl auch nur zum Arzt, um das hier schreiben zu können ;)
Besser wäre noch, es wäre der Arzt gewesen, der dich zuletzt als Kind nachm Sturz vom Fahrrad gesehen hatte...

Cate81
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Mag ich Mag ich nicht

0

14.09.2009 - 19:47 Uhr
Cate81

Die kommunikativen Kompetenzen vieler Ärzte sind echt katastrophal.

Ich weiß nicht, wie oft ich nach erfolgter Untersuchung anstelle einer Diagnose, Erklärung oder sonstwas in der Richtung den Satz "Ah ja, mhm, da schreib ich Ihnen was auf, jeweils vor dem Essen eine, und wenn's nicht besser wird, kommen Sie nochmal" gehört habe.

Freiheitsliebe
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Mag ich Mag ich nicht

0

15.09.2009 - 15:22 Uhr
Freiheitsliebe

normalerweise lautet die frage, wenn ein arzt gerade so gar keinen plan hat, was man haben könnte:"haben sie stress!?" und die antwort lautet immer "ja", denn stress hat jeder..

die ersten 2/3 wunderbar geschrieben! ..gar einmal vernehmlich gelacht..

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Mag ich Mag ich nicht

1

15.09.2009 - 15:35 Uhr
Freiheitsliebe

hach ja, die leber. intelligenz säuft, dummheit frisst. eventuell sollte herr scharnigg mal überlegen - mit seinem talent - woanders hin zu wechseln. neuer arbeitgeber - neues glück!

:-)


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max-scharnigg

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.

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