16.08.2009 - 18:30 Uhr

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Warum ich Pirat geworden bin

Text: christopher-lauer - Foto: AP

Nach ihrem überraschenden Erfolg bei den Europawahlen ist die Piratenpartei zu einer wichtigen neuen politischen Bewegung aufgestiegen. In diesem Text erklärt ein Pirat, warum er sich bei der jungen Partei engagiert.

Bevor ich ein Jahr in China studiert habe, hörte ich davon, dass es dort eine Internetsperre gibt um alles Mögliche abzublocken, was der normale Chinese nicht sehen darf. Vor Ort musste ich mich dann daran gewöhnen, dass manche Webseiten entweder gar nicht abrufbar waren, oder je nach Großwetterlage abgeblockt wurden, z.B. youtube, CNN und BBC während den Aufständen in Tibet im Jahr 2008. Schon vor China war ich politisch interessiert, das Jahr dort gab mir aber den endgültigen Anstoß, mich nach meiner Rückkehr in Deutschland politisch zu engagieren. Durch das Leben in einer Diktatur, einem Überwachungsstaat, wurde mir sehr nachdrücklich klar, dass die Demokratie, in der wir leben, nicht nur gelebt, sondern vor allem auch geschützt werden muss. Nach Deutschland zurückgekehrt liebäugelte ich mit verschiedenen Parteien, aber der Drang ein Treffen dieser zu besuchen oder direkt beizutreten, war eher gering bis gar nicht vorhanden. Seit Mitte Juli bin ich nun Pirat.
Unser Autor (rechts) bei der Eröffnung des Bundestagswahlkampfes der Piratenpartei am Freitag vor einer Woche, der laut Deutscher Presseagentur "standesgemäß" mit einer Kaperfahrt auf der Spree vor dem Reichstagsgebäude in Berlin stattfand. Es ist sogar möglich, dass ich im Zusammenhang legaler Downloads zum ersten Mal bei jetzt.de von den Piraten erfahren habe, damals hielt ich sie für eine Spaßpartei mit unausgegorenen Zielen. Wie viele andere, die in den letzten Monaten den Piraten beigetreten sind, mittlerweile zählen wir über 5000 und es werden täglich mehr, war wahrscheinlich das gute Abschneiden bei der Europawahl der ausschlaggebende Impuls, sich bei den Piraten zu engagieren. Doch Hauptgrund ist natürlich bei den meisten im Moment die Fassungslosigkeit gegenüber dem Zugangserschwernisgesetz, das von CDU und SPD beschlossen wurde und den Grundstein für eine Internetzensur in Deutschland legt. Eine Maßnahme, die auf dem Rücken von Missbrauchsopfern durch den Bundestag geprügelt wurde und von der jetzt schon feststeht, dass sie nicht nur gegen rechtsstaatliche Prinzipien verstößt, sondern auch gegen das was sie eingeführt wurde äußerst ineffektiv ist. Mittlerweile bin ich fest davon überzeugt, dass die Piraten die einzige Partei in Deutschland ist, die angemessene Ideen für die Herausforderungen der Internet- und Informationsgesellschaft hat. Ich sage Ideen, weil die Piraten nicht die Arroganz besitzen zu behaupten, sie hätten ein Allheilmittel für alle gesellschaftlichen Probleme, Piraten machen keine leeren Versprechungen. Vielmehr stehen momentan alle Parteimitglieder über das Internet im Diskurs um Ziele zu formulieren, die in kommenden Wahlen vertreten werden können. Dabei arbeitet ein Piratennaher Verein momentan an einem Projekt, das sich Liquid Democracy nennt und in Zukunft dafür sorgen soll, dass Entscheidungen innerhalb der Piraten auch mit vielen Mitgliedern basisdemokratisch getroffen werden können. Ein großer Traum ist es natürlich, dieses System in wahrscheinlich ferner Zukunft so weit zu bringen, dass sich alle Menschen aktiv an politischen Entscheidungen beteiligen können. Die Piraten stehen somit auch für einen neuen Politikstil. Mir gefällt die Art und Weise sehr gut, wie bei den Piraten miteinander umgegangen wird. Es dominieren die Sachthemen und Personen mit Profilneurose werden schnell in ihre Schranken verwiesen. Es geht um die Idee und nicht um die Person. Den Parteienproporz, der sich über die Jahrzehnte bei den Etablierten verfestigt hat, lehnen die Piraten ab. Das Crewkonzept, das auch im Landesverband Berlin umgesetzt wird, ermöglicht es sehr schnell, kleine Gruppen von Piraten regional zu gründen. Wird die Gruppe größer als neun Piraten, teilt man sich einfach und deckt somit ein größeres Gebiet ab. Im letzten Monat haben sich ca. 15 Crews in Berlin gegründet oder befinden sich noch in der Gründung. Gleichzeitig sind die Crews in ihrer Planung autonom und können selbst entscheiden, welche Aktionen sie planen. Wichtiges Werkzeug hierbei ist unser Piratenwiki, da uns Transparenz sehr wichtig ist. Über das Wiki erfahren nicht nur Piraten was grade bei anderen Piraten passiert, auch Interessierte können sich Protokolle von Sitzungen anschauen oder darüber informieren, wie wir Aktionen durchführen. Diese Transparenz, gepaart mit der Forderung nach Eigeninitiative führt dazu, dass viele Leute Aktionen bei einem Minimum von Aufwand stemmen. Die Hierarchie bei den Piraten ist sehr flach. Es gibt zwar Parteiämter, diese bedeuten aber im Zweifelsfall einfach mehr Arbeit und Pflichten, jedoch keine Privilegien. Das ermöglicht einen schnellen Einstieg für Neupiraten. Da die Hürde direkt einzusteigen bewusst niedrig liegt. Und wer sich nicht sicher ist, ob das auf Internet und Bürgerrechte beschränkte Wahlprogramm das richtige für ihn ist: Momentan arbeitet der Berliner Landesverband an einem Werteflyer, der interessierten Bürgern vermitteln soll, wofür die Piraten neben ihrem Kampf für die Bürgerrechte stehen. Für mich ist es keine Frage, ob die Piraten in den Bundestag oder die Landtage kommen, sondern eine Frage des Wanns. Der Autor ist im jetzt-Kosmos aktiv als CommodoreSchmidtlepp


