24.08.2009 - 18:30 Uhr

14 18 Über Twitter weiterempfehlen

Bernd, Koch

Text: peter-wagner - Foto: Jürgen Stein

Münchner Lebensgeschichten um's Eck: Für diese Kolumne besuchen wir die Freunde von Freunden.

„Den musst du unbedingt mal kennenlernen!“ So redet man über Menschen aus dem Freundeskreis, die man für das bewundert, was sie machen oder wer sie sind. In der Kolumne „Zu Gast bei Freunden“ lernt unser Autor genau diese Menschen in München kennen – die Person, die er vorstellt, sagt, wen er als nächstes kennenlernen soll. Vorangegangene Folgen stehen hier.
Bernd kriegt noch heute Gänsehaut. Seine Haare sind zu Rastas verdichtet, aus dem Kinn dringt ein Ziegenbart und um seine Haut auf den Armen und Beinen winden sich Tätowierungen. Maori-Muster, das Logo der „Einstürzenden Neubauten“ und, vielleicht am wichtigsten, zwei rote Blumenblüten auf dem rechten Unterarm, nah am Puls. Es ist leicht, Bernd Arold, 35, interessant zu finden. Im Gesellschaftsraum, Bernds Restaurant in der Augustenstraße, warten neben der offenen Eingangstüre 55 Stühle auf die Gäste des Abends. Ein Dienstagmittag, Sonnenstrahlen fallen durch ein großes Schaufenster und Matilda, Bernds sechsjährige Tochter, düst im grünen Sommerkleid umher. Florian, 26, und Benjamin, 23, drehen in der Küche „Hatebreed“ lauter, Hardcore aus den USA. Durch eine verglaste Durchreiche sieht man, wie sie mit ihren tätowierten Armen Töpfe heben und Soßiges aus einem großen Topf in einen anderen fließen lassen. Bernd dreht die Musik leiser, die beiden maulen, er mault zurück, sie lachen, dann stellt er sich hinter die Theke und sagt: „Alle Köche haben einen Knacks“. Anders seien Hitze und Hektik einer Küche nicht zu ertragen. Mit 16 beginnt Bernd seine Kochlehre im Restaurant Backöfele in Würzburg. Die Arbeit fängt um halb neun am Morgen an und endet um ein Uhr nachts. „Danach gehst du auf die Party und deine Kumpels sind schon betrunken“. Bernd lernt Effizienz. „Dann musst du schneller trinken, um auf den gleichen Level zu kommen.“ Er lernt, „mit viel Stolz viel zu arbeiten“ und versteht, dass das einzige Lob in der Küche der leergegessene Teller des Gastes ist. Er arbeitet, während andere ihre Freundschaften pflegen. Sein Freundeskreis besteht heute fast ausschließlich aus Köchen. Sein Beruf hat sein Leben aufgefressen. Bernd mag das. Er wird nach der Ausbildung empfohlen und darf zum Käfer nach München, in die Schweizer Stuben nach Wertheim-Bettingen und mit diesen Namen beginnt eine Reise durch das Walhalla der Köche: Bernd erzählt, wo er lernte, verwöhnte Menschen zu verwöhnen. In Meersburg zum Beispiel, wo Stefan Marquard die 3 Stuben hatte. Marquard hört Punkrock in der Küche und „scheißt auf alle Regeln“, die beiden entwickeln eine Freundschaft und neue Ideen. Sie gehören zu den „jungen Wilden“, weil sie Gemüse nicht wie in der französischen Küche in die immergleiche Form schneiden. Sie kochen gemeinsam im Münchner Lenbachhaus, danach wird Bernd Küchenchef im essneun. Dort serviert er Soßen in Einwegspritzen und entzündet auf den Tellern Mini-Feuer. Seine experimentelle Küche sollte alle Sinne der Gäste beschäftigen. „Wir haben sie manchmal überfordert“, sagt Bernd heute. Er hat jetzt sein eigenes Restaurant, in dem er täglich die „Geschmacksmitte“ zwischen Schnitzel und Molekularküche sucht. Er färbt Leberkäsebrät mit Sepiafarbe, versetzt es mit Ananas und heraus kommt Leberkäse, der aussieht wie ein Stück Kohle. Dazu Zander auf Rosmarin und Pfifferlinge mit Lakritzgeschmack, Geschmacksrezeptorenparty. Bernd war früher mal der Punk von Karlstadt bei Würzburg, gut 15.000 Einwohner. Er war dort oben im Spessart der kleine Arold, der mit neun zu den Sex Pistols wollte, der mit zwölf auf das erste Bizarre-Festival wollte und mit 13 endlich durfte. Seitdem hat er keines verpasst. Er trägt damals einen roten Irokesen auf dem Kopf und denkt Weltrettungsgedanken. Dann fragt seine Mutter, was er vom Kochen und vom Backöfele halten würde? Vielleicht ahnte sie, dass Punks eigentlich ganz gut in Restaurantküchen passen. Im Juli 2008 eröffnet Bernd den Gesellschaftsraum, sein erstes eigenes Restaurant, drei Gänge für 46 Euro, es kommen Studenten, die auf das Essen gespart haben, es kommen Kegelclubs und Anzugträger. Bernd empfängt viele, die wegen der Fernsehkochshows vom „Mampfen“ zum „Essen“ finden und verstanden haben, dass man mit einem tiefgefrorenen Rehgulasch für 3,50 Euro auch unangenehme Fragen kauft. Mindestens 5000 Abende hat er hinter den Kulissen verbracht. Hat er je an seinem Beruf gezweifelt? „Nein“, sagt Bernd und erinnert sich an die ersten zwei Stunden im Backöfele. Er fühlte sich plötzlich wie das fehlende Teil in einem Puzzlebild. „Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke“, sagt Bernd und sieht auf seine Arme, auf sein liebstes Tattoo. Die zwei roten Blumen. Die Vorlage stammt von dem Mädchen im grünen Kleid, sagt Bernd, und ist nicht nur stolzer Koch. Nächste Woche, sagt Bernd, „solltest du unbedingt die Anna kennenlernen.“ Abends bedient sie bei ihm, tagsüber studiert sie Literatur und Psychologie.


