11.08.2009 - 18:30 Uhr

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Der Song zur Tat. Danny Fresh über sein Engagement in Winnenden

Text: daniel-schieferdecker

Der Amoklauf von Winnenden liegt bereits einige Monate zurück, und die Suche nach Auslösern für den schrecklichen Massenmord hat weite Kreise gezogen. Kaas und sein Song „Amokzahltag“ wurden schnell an den medialen Pranger gestellt und haben deutschen Rap einmal mehr zum Inbegriff des Bösen gemacht. Auch der Mannheimer Rapper Danny Fresh hat noch am Tag der Bluttat ein Stück zu den Vorfällen geschrieben – berichtet wurde darüber jedoch kaum. Und dabei hat das Lied „Was kann dieser Tag ändern“ den Hinterbliebenen so sehr aus der Seele gesprochen, dass sie es zum Mottosong ihres Aktionsbündnisses gemacht haben.

Dein Song „Was kann dieser Tag ändern“ war noch am Tag der schrecklichen Ereignisse auf deiner Myspace-Seite zu hören. Das ist wahnsinnig schnell. Danny Fresh:Ja. Mein Produzent und ich waren bereits gegen 17 Uhr fertig und haben jeweils etwa drei Stunden daran gesessen, bis wir der Meinung waren, den Umständen und dem Thema inhaltlich und musikalisch gerecht geworden zu sein. Was war denn der Grund dafür, sich künstlerisch so zügig mit den Vorfällen auseinanderzusetzen? Für mich war das der einzige Weg, um mich zu sortieren und meine Gedanken zu dem Thema zu äußern. Das war ein Befreiungsschlag für mich selbst. Ich konnte auch nach zwei Stunden keine Nachrichten mehr sehen, weil dort nur die Sensationsgier der Leute befriedigt wurde. Da wurden irgendwann vollkommen abstruse Vergleiche gezogen, merkwürdige Statistiken vorgelegt und dann mit dem Finger auf die üblichen Verdächtigen gezeigt: Gewaltfilme, Killerspiele, Rap-Musik. Umso wichtiger war es mir, etwas Konstruktives zu dem Thema zu sagen – und zwar so zeitnah wie möglich.
Die Medien haben noch am selben Tag eine Verbindung des Amoklaufs zu Rap-Musik hergestellt. Wie hast du die Diskussion darüber wahrgenommen? Für mich was das nichts anderes als verbal ausgedrückte Hilflosigkeit, weil niemand etwas Genaues über die Hintergründe wusste. Aber wild zu mutmaßen und hanebüchene Verknüpfungen herzustellen, hat mit seriösem Journalismus nichts zu tun. Durch diese Verknüpfung ist Rap-Musik einmal mehr in einem sehr negativen Kontext aufgetaucht. Glaubst du, mit deinem Song zu einer Positivierung des HipHop-Begriffs beigetragen zu haben? In den letzten Jahren wurde medial ein sehr einseitiges Bild von Rap und HipHop vermittelt, sodass es nicht ganz einfach ist, die wahrgenommenen Eindrücke vollkommen umzukehren. Umso wichtiger ist es jedoch, auch mal positive Inhalte zu vermitteln. Ich gebe viele Workshops an Schulen und Jugendhäusern, in dessen Zusammenhang es vor allem für Lehrer und Sozialarbeiter eine Bestätigung ist, mit Rap etwas Positives in den Köpfen der Jugendlichen bewirken zu können. Verschiedene Radiosender wollten deinen Song nach den Vorfällen spielen, aber du hast abgelehnt. Wäre das nicht eine gute Möglichkeit gewesen, um mit deinem Song auf massenmedialem Weg ein Bewusstsein abseits der Sensationsgier für das Thema zu schaffen? Ja, vielleicht. Aber die Gefahr, dass jemand das Stück in den falschen Hals bekommt, war mir zu groß. Das Feedback hat mir jedoch gezeigt, dass die Leute den Song auch ohne Mithilfe des Radios zu Gehör bekommen haben. Stattdessen hast du das Lied dem Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden zur Verfügung gestellt. Ja, denn das Stück ist nirgendwo besser aufgehoben als bei diesen Leuten. Ich habe auch