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air_kaviar
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Mag ich Mag ich nicht

7

16.08.2009 - 18:38 Uhr
air_kaviar

krass, ich hatte den commodore immer für einen nihilisten gehalten. schön, dass er auch mit an bord ist.

jakeaeu
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Mag ich Mag ich nicht

3

16.08.2009 - 18:50 Uhr
jakeaeu

irgendwie hab ich das gefühl als ob diese partei es schafft die jugend zumindest ein stück weit zu politisieren

BigUpGeorge
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Mag ich Mag ich nicht

1

16.08.2009 - 20:48 Uhr
BigUpGeorge

Was denn, erst zwei Kommentare? Alle Piraten wählen bidde!!

jastice
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Mag ich Mag ich nicht

7

16.08.2009 - 21:10 Uhr
jastice

Bin doch schon Mitglied und habe dem nicht viel hinzuzufügen,. Außer vielleicht ein beherztes YARRR!

MorbusBahlsen
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Mag ich Mag ich nicht

2

16.08.2009 - 21:28 Uhr
MorbusBahlsen

Hmm, ich werde das Gefühl nicht los, dass die Piraten für Aktionismus stehen. Werteflyer - eine Aktion, für Werte einzustehen? Nuja, ich gebe zu, aller Anfang ist schwer, und gegen die großen anzukommen ist ziemlich schwierig, da braucht es schon gute Aktionen.

Was mir wichtig wäre als Wähler: Das Programm ist ja, wie schön erklärt wurde, ziemlich eingeschränkt. Eine gewählte Partei hat aber nicht nur in ihren Punkten mitzureden, wenn sie entscheiden darf, sondern alle Punkte der Tagesordnung. Hier wäre dringend notwendig, klar und deutlich zu kommunzieren, wo die Piraten stehen, ob sie sich einfach mit anderen zusammentun, und auf deren Kompetenz vertrauen oder nicht.