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
peter-wagner
Mehr Texte zum Label
GastbeiFreunden
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
18 Kommentare

speichern
majia
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

24.08.2009 - 18:36 Uhr
majia

Ich mag ja keine Experimente beim Essen, da bin ich konservativ. Ziehe aber trotzdem meinen Hut vor seiner Karriere!

DagnyTaggart
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

24.08.2009 - 18:45 Uhr
DagnyTaggart

Klingt interessant, ich schau da mal vorbei, denke ich.

plastikfinken
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

24.08.2009 - 18:48 Uhr
plastikfinken

wurde mal ins ess9 eingeladen . das hat ziemlich gut geschmeckt und war um längen besser, als sich die gerichte vom erzählt bekommen anhörten (tabak mousse...). aber das ganze selber zahlen, hm. da kauf ich mir lieber gute zutaten und koch selber.

octopussy
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

4

24.08.2009 - 18:53 Uhr
octopussy

Klingt sehr ansprechend. Auch wenn der Einstieg mit dem Satz "Es ist leicht, Bernd Arold, 35, interessant zu finden." etwas naja ist. Rastas mag ich nicht so und nur wegen Tattoos finde ich jmd noch nicht interessant.

Weitaus interessanter ist der Weg, den er gegangen ist. Und das Wort:

Geschmacksrezeptorenparty

voiceofregret
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

24.08.2009 - 19:23 Uhr
voiceofregret

oh, ein landsmann. :-) erstaunlich, dass solche leute oftmals koch werden.

anmerkung am rande: karlstadt hat über 15.000 einwohner.

peter-wagner
Zitieren

24.08.2009 - 19:30 Uhr
peter-wagner

danke, voice. da hat mir der bernd wahrscheinlich die zahl von vor der eingemeindung gesagt. ist geändert. grüße, peter

rune
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

24.08.2009 - 21:01 Uhr
rune

leberkäsbrät mit sepia und ananas und lakritzgeschmack. das finde ich ganz wunderlich, aber vielleicht sollte ich es mal testen, das lokal in der nachbarschaft.

