Revolution des Schreibens
Eine Studie belegt unsere heimliche Literarisierung durch das Internet
Diesen Text aus der Süddeutschen Zeitung kannst du hier leider nicht mehr lesen, er ist aber noch im Archiv der Süddeutschen Zeitung zu finden.- Null Punkte für die Meinungsfreiheit 25.05.2012
- Revoluzzer Ratzinger 25.05.2012
- Bürger werden künftig zur Organspende befragt 25.05.2012
- Verschwinden wir in der Nacht 25.05.2012
- Im Namen der Unbarmherzigen 24.05.2012
Dieser Text von jetzt.de ist in der Süddeutschen Zeitung erschienen. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!
jedoch: insbesondere der letztgenannte punkt, ästhetisierung der selbstdarstellung. wie sich an allen webseiten ablesen (!) lässt, ist das web kein ort für zeit, sondern ein ort der zeitreduktion. vom blog zum micro-blog. texte werden kurz und kürzer, seriell und micro-seriell. bedeutet: das web ist kein ort für eine breit gefächerte textproduktion verschiedener stile und gattungen (wo sind der dramen- oder der lyrik-blog?), sondern recht konzentrierte reduktion auf wenige ästhetische kriterien, zumeist anekdotischer, prosaischer art. welcher blogschreiber veröffentlicht narrative texte, die gedruckt mehr als 5 seiten, geschweige denn 40 oder 400 abgäben? aus aufmerksamkeit entsteht die hegemonie der anekdote, der pointe.
punkt zwei: die quantität des geschriebenen sagt nichts und nochmal nichts über dessen qualität aus, weder orthographisch, noch stilistisch noch inhaltlich. literatur in buchform, wie gepresste silberlinge aus myspace-bands, entstehen auch da nur höchst selten. (wobei festzustellen bliebe, dass gedruckte veröffentlichungen nach wie vor den nicht zufällig besseren ruf genießen)
punkt drei: aus der menge des geschriebenen entsteht nicht zwangsläufig ein höheres wissen über das geschriebene, kein besseres wissen über aufbau und konstruktionen von (narrativen) texten. zumal die fokussierung auf das ICH (selbstdarstellung) das fiktive hin zum authentischen (das selbst fiktiv ist) verschiebt.
meint: veränderung des schreibens ja, literarisierung nein. aus bloggern wird kein joyce, böll oder tolstoi. sondern blogger.
berufsschriftsteller wird es wohl auch weiterhin relativ unabhängig vom internet geben.
ich verweise auf das fazit des textes, die letzten drei zeilen, auf die die passende antwort wiederum ruebezahl geliefert hat.
man kann den artikel sicher auch anders enden lassen, aber SO wie es hier geschrieben steht, wird der gedanke nicht rund, und die appellative schlussfolgerung ist einfach die falsche.
abgesehen davon: spätestens seit der kanonisierten bibel ist das geschriebene wort in europa sowieso bedeutender als das gesprochene. insofern ist die untersuchung - prosaisch.
28.08.2009 - 20:41 Uhr
ruebezahl
ruebezahl sagte:
@ terpsichore: sorry, der begriff literarisierung wird in diesem artikel aber doch als begriff für zunahme von literatur verwendet.
das habe ich nciht so gelesen. es geht eindeutig nicht um die zunahme von literarischer hoch-kultur. es wird ja sogar ganz deutlich auf "E-Mails, Botschaften auf Twitter, Blogs und Chats" verwiesen, und eben nicht auf drama, prosa oder lyrik. der text sagt: es wird mehr geschrieben denn je. und erklärt danach genau, wo und in welcher form dies passiert.
zufall?
zufällig hingeschrieben?
schriftfehler im protokoll?
ruebezahl sagte:
und warum dann der rückgriff auf die griechische antike?
zufall?
zufällig hingeschrieben?
schriftfehler im protokoll?
na aber das steht doch da: "Mit der antiken Referenz ist die Durchsetzung der Schriftsprache in der Antike gemeint."
ruebezahl sagte:
@aporia: lese- und schreibfähigkeiten lernt man nicht im internet. auch die illiteracy wird im web nicht abgebaut. zumal sich die studie ganz eindeutig auf studenten bezieht. die wenigsten von denen können NICHT lesen und schreiben.
Ich würde behaupten, es gibt sehr, sehr viele junge Menschen, denen Bücherlesen zu »anstrengend« ist, die sich aber viel online herumtreiben und dabei sicherlich mehr schreiben, als wenn sie sich im JuZe die Birne wegsaufen.