Dies ist auch der Grund, warum sie damit werben können, nur mit Inhalten Wahlkampf machen zu wollen. Wo die Inhalte für den gemeinen Wähler zu kompliziert werden, wenns zum Beispiel um Atomkraftausstieg oder ähnliches geht, dann wird eben der personelle Besetzung der Ämter (oder hier genannt: Parteienproporz) wichtig. Und ja, ich hab lieber jemand dran, den ich mag, als jemand den ich nicht mag, denn ich mag ja Leute, denen ich entsprechende Kompetenz zutraue. Nicht zuletzt wäre noch anzumerken, dass ein Barack Obama ohne Personenkult womöglich gar nicht Präsident in seinem Land geworden wäre, es ist also meines Erachtens nach nicht ganz richtig, ein der represäntativen (sic!) Demokratie inhärentes Prinzip absolut zu negieren.

air_kaviar
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Mag ich Mag ich nicht

9

16.08.2009 - 22:16 Uhr
air_kaviar

@bahlsen:
es gibt bei den piraten die diskussion, auch auf anderen themenfelder positon zu beziehen. aber das wird noch abgelehnt. vor der bundestagswahl gäbe das eh nur unausgegorene schnellschüsse.

mit der zeit werden sich auch zu anderen themen positionen ergeben. das ergibt sich aus der struktur, nach der die basis die themen und positionen vorgibt. beispiel finanzkrise: viele wollen "etwas" machen, aber es wird dauern, bis sich sachkundige leute in der partei finden, die dazu etwas erarbeiten. und das muss dann auch noch von der mehrheit getragen werden.

ich denke, das wird ähnlich wie bei den grünen laufen: rund um das kernthema werden immer neue gebiete beackert, bis man irgendwann keine themenpartei mehr ist.

HorstWIR
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Mag ich Mag ich nicht

-13

16.08.2009 - 22:22 Uhr
HorstWIR

Willkommen im Club,

und wieder eine neue Partei. Davon hatten wir eigentlich schon genug. Dennoch, der Grundansatz scheint mir vernünftig, auch im IT-Bereich endlich etwas tun zu müssen, weil die etablierten Parteien das nicht hinkriegen, oder auch nicht wollen oder können.

Allerdings nützt das nach unserer Erkenntnis leider nur sehr wenig, weil politische Arbeit im Volk einen verbrannten Ruf hat. Das hat uns dazu bewogen in sogenannten Fachkommisionen Schwerpunktthemen zu erarbeiten und diese über das Internet abstimmen zu lassen. Auch wird an ein Institut oder eine Stiftung gedacht. Allerdings haben wir uns erst in diesem Jahr aus einer Reihe von Kleinstparteienund Netzwerken gegründet. Darin liegt auch der Grund, daß wir bei der jetzigen Bundestagswahl nocht nicht teilnehmen können. Wir könnten uns gut vorstellen, daß Ihr den Bereich Internet und IT ausfüllen könnt.

Und nun noch zu uns. Wir gehören zur WIR-Partei. WIR steht für Wahrheit Information und Rechtschaffenheit. WIR sind politisch interessierte Bürger und wollen eine basisdemokratische Veränderung für den einzelnen Bürger. Der Weg zu einer Partei lies sich auch für uns nicht umgehen. Derzeit kann man nur über eine politisch zugelassene Partei Einfluß auf Veränderungen im Land nehmen.
Ich würde mich über Kontakte und Anregungen freuen und wünsche Euch gutes gelingen.

www.wir-partei.de

Horst Tassler

Stv. Parteivorstand

synecstasy
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Mag ich Mag ich nicht

0

16.08.2009 - 23:42 Uhr
synecstasy

Ich bin schon sehr gespannt auf den Ausgang der Wahlen für die Piraten, bin selbst aber immer noch ein bißchen reserviert. Wahrscheinlich liegt das, wie hier schon beschrieben wurde, an der fokusierten Positionierung der Partei. Bis zur Wahl ist ja noch Zeit und ich lasse mich gern überzeugen! Ach und was ist eigentlich damit: http://www.synecstasy.com/2009/08/14/ent...

101
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Mag ich Mag ich nicht

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17.08.2009 - 00:08 Uhr
101

#PP+

Purcell
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Mag ich Mag ich nicht

0

17.08.2009 - 00:38 Uhr
Purcell

Ich bitte um Aufklärung, reine Infofrage:
Soll laut Piraten jede Botschaft, mit der man im Realleben die Wände nicht plakatieren dürfte (Photos des Mißbrauchs von Kindern, rassistische Propaganda, Bombenbaupläne o.ä.) im Internet zugänglich sein dürfen? Steht die Piratenpartei wirklich für einen absolut zensurfreien, nicht reglementierten (de facto also rechtsfreien) Raum, oder machen die noch Abstriche (greifen z.B. bei persönlicher Diffamierung im Internet dann doch die diesbezüglichen Gesetze, wie sie für Printmedien gelten)? Ich habe im Parteiprogramm keine richtig konkrete Stelle dazu gefunden ...

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