24.08.2009 - 18:30 Uhr

3 18 Über Twitter weiterempfehlen

Isargrillen: Wo München glüht

Text: max-scharnigg - Fotos: Juri Gottschall

Südlich der Brudermühlbrücke sammelt man sich im Sommer um Kohle und eingelegtes Fleisch. Eine Hommage an die Griller dieser Stadt

Im Gegensatz zum Isarflimmern und zur Isarlust ist das Isargrillen kein Münchner Gefühl sondern eine Münchner Tätlichkeit. Es ist somit auch für Zugereiste erlebbar und sie waren es, die das Isargrillen überhaupt erst en vogue gemacht haben. Alte Münchner nämlich wären nie auf die Idee gekommen, mit der Isar etwas anderes zu veranstalten, als gelegentlich drüber zu fahren oder anlässlich eines Starkbier-Rausches in ihr zu ertrinken. Nein, es waren die Kölner, Hamburger und Istanbuler, die die Isarauen als Grillgrund entdeckten – dank ihres Heimwehs nach Städten, in denen der Fluss nicht zum Fischtransporter degradiert wurde. Diese Neu-Münchner lagerten irgendwann mit ihren Steaks in so großer Zahl neben den alteingesessenen Nackerten an den Kiesbänken der Isar, dass sich die Stadtverwaltung gezwungen sah, das wilde Grillen mit einer sehr grantigen Grillzonen-Regelung zu zähmen. Diese wiederum hatte zur Folge, dass auch die Ur-Münchner ihr Interesse am Isargrillen geweckt sahen und sich fortan mit den anderen in den amtlichen Grillabschnitten drängten. Denn sobald etwas limitiert und damit exklusiv wird, möchten die Münchner auch dabei sein, das ist das alte Türsteher-Gen.
Was man also heute erlebt, wenn man an sonnigen Samstagen zwischen Mai und September zum Beispiel die Thalkirchner Brücke überquert, dürfte einem Waldbrand-Erlebnis ziemlich nahe kommen. Mit der Ausnahme freilich, dass ein durchschnittlicher Waldbrand nicht nach Käsekrainer riecht. Dieser Einzug des Isargrillens in das Münchner Brauchtum hat den hiesigen Freizeitkalender um eine quälende Verpflichtung bereichert. Im selben Maße wie man im Winter auf dem Nymphenburger Kanal Schlittschuhfahren müsste, müsste man nun wenigstens einmal im Sommer an der Stadtisar grillen. Für beides kann man sich nicht gut im Voraus verabreden, denn sobald eine Verabredung steht, spielt das sonst gutmütige Wetter verrückt, schmilzt das Eis z’sam oder schickt Sturmregen über den Flaucher. Deswegen folgt das Isargrillen meistens einem spontanen Verlangen und zieht gerade daraus seinen besonderen Reiz: Wann kauft man sonst schon mit so gutem Gewissen auf die Schnelle Einweggrill und Einwegkartoffelsalat und zelebriert das Zeug später noch dazu in aller Öffentlichkeit? Denn Öffentlichkeit herrscht beim Isargrillen, das weiß jeder, der aus Versehen schon mal die Bierflaschen des Nachbarn aus dem Fluss gefischt hat. Man schaut einander beim Auspacken und Abfackeln zu. Das kennt der Münchner teilweise schon, schließlich bringt er auch im Biergarten sein Essen von Daheim mit. Und wie im Biergarten schaut’s auch an der Isar beim Nachbarn immer irgendwie besser aus, nur lässt sich das am Fluss leider nicht durch den Ankauf zweier Steckerlfische kompensieren. Das Bierkühlen im Fluss ist eigentlich sowieso das Schönste bei der ganzen Sache, auch wenn es nicht viel bringt. Der Fluss ist zwar nicht bacherlwarm, aber eben auch nicht bierkalt. Vielleicht könnte die Stadtverwaltung das bei der nächsten Isarsanierung berücksichtigen und spezielle, eiskalte Biergumpen einrichten. Das Zweitschönste ist es, mit dem lauwarmen Bier neben den züngelnden Flammen des Einweggrills zu stehen. Da kann die Profigrillgemeinschaft nebenan noch so viele Spanferkel am Spieß drehen – wer sein eigenes Feuer angemacht hat, ist sein eigener Feuerkönig. Alles, was danach kommt, leidet, wenn man ehrlich ist, ein wenig unter den Umständen. Das ungemütliche Hocken auf den Steinen, die seitlich vom Rost gerollten Würstl, der halbgare Halsgrat, die Scherben, Mücken und der Rauch, der sein Fähnlein nicht nach dem Wind, sondern nach den Augen der Umsitzenden hängt. Das alles ist eher die unvermeidliche Durststrecke, die es zu überwinden gilt, bzw. eben zu kauen und zu schlucken. Danach, wenn der Einwegmüll entsorgt ist, wenn die städtischen Grillwächter zweimal vorbei patroulliert und die Ketchupflaschen so im Rucksack verstaut sind, dass sie ein bleibendes Andenken lassen werden, dann wird es dunkel und ruhig. Die Grillnachbarn verschwinden in der Dämmerung, die Glutnester gluten und das andere Ufer wird zum originalen Herz der Finsternis – weil auch noch die Lemuren aus Hellabrunn in die Nacht kreischen. Da ist die gemütliche Stadt dann auf einmal sehr wild und schön, und die Autoscheinwerfer auf der Brücke ein annehmbarer Ersatz für die Sternschnuppen. Und noch später, wenn einfach kein Feuerholz mehr zu ertasten war und alle verfügbaren Pullover angezogen sind, dann steht man in nur zwei Minuten im hellen Licht der U-Bahnstation und hat diese typischen Abenteuer-Look: Augenringe, kalten Rauch im Haar, ein Brandloch und eine klamme Hose und es ist, als wäre man doch von recht weit her gekommen.


