Mädchen, sind Stöckelschuhe eure Krawatten?
Text: fabian-fuchs
Immer zum Wochenende: Jungs fragen Mädchen fragen Jungs. Weil manches versteht man nicht bei denen.
Die Mädchenantwort:
Ich denke da gerade an eine Freundin, die eine gemeinsame Bekannte nach Jahren wieder traf, mir danach aufgeregt erzählte: „Krass, die hatte solche Absätze an!“ und zur Demonstration der unglaublichen Stöckelhöhe Daumen und Zeigefinger großzügig spreizte. Das eigentlich Besondere daran war: Besagte Bekannte war früher eine graue Maus und trug stets ausgetretene Turnschuhe. Durch ihre veränderte Schuhwahl hat sie nun ein komplett neues Image und zieht Aufmerksamkeit auf sich. Sie ist jetzt eine Art Dame, oder, wenn sie nicht aufpasst beim Styling, vielleicht auch eine „Tussi“.
Es ist nämlich so: Stöckelschuhe sind etwas sehr Weibliches. Ihr kennt doch sicher zahlreiche Fernsehwerbungen und Vorabendserien, in denen entzückende fünfjährige Mädchen sich mit den Klamotten aus Muttis Schrank verkleiden, dabei ihre winzigen Füße in Muttis riesige Schuhe mit Absatz stecken und damit durch die Wohnung schlurfen. Und das Fernsehen lügt nicht: Wir haben das wirklich gemacht, als wir noch klein waren, und uns dabei nicht etwa als Frau verkleidet, nein, sondern als Dame! Heute ist das wohl noch so ähnlich: Jedes Mädchen kauft sich irgendwann mal ein paar hohe Schuhe, übt wochenlang, darin zu gehen und zieht sie dann zu einer besonderen Gelegenheit (Abiball, Hochzeit der besten Freundin, lang geplanter Besuch in einem besonders teuren Club) an, um damenhaft zu sein. Wenn man sie zu einem Kleid trägt, haben sie auch den praktischen Effekt, dass sie schöne Beine machen. Probiert das mal aus – stellt euch mit nackten Beinen vor dem Spiegel auf die Zehenspitzen. Na, schon mal straffere Waden gesehen? Sicher nicht.
Wer Stöckelschuhe trägt, hat aber auch das Kombinationsproblem. Das bedeutet, man sollte sich auch ansonsten schick anziehen, sonst sieht es bescheuert aus. Oder billig. Die meisten von uns haben aber keine Lust, sich andauernd schick anzuziehen. Wir tragen gerne bequeme Kleidung und dazu gehören auch Schuhe, die unsere Füße nicht zwingen, eine unnatürliche Position einzunehmen. Und mal ehrlich, Frauen, die behaupten, ihre High Heels seien bequem, die lügen. Selbst die von uns, die im Schnitt zwei Mal die Woche auf hohen Schuhen das Haus verlassen, überlegen sich trotzdem jeden Morgen, was sie heute so vorhaben und ob da die flachen Alltagsschuhe (ja, die gibt es auch für uns!) nicht doch etwas angenehmer sind. Und das sind sie meistens. Darin kann man ja auch sehr gut aussehen und man kann lässig sein. Lässig sein, das geht mit Absätzen so gar nicht.
Die Mädchen aus der Glamour und die Frauen aus Sex and the City, die ihr immer nur auf Stöckeln herumstolzieren seht, die gibt es eigentlich gar nicht. Naja, vielleicht gibt es sie doch, aber die haben sich dann das Absatz-Tragen zur Lebensaufgabe gemacht und hetzen in ihren Pumps einem Frauenbild hinterher, das auf dem roten Teppich vor dem Kodak Theatre herumsteht. Die Mädchen, deren „Schuhtick“ sich über alle Sorten von Fußkleid erstreckt, sind aber in der Überzahl und die, die gar keinen haben, die bilden die stärkste Kraft.
Und um jetzt mal auf den Vergleich mit der Krawatte zu kommen: Stöckelschuhe sind vielleicht in der Hinsicht unsere Krawatten, dass wir welche haben, ohne sie besonders oft zu tragen, und dass sie für uns meist das Gegenteil von Tragekomfort bedeuten. Aber es gibt da gravierende Unterschiede: Zum einen ist es eine Herausforderung auf Absätzen zu gehen, eine Krawatte zu tragen ist dagegen natürlich ein Witz. Und zum anderen können High Heels sexy sein, Krawatten können das nicht. Aber da Stöckelschuhe wie die meisten Kleidungsstücke Geschmacksache sind, finden sich viele von uns in flachen Schuhen einfach schöner als in hohen. Und ihr uns ganz sicher auch.
nadja-schlueter