Zweitens ging es in den letzten Jahren sehr wohl immer wieder darum, dass Studenten eklatante Lesefaulheit und Rechtschreibschwächen aufwiesen. Hamburger Abitur etc. ;-)
(wieso wird mein vorhergehendes posting eigentlich nicht beachtet? ich geh jetzt schmollen)
ich halte das für reichlich euphemistisch.
28.08.2009 - 20:56 Uhr
ruebezahl
ruebezahl sagte:
der text sagt: die leute (studenten) schreiben im internet wie die wilden. und leitet daraus eine allgemeine revolution des kommunikativen ab.
ich halte das für reichlich euphemistisch.
wenn, dann eine allgemeine revolution der schriftlichen kommunikation. und das finde ich durchaus nachvollziehbar.
abgesehen davon: spätestens seit der kanonisierten bibel ist das geschriebene wort in europa sowieso bedeutender als das gesprochene. insofern ist die untersuchung - prosaisch."
28.08.2009 - 21:02 Uhr
ruebezahl
warum ich da so gegen bin: weils diesen revolutionär-mythologischen literatur-scheiß einfach nicht braucht um zu sagen: dir schriftliche kommunikation ändert sich. statt dessen wird ein kulturgedöns draus gemacht, von revolutionen und antiker tragweite geschwafelt. jebem ti sunce.
ruebezahl sagte:
der text spricht aber nicht von kommunikation, sondern von schriftlichkeit insgesamt.
du hast doch mit der "revolution des kommunikativen" angefangen.
Ich habe aus den wenigen Ansätzen, die von der Studie genannt werden, auch nur das folgern können, was ruebezahl so trefflich umkreist. Dass die Veränderung der Kommunikationsmöglichkeiten nicht zur Verschlechterung der Kommunikation beitragen, ist in der Geschichte oft bewiesen. Aber die ursächliche Fortsetzung dessen, was wir unter "Primärliteratur" in den Bibliotheken stehen haben, würde ich darin nicht sehen. In vielen dieser Bücher ist Lebensessenz zu einem Satz zusammengepresst, es wurde gefeilt und gewerkelt, dass auch das letzte Wort noch in die Folge passt. In Blogs muss man oft froh sein, dass über den Satzbau wenigstens einmal nachgedacht wurde.
Betrachtung eines kürzeren kulturellen Zeitraums der Schriftlichkeit: Zeitungen und Magazine. Es gibt von ihnen mehr als je zuvor, doch die Masse hebt sich nach wie vor nicht durch herausragende Qualität hervor. Ja, ich würde sogar soweit gehen, zu sagen, dass Blogs und Internetdarstellung eher die Onlinisierung in eine Ich-Magazinwelt ist. Statt von Glanz und Glamour handelt (oh wie ich solch gewachsene Wörter liebe) ein Blog oder das eigene Portal vom eigenen Leben, von einem Thema. Ist bei mir und meiner jetzt-Page ja nicht anders. Eine Sammlung, ein Band bunter Kuriositäten und des ganz normalen Wahnsinns.
ruebezahl sagte:
warum ich da so gegen bin: weils diesen revolutionär-mythologischen literatur-scheiß einfach nicht braucht um zu sagen: dir schriftliche kommunikation ändert sich. statt dessen wird ein kulturgedöns draus gemacht, von revolutionen und antiker tragweite geschwafelt. jebem ti sunce.
da hast du sicher recht.
worauf ich mich in meinem ersten kommentar bezog war ja lediglich deine aussage über die literarische hoch-kultur, wenn ich mich recht erinnere.
28.08.2009 - 21:11 Uhr
ruebezahl
ruebezahl sagte:
@aporia: nehmen wir steinfeld als maßstab, hat sich die lese-schreib-kultur doch eher mäßig revolutioniert... ;-)
Das ist allerdings wahr, hehe...
MorbusBahlsen sagte:
Aber die ursächliche Fortsetzung dessen, was wir unter "Primärliteratur" in den Bibliotheken stehen haben, würde ich darin nicht sehen. In vielen dieser Bücher ist Lebensessenz zu einem Satz zusammengepresst, es wurde gefeilt und gewerkelt, dass auch das letzte Wort noch in die Folge passt. In Blogs muss man oft froh sein, dass über den Satzbau wenigstens einmal nachgedacht wurde.
das ist das, was ich meine: meiner meinung nach geht es in dem text nicht um eine fortsetzung von "primärliteratur", sondern lediglich um die zunahme von schriftlicher kommunikation. und darum, daß diese auch nicht ohne ästhetische mittel auskommt, sie aber deshalb noch lange nicht den anspruch erhebt, besonders literarisch wertvoll zu sein.
kommunikation ist immer versäumnis. twitter wird nur wahrgenommen als schlagzeile für weltbewegende ereignisse. was sollte darüber hinaus wahrzunehmen und zu versäumen sein? steinfeld will kunst. antike tragweite. keine kommunikation.
