21.08.2009 - 18:30 Uhr

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"Er muss machen, was ich will"

Text: julia-finger

Kitty Kat will als erste Frau im Hip Hop den Durchbruch schaffen - und kämpft hart dafür

Augsburg 1994. Ein zwölfjähriges Mädchen namens Katharina Löwel sitzt vor dem Fernseher und sieht MTV: Es läuft „Let’s Talk About Sex“ von Salt-N-Pepa . Sie findet diese drei singenden Frauen irgendwie interessant, weil sie irgendwie anders sind und irgendwie auch gar nicht singen, sondern nur schnell sprechen. Das gefällt Katharina. Anfang der 90er Jahre gehört Rapmusik noch nicht zum Subkultur-Inventar jeder Großstadt und in der bayerischen Stadt Augsburg kommen Trends ohnehin erst später an. Katharina sieht also etwas Neues auf dem ebenfalls neuen, damals auch in Deutschland nur auf Englisch moderierten Fernsehsender. Von nun an trägt die Zwölfjährige die Hosen weit und tief, die Füße stecken in schneeweißen Turnschuhen mit drei schwarzen Streifen. Die rappenden Frauen aus dem Fernsehen werden ihre Vorbilder. Beim Englischunterricht ist sie mit Aufmerksamkeit dabei, schließlich will sie wissen, was die drei Rapperinnen in ihren Liedern erzählen. Schnell versteht sie, dass Salt-N-Pepa Themen ansprechen, die auch pubertierende Augsburgerinnen beschäftigen: Jungs, die Scheidung der Eltern, Streit mit Freundinnen, schlechte Schulnoten von fiesen Lehrern, sich durchboxen müssen – vor allem als Frau in einer von männlicher Macht geprägten Welt.
16 Jahre später, im Sommer 2009, sitzt Katharina in einem Konferenzraum im neunten Stock des Berliner Haupthauses der Universal Music Group. Durch eine Fensterfront erhellt die Sonne das Zimmer. „Stört es dich, wenn ich die Sonnenbrille aufsetze? Ist ein bisschen unpersönlich und posermäßig, oder? Aber das Licht blendet so“, fragt die 27-Jährige. Hochgewachsen ist sie, das weiß man bereits aus ihren Musikvideos, von ihren Auftritten bei The Dome oder von Fotos, aufgenommen bei Awardshows wie dem VIVA Comet. Da steht Katharina neben dem Rapper Sido, der fast so groß ist wie ein Basketballspieler. Trotzdem überragt sie ihn. Und das liegt nicht bloß an den hohen Schuhen. Heute trägt Katharina neonfarbene Nike-Sneakers, enge Jeans und ein schulterfreies Shirt. Sie wirkt nicht nur sportlich, sie ist es auch. Jeden Morgen führt der Weg ins Fitnessstudio. Beim Zurücklehnen ist der flache, gebräunte Bauch über dem Hosenbund frei. Die langen Haare sind zu einem Zopf gebunden, der volle Pony zur Seite gekämmt. An ihren Ohren baumeln große, goldfarbene Ohrringe, um den Hals eine Kette mit einem strassbesetzten Kreuz, an den Handgelenken klimpernde Armbänder. Und den Handrücken ziert ein Tattoo in Schreibschrift: Kitty, ihr Künstlername. Sie streicht sich mit ihren langen, roten Fingernägeln über die Tätowierung und erklärt: „Das habe ich mir stechen lassen, als der Deal mit Universal bestätigt wurde." „Ich hatte ein Problem mit Autoritäten" Bis dahin war es ein weiter Weg. Katharina wird 1982 in der Halbstadt Ost-Berlin geboren. Sie ist vier, als ihre Eltern mit zwei der drei Töchter in den Westen fliehen. Katharina ist die Jüngste. An die Flucht erinnert sie sich nur schemenhaft. Die Familie beginnt in Augsburg ein neues Leben. Wenige Jahre später lassen sich die Eltern scheiden. Die Mutter arbeitet viel, Katharina ist ein Schlüsselkind. Auf dem Gymnasium ist das Mädchen mit den dunklen Haaren eher durchschnittlich. „Ich hatte einfach ein Problem mit Autoritäten. Ich war schon immer jemand, der wollte, dass alle gerecht behandelt werden. Und Lehrer sind halt nicht immer gerecht.“ Die sechste Klasse muss sie wiederholen. Weil die Noten dennoch nicht besser werden, schickt ihre Mutter sie auf ein Internat in der Nähe von München. „Das war eine coole Zeit, die mich sehr geprägt hat. Auf dem Internat habe ich gelernt, tolerant zu sein. Du wirst da mit Mädchen in ein Zimmer gesteckt, die du gar nicht magst – trotzdem musst du mit ihnen klar kommen.“ Als sie nach zwei Schuljahren zurück nach Augsburg geht, haben sich ihre Zensuren verbessert. Sie kommt zurück aufs Gymnasium. „Meine Augsburger Freundinnen waren aber alle auf der Realschule. Auf dem Gymnasium kannte ich keinen“, erklärt Katharina. Ihre Noten werden wieder schlechter und sie landet auf einer Mädchen-Realschule. Mittlerweile ist sie 14 und die CDs von Salt-N-Pepa haben im Regal Gesellschaft von Lil’ Kim, Tupac und Jay-Z bekommen. Aus Katharina wird jetzt Kat. Ihre Freundinnen geben ihr diesen Spitznamen – wie das eben so ist, wenn man pubertiert und cool sein will. Kat beginnt, eigene Texte zu schreiben. „Plötzlich stand für mich fest: Ich will Musikerin werden. Was anderes konnte ich mir nicht vorstellen.“ Und: Sie will zurück in ihre Geburtsstadt Berlin. „In einem Dorf wie Augsburg die große Rapkarriere machen, das geht nicht“.
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julia-finger

ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.


Berlin