mit Hinterblieben gesprochen, die den Song als sehr ausgewogen, einfühlsam und bewegend empfunden haben. Er hat ihnen bei der Trauerbewältigung geholfen. „Was kann dieser Tag ändern“ ist nun der Mottosong des Aktionsbündnisses. Wie findet er denn dort Verwendung? Vor kurzem gab es beispielsweise ein Benefizspiel einer Traditionsmannschaft des VfB Stuttgart, in dessen Rahmen ich den Track performt habe. Außerdem ist ein Benefiz-Sampler geplant, dessen Erlöse dem Aktionsbündnis zugute kommen und auf dem mein Song vertreten sein wird. Siehst du deinen Song als Gegenstück zu einem Track wie dem viel diskutierten „Amokzahltag“ von Kaas (jetzt.de-Interview dazu) oder erkennst du auch Parallelen? Gegenstück würde ich nicht sagen, weil die Stücke aus unterschiedlichen Kontexten heraus entstanden sind. Seine Nummer war bereits vor Winnenden da, meine kam danach – daher lässt sich das schlecht vergleichen. Auch unsere Zielgruppen sind wahrscheinlich andere. Während meine Tracks eher von Erwachsenen gehört werden, besteht sein Publikum vorrangig aus Jugendlichen. Wahrscheinlich wäre es sinnvoll, wenn man den jeweiligen Adressatenkreis mal untereinander tauschen würde, sodass sich die Erwachsenen mal mit seiner Sicht der Dinge auseinandersetzen und die Kids mit dem, was ich dazu zu sagen habe. Kaas selbst hat gesagt, dass es ihm mit seinem Song darum ging, Menschen aus einer schlimmen Lebenssituation herauszuhelfen. Eine ähnliche Intention dürfte auch deinem Stück zugrunde gelegen haben, oder? Mir ging es vorrangig darum, diese Hilflosigkeit in Worte zu packen. Einen Ansatz zu finden, um darauf hinzuweisen, dass man die Inhalte der Berichterstattung und die üblichen Gedanken mal einen Augenblick lang ausblenden sollte, um sich stattdessen einmal mit sich selbst zu beschäftigen. Dass man nicht nur nach Winnenden blickt und wieder bloß denkt, wie schlimm doch die Welt ist, sondern einfach mal schaut, inwiefern das mit einem selbst und seinem eigenen täglichen Leben zu tun hat. Hast du für dich mittlerweile eine Antwort auf die titelgebende Frage gefunden, was dieser Tag ändern kann? Es hat sich wieder einmal gezeigt, wie schnell so ein Thema von der medialen Agenda verschwindet. Aber auch in meinem Song sage ich, dass es nicht darauf ankommt, dass so ein Vorfall zwei Wochen lang omnipräsent ist, sondern dass es langfristig im Kopf behalten wird. Die positivste Veränderung ist daher wohl die, dass die Mitglieder des Aktionsbündnisses dazu beitragen wollen, dass sich ein solcher Vorfall nicht wiederholt. Damit ihre Kinder nicht ganz umsonst gestorben sind.


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6 Kommentare

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Stephan007
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Mag ich Mag ich nicht

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11.08.2009 - 23:21 Uhr
Stephan007

Wenn es mehr politische Meinungsäußerung von deutschen Rappern gäbe, würde ich auch öfters Deutschrap hören. So ist die Musik für mich leider völlig uninteressant. In diesem Sinne: Danke für das Interview.

inselmensch
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Mag ich Mag ich nicht

-2

12.08.2009 - 01:25 Uhr
inselmensch

Politische Meinungen sind in der Unterhaltungsbranche nicht notwendig. Ich halte es für falsch jemandem meine Meinung aufzuzwängen nur weil er einfach von meiner Ansicht in diversen Dingen überzeugt ist.

Eher sollte die Unterhaltung, sprich der deutsche Sprachgesang aufklären statt zu sagen was ist doof und was nicht.

