13.08.2009 - 11:59 Uhr

4 110 Über Twitter weiterempfehlen

Hilfe, die Welt will was von uns

Text: meredith-haaf

Sie sind ängstlich, lieb und unfähig, Verantwortung zu übernehmen - was ist bloß mit der Generation der 25-Jährigen los? Acht Thesen einer Betroffenen.

1. Meine Generation ist geschwätzig Vor einiger Zeit warb ein Mobilfunkanbieter mit dem Slogan »Quatsch dich leer«. Der Werbefilm zeigte Früh- bis Spätzwanziger, deren Körper im Laufe endloser Telefonate so lange an Volumen verloren, bis sie am Ende nur mehr als platte Hüllen auf dem Boden lagen, mit übergro-ßen, unbeirrt schwatzenden Köpfen. Selten habe ich in den Medien ein so zutreffendes Bild meiner Generation gesehen. Denn wenn es eins gibt, das sie quer über alle Grenzen von Wohlstand, Bildung oder Ethnie hinweg eint, dann das hemmungslose Mitteilungsbedürfnis. Wir posten Weblinks bei Twitter, laden Fotos bei Flickr hoch, aktualisieren unsere Statusmeldungen bei Facebook und scheuen dabei keine Banalität. Eine meldet, dass sie mit ihrem Boyfriend chillt, die andere brät sich ein Steak – »Mmm, lecker« –, der Nächste kratzt sich am Kopf. Die Grunger und Raver vor uns waren süchtig nach Party, Drogen und merkwürdiger Synthetikkleidung. Wir sind vor allem süchtig danach, etwas zu sagen. Egal, was.
2. Wir sind nicht fähig, Kritik zu üben Um noch kurz online zu bleiben – das Geschäftsmodell von Facebook und Twitter lebt davon, Nutzer möglichst häufig auf ihre Seiten zu ziehen und dort möglichst aktiv zu halten. Interaktion findet aber vor allem in Form von Lob statt. Jeder für gelungen befundene Inhalt wird mit Kommentaren, Followern oder dem »I like«-Daumen belohnt. Erscheint etwas hingegen unangemessen oder langweilig – keine Reaktion. Diese Tendenz zur Affirmation fällt mir auch an der Universität auf. In München habe ich die Vorlesung eines Professors für Wirtschaftsethik gehört, dessen Haupterrungenschaft es ist, die neoliberale Wirtschaftsordnung als Apriori einer neuen Ethik eingeführt zu haben. Im Zuge seiner Ausführungen verteidigte er Kinderarbeit als historisch notwendigen Schritt zur Industrialisierung ärmerer Regionen. Aus den Reihen der Studenten kam kein Wort des Widerspruchs, außer: »Oh Mann, so kommen wir mit dem Stoff ja nie bis Semesterende durch!« 3. Wir wissen, was auf uns zukommt – und haben: Angst Klar, keine Generation vor uns ist so sicher, wohlhabend und mobil aufgewachsen. Doch wer Ende zwanzig ist oder jünger, dessen Zukunftsmusik wurde ihm als Dreiklang aus Arbeitslosigkeit, Klimawandel und Energiekrise vorgespielt. Dass Konkurrenzfähigkeit wichtiger ist als Solidarität, ist inzwischen die Kernbotschaft unseres Bildungssystems. Wir erben eine Welt, deren Natur sich unaufhaltsam verändert – und nicht zum Besseren – und deren Wirtschaftsordnung immer mehr Menschen ausschließt. Dem entgegenzusetzen haben wir aber nur Fleiß, Konsum, Kommunikation und als Hauptantrieb die Angst. Nicht vor Überwachung und auch nicht ernsthaft vor Terrorismus, sondern davor, keinen Platz in dieser Welt zu finden. Und Angst ist alles Mögliche, nur nicht produktiv. 4. Meine Generation hat keine Subkultur Die Generationen vor uns haben stets zu einer Form des Ausdrucks gefunden, mit der sie ihr Missfallen an Werten, Lifestyle oder am Kulturbegriff ihrer Vorgängergenerationen und der Massenkultur anzeigten. Hippies gegen Materialismus, Popper gegen Spiritualismus, Punks gegen Hygienismus. Meine Generation macht einfach alles irgendwie ein bisschen. Die zwei Alternativen zum Mainstream heißen Emos und Hipster. Die einen sind eskapistische Heulsusen, die anderen definieren sich über ein ganz bestimmtes Lifestyleprogramm, das sich aus diversen Posen (ein altes Rennrad fahren), Konsum (MacBooks, enge Hosen, Hornbrillen) und ironischen Anspielungen (billiges Bier, Pornoästhetik) zusammensetzt. Hipsterkultur grenzt sich gegen nichts ab außer gegen den Hipster von gestern. Sie bringt wenig hervor außer einer Ansammlung von Konsumvorgaben. Auf der nächsten Seite: Die 25-Jährigen fürchten die Konfrontation, sind sich für nichts zu schade und lieben ihr gestörtes Körperbild.