Neue Magazin-Texte:
Textoptionen
Mehr Texte von
max-scharnigg
Mehr Texte zum Label
jetztgedruckt
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
18 Kommentare

speichern
synthie_und_roma
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

4

24.08.2009 - 18:39 Uhr
synthie_und_roma

isargrillen nie gehört. also fleisch ja, aber wer legt sich schon einen donauzufluss auf den grill, da wird doch die kohle nur nass.

euer

rainer maria grillke synthie

JoergAuch
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

24.08.2009 - 18:42 Uhr
JoergAuch

@synthie: Berechtigter Einwand.
Da wird aus dem Grillfest schnell ein Grillflüssig.

synthie_und_roma
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

24.08.2009 - 18:42 Uhr
synthie_und_roma

JoergAuch sagte:
@synthie: Berechtigter Einwand.
Da wird aus dem Grillfest schnell ein Grillflüssig.


hahaha

Lola_must_dance
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

24.08.2009 - 19:06 Uhr
Lola_must_dance

Hahaha. Super. Auch wenn grillen an der Isar eine sicher schöne Zeitbeschäftigung ist, so sind doch diverse absurde Neologismen doch viel spannender.

hurra
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

24.08.2009 - 20:16 Uhr
hurra

oh - schade, dass die grillbilder nicht größer sind... (oder vielleicht besser so...

chocolatecat
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

24.08.2009 - 20:28 Uhr
chocolatecat

choc ♥ die isar.

JulianCarax
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

24.08.2009 - 21:38 Uhr
JulianCarax

die bilder von den zwei sympathischen mädels auf der linken hälfte wären schon in groß schöner gewesen

bernweich
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

4

24.08.2009 - 22:29 Uhr
bernweich

"Das ungemütliche Hocken auf den Steinen, die seitlich vom Rost gerollten Würstl, der halbgare Halsgrat, die Scherben, Mücken und der Rauch, der sein Fähnlein nicht nach dem Wind, sondern nach den Augen der Umsitzenden hängt."

auch das ist irgendwie schön und was besonderes, find ich. oder das spontane latschen durch einen isar-nebenarm ohne taschnelampe, wenn man schnell die u-bahn erwischen muss auf dem heimweg und ein umweg zu lange dauern würde.

besonders schön ist das augustiner am ufer.
es wirkt für mich so, als würden die braunen bierflaschen die früchte einer wasserpflanze der isar sein, die nur dort existiert. und wenn man glück hat, erwischt man auch eine ganze staude, dann sind die braunen früchte zu zwanzigst in einer blauen hülle pflückbar.

