"Eingriff in den öffentlichen Raum"
Street Art ist das, was Graffiti in den 80ern und 90ern war. Jetzt ist ein Buch erschienen, das einen Gesamtüberblick über die Szene liefert.
Katrin Klitzke, 34, ist zusammen mit Christian Schmidt Herausgeberin des kürzlich erschienenen Buches "Street Art: Legenden zur Straße". In dem Buch setzen sich sowohl aktive Künstler als auch Wissenschaftler mit einem Phänomen auseinander, das immer stärker unsere Großstädte prägt. Katrin Klitzke schrieb schon ihre Magisterarbeit im Fach Ethnologie über Street Art. Im jetzt.de-Interview spricht sie über Künstler, Kriminalität und neueste Tendenzen.jetzt.de: Den Begriff „Street Art“ hört und liest man oft. Was genau versteht man darunter eigentlich?
Katrin Klitzke: Das zu definieren, ist schwierig. Ich würde eher von gemeinsamen Tendenzen sprechen: Street Artists arbeiten oft mit Text und Bild, sie verwenden eine Bandbreite an Techniken – von Sprühdosen bis Aufkleber – und greifen meistens unautorisiert in den öffentlichen Raum ein.
… ist also illegal?
Es bewegt sich oft in einer Grauzone – sowohl rechtlich als auch was die öffentliche Wahrnehmung betrifft: Sticker und Poster an Wänden werden weniger kriminalisiert als Graffiti.
Graffiti war die subversive Kunstform der 70er und 80er – seit wann spricht man von „Street Art“?
Die Graffiti-Szene geht sicherlich in Street Art über. Der Begriff ist erst in den 90ern geprägt worden, die tatsächliche Form gibt es aber schon länger. Man kann bereits Anfang des 20. Jahrhunderts Street Art finden. Damals gab es eine hoch entwickelte Posterkultur. In den 50ern und 60ern hat sich vor allem die Pariser Studentenbewegung solcher Medien bedient und sie politisch benutzt.
Seit den 00er-Jahren boomt die Kunstform. In welche Richtung entwickelt sich das alles?
Allgemein ist die Szene sehr innovativ, es wird ständig etwas Neues ausprobiert. Seit kurzem zum Beispiel gibt es Lightwriting. Dabei wird mit Licht gemalt und das dann fotografiert. Wie das aussieht kann man sich zum Beispiel auf www.metofa.com

Muss Street Art immer subversiv sein?
Nicht zwangsläufig, was den Inhalt betrifft. Aber Street Art ist auf einer anderen Ebene immer subversiv: Es ist ein Eingriff in die rechtlich und öffentlich anerkannte Raumordnung. Darüber setzen sich die Macher hinweg. Inhaltlich aber ist das Spektrum sehr breit, von nichtssagenden Tiermotiven zu linksradikalen Botschaften. Auch rechtsradikale Gruppen bedienen sich immer häufiger dieser Form. Viele fragen sich dann aber, ob das noch Street Art ist.
Und ist es das dann noch?
Ich würde es nicht so nennen.
Warum nicht?
In diesem Fall ist die Absicht das Entscheidende. Bei rechtsradikalen Parolen steht die Propaganda im Vordergrund, und dann bedienen sie sich dieses Mediums. Genauso verhält es sich allerdings auch bei Guerilla-Marketing, wenn also mit dieser Kunst Werbung für irgendein Produkt gemacht wird.
Kann man denn die Personengruppe, die Street Art produziert, irgendwie beschreiben und eingrenzen?
Es sind auf jeden Fall junge, urbane Leute, obwohl natürlich auch ein paar Mittdreißiger dabei sind.
Wie wichtig ist der Raum „Stadt“ für „Street Art“. Gibt es so etwas auch auf dem Land?
Diese Kunstform gedeiht fast nur in der Stadt. Es ist eine urbane Praxis, die sich zwar auch manchmal auf’s Land ausbreitet, aber der Raum dort ist ein anderer. Eine Stadt, besonders eine Großstadt, ist ein heterogener Raum, an dem unterschiedliche Personengruppen aufeinandertreffen. Auf dem Land fehlen die Passanten, die Fluktuation von Menschen und die Bildung kleinerer, subkultureller Kieze. In Kleinstädten spielt sich das in zwei, drei Studentenkneipen ab.