jedenfalls ist die kolumne sehr herrlich.

joni
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

24.08.2009 - 23:41 Uhr
joni

hatebreed in der küche! da muss ich hin!

memao
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

25.08.2009 - 00:21 Uhr
memao

aber:
sehr hübsch, der kerl ;)

Mellie78
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

25.08.2009 - 08:18 Uhr
Mellie78

Hm. Der Artikel is gut, bis auf "Es ist leicht, Bernd Arold, 35, interessant zu finden." Den Satz fand ich nich so dolle, aber ansonsten - subba. Ob ich Leberkäs mit Ananas und Sepia mag... da muss ich glaub ich nochmal in mich gehen.

milagro
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

25.08.2009 - 11:39 Uhr
milagro

hm würd ich glatt mal hingehen wenn es nicht so weit weg wäre...

riesenherz
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

25.08.2009 - 12:35 Uhr
riesenherz

Ich finde das jetzt nicht so interessant, oder besser: schwer, das interessant zu finden.
Nennt mich altmodisch, aber Sauereien mit Lebensmitteln anzustellen, finde ich nicht wirklich gut.
Und, @Peter-Wagner: werden solche Angaben (wie die Einwohnerzahl) nicht immer überprüft? *völligerstauntguck*

peter-wagner
Zitieren

25.08.2009 - 12:49 Uhr
peter-wagner

Servus riesenherz, der "Spiegel" zum Beispiel hat eine sogenannte Dokumentation, dort werden alle Fakten vor Veröffentlichung geprüft. Bei den meisten Medien gibt es sowas aber nicht, weil das kosten- und zeitintensiv ist. Jeder Redakteur ist dafür verantwortlich, die Dinge korrekt zu recherchieren und aufzuschreiben. Laut Bernd und laut der Website von Karlstadt hat der Ort selbst knapp 7000 Einwohner, deswegen hätte ich die Zahl auch stehen lassen können. Weil aber offiziell noch ein paar Orte hinzugerechnet werden, sind es ganz amtlich gut 15.000 Einwohner. Die stehen nun auch im Text, damit sich niemand wundern muss. Beste Grüße von Peter.

voiceofregret
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

25.08.2009 - 12:54 Uhr
voiceofregret

sorry, soviel diskussion wollte ich mit den zahlen aus meiner erinnerung gar nicht entfachen!

keos
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

25.08.2009 - 15:09 Uhr
keos

hui, das ist mal wieder richtig gut. dass der einstiegssatz nicht grade weltbewegend ist, wurde schon gesagt, aber der rest ist klasse.
und: diese kolumne wird von mal zu mal besser. danke dafür!


(abgesehen davon finde ich es super, dass die autoren jetzt hier ab und zu kommentare kommentieren. =)

alcofribas
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

25.08.2009 - 15:39 Uhr
alcofribas

keos sagte:
super, dass die autoren jetzt hier ab und zu kommentare kommentieren. =)


jawoll. und ich mag die kolumne auch sehr.

riesenherz
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

25.08.2009 - 19:11 Uhr
riesenherz

Danke, Peter, für deine Auskunft. An solche Kleinigkeiten wie "die zweite Quelle" hatte ich gedacht. Grundsätzlich ist die Plausibilität von Angaben im Netz ja ein Problem, schon wegen der palimpsestartigen Struktur des Web.

Und als "old school" frage ich mich, wer bei einem Informationsmedium auf die Idee kommt, die wichtigste Instanz abzuschaffen.

Parvati
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

25.08.2009 - 22:01 Uhr
Parvati

aha, aus karlstadt kommen also gute köche! :) warum ist er dann nicht gleich in meiner heimatstadt geblieben? ;)


Speichern
Mehr lesen:

Jetzt-Mitglied

peter-wagner unbekannt

peter-wagner

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.


München