Dichterliebchen
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

24.08.2009 - 22:44 Uhr
Dichterliebchen

Zwengs der Biergumpe: Das Bier wird kälter, wenn man es nicht toujours in die Isar oder sonst ein Gewässer seines Vertrauens hängt, sondern in einen feuchten Lumpen wickelt und er Sonne aussetzt. Die Verdunstung verbraucht mehr Energie als irgendwas anderes und ist dann exotherm oder endotherm oder wie das heißt und kühlt besser.

Das ist wie nach Altötting fahren: Es hilft auch, wenn man nicht dran glaubt.

Eure Mutter Augustina

JoergAuch
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

25.08.2009 - 00:06 Uhr
JoergAuch

Dichterliebchen sagte:
Die Verdunstung verbraucht mehr Energie als irgendwas anderes und ist dann exotherm oder endotherm oder wie das heißt und kühlt besser.

Wenn's kühlen soll, sollte es endotherm sein.

Dichterliebchen
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

25.08.2009 - 02:32 Uhr
Dichterliebchen

JoergAuch sagte:
Wenn's kühlen soll, sollte es endotherm sein.

Das will ich mal so glauben; das verwechselt sich so leicht.

heiner70e
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

25.08.2009 - 07:51 Uhr
heiner70e

Noch besser Puplinger Au,FKK Grillfleisch.

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

25.08.2009 - 08:03 Uhr
heiner70e

heiner70e sagte:
Noch besser Puplinger Au,FKK Grillfleisch.


ich korrigiere - Pupplinger

coolfire
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

25.08.2009 - 09:43 Uhr
coolfire

Ich bin ein echter Isarfan. Liegen, schwimmen, booteln, grillen wann immer es geht. Allerdings mag ich die üblichen Plätze nicht so gerne und breite mich lieber in Richtung Grünwald und Baierbrunner Wehr aus.

arniee
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

25.08.2009 - 10:15 Uhr
arniee

Ende Juli bin ich mit dem Rad von Berlin über Magdeburg, Quedlinburg, Erfurt, Bamberg, Würzburg, Schwäbisch Gmünd, Ulm, Bad Tölz, Mittenwald, Imst, Timmelsjoch, Meran, Stilfser Joch, Ofenpass, Livigno, Tirano, Sondrio an die relativ unbekannte Bernina-Südseite gefahren, um das Ding mit meinem Cousin zu besteigen. Leider hat uns eine be********* Westströmung mit Gewitterle und Sturm einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Das schönste war: Mein Cousin, der mit dem Auto kam, hatte einen Minigrill dabei, den wir auf 2000m anwarfen und in der lauen norditalienischen Bergnacht um 23Uhr noch lecker Steaks machten....oioioioi! Das war lecker kann ich Euch sagen!

Mellie78
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

25.08.2009 - 13:54 Uhr
Mellie78

arniee du Tier!

fliwatuet
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

25.08.2009 - 14:40 Uhr
fliwatuet

sehr schön geschrieben und erfasst!

drei: fein das

Mannheimer
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

25.08.2009 - 21:48 Uhr
Mannheimer

genau das, als ehemaliger nahe dem flaucher wohnender, fehlt mir hier. wir haben zwar auch zwei flüsse, aber die sind dreckig, verseucht und das grillen ist natürlich verboten. wir leben ja in baden-würtemberg, da geht´s ordentlich zu. es gibt auch keine nackerten. und oben ohne geht gar nicht.

oh weh, wie prüde sind die leute hier?


Speichern

Jetzt-Mitglied

max-scharnigg offline

max-scharnigg

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.

Das Problem ist der Konsens.