Zum Thema: ich denk da hat einfach jemand seine Chance gerochen indem er zu eine derartig brisanten Thema direkt als erstes einen emotionalen Song schafft... um letztlich den - wenn auch kleinen - Durchbruch zu erreichen.

Stephan007
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Mag ich Mag ich nicht

2

12.08.2009 - 02:23 Uhr
Stephan007

Nett, aber leider am Thema vorbei. Von Aufzwängung kann keine Rede sein und natürlich kann Meinungsäußerung auch Aufklärung sein. Deutschrap war vor 12-17 Jahren eine hochpolitische Angelegenheit und damals die Musik von Türken und Arabern, Deutschen und Kroaten in vielen Teilen Deutschland. Das änderte sich mit der einkehrenden Scheckbuchmentalität. Entertainment gibt es längst genug, mutet den Leuten, vor allem auch den jungen, endlich wieder Themen zu.

bbirke
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Mag ich Mag ich nicht

2

12.08.2009 - 09:52 Uhr
bbirke

An sich vernünftige Kommentare, aber dieses "Aktionsbündnis Winnenden" hetzt ja gerade gegen die "üblichen Verdächtigen", es fordert einen regelrechten Polizeistaat mit einem Wust an Zensur und Verboten! Verbote von "Killerspielen", Internetzensur, inhaltliche Kontrolle über die Berichterstattung zu solchen Taten, das sind Sachen, die in einem freiheitlichen Land nichts verloren haben! Und auch bei Waffen gibt es ja nun sehr intensive Sicherheitsregeln, das muss reichen!

Und wie ich einige Male gelesen habe, sind die Zensurforderungen des Aktionsbündnisses nicht eine Kurzschlussreaktion auf den eigenen Verlust, sondern entspringen einer nachhaltigen Gesinnung.

Ich bin der Meinung, man sollte sich von diesem Aktionsbündnis in Winnenden distanzieren, denn auch der Opferstatus sollte nicht dazu verleiten, Forderungen nach einem Polizeistaat zu unterstützen!

Ich empfehle statt dessen lieber, die Online-Petition an den Bundestag gegen ein Verbot von "Killerspielen" mit zu unterzeichnen:

https://epetitionen.bundestag.de/index.p...

rocket_scientist
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Mag ich Mag ich nicht

0

12.08.2009 - 10:18 Uhr
rocket_scientist

in winnenden da wohnen die spinnenden...(auf schwaebisch) hat mir mal n gebuertiger schwabe gesagt...schon weit vorher..

Tulpenkrieg
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Mag ich Mag ich nicht

0

12.08.2009 - 10:19 Uhr
Tulpenkrieg

bbirke sagte:
An sich vernünftige Kommentare, aber dieses "Aktionsbündnis Winnenden" hetzt ja gerade gegen die "üblichen Verdächtigen", es fordert einen regelrechten Polizeistaat mit einem Wust an Zensur und Verboten! Verbote von "Killerspielen", Internetzensur, inhaltliche Kontrolle über die Berichterstattung zu solchen Taten, das sind Sachen, die in einem freiheitlichen Land nichts verloren haben! Und auch bei Waffen gibt es ja nun sehr intensive Sicherheitsregeln, das muss reichen!

bin voll und ganz auf deiner seite. Finde das interview und danny fresh zwar cool, aber von diesem aktionsbündnis halte ich auch nicht viel.

Und wie ich einige Male gelesen habe, sind die Zensurforderungen des Aktionsbündnisses nicht eine Kurzschlussreaktion auf den eigenen Verlust, sondern entspringen einer nachhaltigen Gesinnung.

Ich bin der Meinung, man sollte sich von diesem Aktionsbündnis in Winnenden distanzieren, denn auch der Opferstatus sollte nicht dazu verleiten, Forderungen nach einem Polizeistaat zu unterstützen!

Ich empfehle statt dessen lieber, die Online-Petition an den Bundestag gegen ein Verbot von "Killerspielen" mit zu unterzeichnen:

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]https://epetitionen.bundestag.de/index.p...


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