Neue Magazin-Texte:
Textoptionen
Mehr Texte von
meredith-haaf
Mehr Texte zum Label
SZ-Magazin
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
110 Kommentare

speichern

Alle Kommentare anzeigen

Laudi
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

13.08.2009 - 12:13 Uhr
Laudi

ob sonne oder regen, ich bin dagegen!

ichbinindertelefonzellemensch
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

13.08.2009 - 12:20 Uhr
ichbinindertelefonzel…

jetzt.de sagte:
Und Angst ist alles Mögliche, nur nicht produktiv.
!


das halte ich fuer bloedsinn.

gamine
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

13.08.2009 - 12:27 Uhr
gamine

so ein schwachsinn.

einfach nur labern?

kommunikation ist das zentrale element im menschlichen leben. kommunikation und sprache ist das, was den menschen vom tier unterscheidet. kommunikation ist das, was menschen schon immer am liebsten getan haben.

so. wollt ich nur mal gesagt haben.

ansonsten ist das eine aneinanderreihung von klischees.

schuechternes_Weissbrot
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

13.08.2009 - 12:29 Uhr
schuechternes_Weissbrot

Doch, im engen Sinne des Wortes schon. Angst "führt" nicht "zu" (ducit pro) etwas, sondern von etwas weg. \klugscheißmodus aus
Außerdem finde ich ihre Beobachtungsgabe bewundernswert und stimme ihr zu. (Ist das jetzt Punkt 2?)

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

13.08.2009 - 12:30 Uhr
schuechternes_Weissbrot

ich bezog mich auf "binindertelefonzelle". Und doch, ich finde diesen Kommunikationsüberschuss, den manche Menschen betreiben, ebenfalls sehr lästig, denn wer will schon wissen, ob User Manfred123 jetzt sein Steak schmeckt, oder nicht.

HannesB
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

2

13.08.2009 - 12:34 Uhr
HannesB

ad 1.: Quatsch.
ad 2.: Quatsch.
ad 3.: Quatsch.
ad 4.: Quatsch.

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

9

13.08.2009 - 12:37 Uhr
HannesB

und ich verbitte mir dieses anbiedernd vereinnahmende "wir".

schuechternes_Weissbrot
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

2

13.08.2009 - 12:39 Uhr
schuechternes_Weissbrot

Hm ich hoffe dass ich hier jetzt nicht zuviel rumspamme, aber ich denke, dass die Autorin auch sagen möchte, dass sich die Art der Kommunikation geändert hat. Wenn man Briefe schreibt oder sich aug in Aug begegnet (wie das früher der Fall war), beschränkt man seine Kommunikation auf wesentliche, auf interessante und unterhaltsame Dinge. Man disputiert vielleicht über Politik oder ratscht ein bißchen mit dem Nachbarn über Kochrezepte. Wenn aber Facebook, Twitter und Co. unendlich viel Platz für grenzdebiles Gedöns lassen, beglücken uns manche Leute frequentiert mit Mentaldünnschiss wie "ziehe mir jetzt meine Schuhe an". Ich verweise auf: http://www.thedoghousediaries.com/?p=591

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

3

13.08.2009 - 12:41 Uhr
schuechternes_Weissbrot

Eine These mit "Quatsch" abzukanzeln, ist nicht gerade ein Zeichen für Diskussionsfähigkeit. Ich persönlich konnte alle 4 (eigentlich 8, lies mal die Quelle weiter) Symptome schon bei mir und anderen Menschen feststellen.

Cate81
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

2

13.08.2009 - 12:51 Uhr
Cate81

Stichwort Kommunikation heutzutage, auch wenn's nicht zu 100 Prozent zum Thema passt:

Was mich tierisch nervt, sind diese immergleichen Sätze von Leuten, die in öffentlichen Verkehrsmitteln auf dem Handy angerufen werden: "Du, ich sitz grad im Zug / Bus....blablabla......hallo?....bist du noch da?.....Ja, die Verbindung ist echt...hallo?....Hallooo?"

Weiter Seite 1 2 3 ... 11

Alle Kommentare anzeigen


Speichern
Mehr lesen:

Süddeutsche Zeitung

Dieser Text stammt aus der Süddeutschen Zeitung. Teste Deutschlands große Tageszeitung jetzt zwei Wochen kostenlos und unverbindlich: hier klicken!