Abgesehen davon, dass die Kürzelsprache, wie Andrea Lunsford beobachtet hat, auf gewisse Textsorten begrenzt ist und in andere nicht eindringt, ist sie auch nicht der Maßstab für Texte im Internet schlechthin. Denn ein großer Teil dieser Texte trägt werblichen Charakter.
Das ist also die Schriftlichkeit des Internets, die
bedeutet, dass die Texte nach rhetorischen, wenn nicht sogar ästhetischen Kriterien gestaltet werden
Das ist also die lange Begrüdung für diesen Satz?
Die Ergebnisse der "Stanford Study of Writing" der "Stanford Study of Writing" widersprechen allen kulturkritischen Befunden.
Der als Antwort auf die vorhergehende Auflistung eben dieser zu verstehen ist:
Den kulturkritischen Befund gibt es in zahlreichen Varianten, [...]
(das [...] spar ich mir zu zitieren, um nicht den Rahmen des Kommentars zu sprengen)
wer hat recht?
Nein ehrlich, ich sage ja selbst, dass die Schriftlichkeit kein Kommunikationsnachteil wird. Aber den Widerspruch im Artikel wollte ich eben auch nicht unkommentiert oder nur bei ruebezahl bedaumt stehen lassen.
was soll denn werden, wenn einer von uns mal wirklich sauer wird?
wegen missratener journaille macht man sich doch nicht kaputt.
HA!
nun ja, das würden alle hier gern glauben. Tatsache ist aber, dass zwar immer mehr geschrieben wird, jedoch nicht mehr gelesen. Es wird für den Leser sogar immer schwieriger, in der Flut an digitalen Inhalten irgendetwas Substantielles oder auch nur Interessantes zu finden.
"Es findet hier also durchaus eine Literarisierung statt, ohne dass es dafür außerhalb des Internets eine öffentliche Wahrnehmung gäbe. Das wird ein Versäumnis sein."
Ich nehme an, mit dem Begriff "Literarisierung" soll die Wortflut im Internet geadelt werden. Masse war aber noch nie ein Kriterium für Qualität. Vielleicht ist aber nur gemeint, dass die sprachliche Inflation im Web es schwieriger macht, gute Sprachkunst zu finden. Das ist, wie gesagt, sicher richtig.
Im übrigen: Qualität allein hat noch nie gereicht, um aus Kunst eine gefragte oder bezahlte Kunst zu machen. Das ist in der Blogosphäre auch nicht anders. Wer da bekannt ist, weiß um die Mechanismen.
28.08.2009 - 21:49 Uhr
_pulque_
28.08.2009 - 21:50 Uhr
_pulque_
_pulque_ sagte:
zudem vermisse ich in dem artikel einen link auf die stanford studie, das ist inzwischen einfach standard, vor allem wenn man einen so hingeschluderten text auf einer verlagsseite veröffentlicht
Ein Link - im Internet - wo kämen wir denn da hin, das ist doch viel zu kompliziert.
Jetzt.de schafft es ja noch nicht einmal den Link zum Originalartikel in der großen Schwester SZ anzugeben ("Dieser Text stammt aus der Süddeutschen Zeitung.")
"Unter dem Druck, wahrgenommen werden zu müssen, haben junge Leute - und auch viele ältere - längst angefangen, sich selbst wie ein Unternehmen, als eine Art Privatsender ihrer selbst zu behandeln. Es findet hier also durchaus eine Literarisierung statt [...]"
nach steinfelds betrachtungen trägt das internet vorrangig zur voranschreitenden vermarktung des egos bei, scheint gerade ein wesentlicher sinn des ganzen zu sein: im web bin ich mein eigenes unternehmen, trage mich zu markte etc - interessant wird dies erst durch die verquere volte, dem kapitalistischen habitus qualität, nämlich "literarisierung" zu attestieren.
wenn dem so wäre, dann wäre erstens das web ein becken um aufmerksamkeit buhlender schreiberlinge gleich monaden und social-network eine chimäre. und zweitens erwüchse aus solcherart ego-zentriertem konkurrenzverhalten wertvolles, was eine neoliberale pointe ist: der markt regelt den kram ganz prima.
glücklicherweise aber ist die internet-lebendigkeit, auch die der schriftlichkeit, nicht mit marktliberalen kategorien beschreibbar: welchen ego-marktwert haben die schriftlichkeit von chat und twitter? oder gb-einträge und kommentare in diesen foren?










1
28.08.2009 - 19:16 Uhr
MasterFowl
Aber twittern...naja