Gibt es eine „Street-Art-Hauptstadt“?
Es gibt sicherlich eine Verschränkung von Szene und Stadtentwicklung. Berlin hat dafür sehr günstige Bedingungen. Vor allem in den 90ern und 00er-Jahren gab es hier einen hohen Leerstand an Wohnungen und gleichzeitig ist die Stadt sehr arm. Das heißt, es gibt wenig Geld für das „Buffing“, für’s Saubermachen. Auch Hamburg und Barcelona sind Städte mit guten Voraussetzungen. Schlechte Bedingungen sind überall dort, wo viel renoviert wird und das Stadtbild homogen ist.
Kennen sich die Aktiven eigentlich untereinander? Gibt es eine Szene, die miteinander vernetzt ist?
Ja, viele kennen sich trotz der Anonymität und der Pseudonyme. Die Leute kommunizieren einerseits miteinander, indem sie ihre Kunstwerke nebeneinander platzieren oder sich gegenseitig crossen („übermalen“ Anm. der. Red.). Andererseits treffen sie sich auch persönlich auf Ausstellungen und Veranstaltungen. Das Internet hat außerdem dafür gesorgt, dass es mittlerweile auch einen globalen Austausch gibt: just.blogsport.de, rebel:art, ekosystem und das New Yorker
Woostercollective berichten regelmäßig über neue Tendenzen.
Von Graffiti-Writern weiß man, dass ihre Kunst ein ständiges Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei ist. Wie verhält sich das mit Street Artists? Erkennt man Street Art mehr Kunst zu? Oder erregt die Kunstform einfach weniger Aufmerksamkeit?
Die meisten Menschen akzeptieren Street Art tatsächlich mehr als Graffiti. Die Öffentlichkeit nimmt es weniger als Vandalismus wahr. Graffiti hat eine ganz eigene Szenesprache, die für die meisten nicht zugänglich ist. Gleichzeitig assoziieren viele damit automatisch Jugendkriminalität. Street Art ist im Vergleich zugänglicher und leichter verständlich.
Und die Polizei?
… geht sehr unterschiedlich damit um. Sprühen ist ja stark kriminalisiert. Bei Street Artists drücken sie tatsächlich eher mal ein Auge zu und fordern denjenigen auf, das Plakat eben wieder zu entfernen.

Street Art: Legenden zur Straße
Herausgegeben von Katrin Klitzke und Christian Schmidt
Verlag der Jugendkulturen, 225 Seiten
- "Alle Bürgerrechte von Lesben und Schwulen würden außer Kraft gesetzt" 10.02.2012
- „Lass uns alles geben!“ 09.02.2012
- Susanne Blech - Dilettantismus als Hochkultur 08.02.2012
- „Da sind wir nachtragend“ 07.02.2012
- „Nicht nur Russland und China sind die Bösewichte, mit denen alles steht und fällt.“ 06.02.2012
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beliebiges beispiel: http://blogs.taz.de/streetart/files/2009...
immer wieder interessant, aber nicht wirklich neu...
auch schon ein paar jahre am start sind die hier: http://graffitiresearchlab.com/
machen mal was anderes.
Bisschen gelangweiltes Interview. Und über "Kann man denn die Personengruppe, die Street Art produziert, irgendwie beschreiben und eingrenzen?
Es sind auf jeden Fall junge, urbane Leute, obwohl natürlich auch ein paar Mittdreißiger dabei sind." Kann ich nur lachen.
octopussy sagte:
Da soll jetzt erst ein Buch dazu rausgekommen sein?! Naja...
Nein, es gab 2006 schon eins, das hatte den Untertitel "Die Stadt als Spielplatz".
der text ist "widersprüchlich".
nee ich freu mich daß das überhaupt mal zur kenntnis genommen wird.
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10.09.2009 - 20:55 Uhr
ruebezahl
in der fernen sibirischen provinz ist man dankbar für jedes tag oder artwork an den hauswänden. ohne ist urbaner raum leblos.