16.08.2009 - 18:30 Uhr

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Charlotte Roche: "Manchmal kotze ich über mein eigenes Klischee"

Text: andreas-glas - Fotos: Radio Bremen/Thorsten Jander

Welche Schlüsselqualifikationen sind im Beruf wirklich wichtig? Heute: Charlotte Roche über Anpassungsfähigkeit

Hast du es nie bereut, im Job so kompromisslos zu sein? Nein, denn für mich ist es nur wichtig, privat nicht kompromisslos zu sein. Da muss man großzügiger sein, mal beide Augen zu drücken können. Im Beruf bin ich dagegen gerne konsequent. Sehr konsequent war es allerdings nicht, das Angebot von 3nach9 anzunehmen. Schließlich hattest du ja schon deinen Abschied vom Fernsehen angekündigt. Es war blöd und unüberlegt von mir, dass ich das in einem Interview so dahin gesagt habe. Ich habe damals eben gedacht, dass mir nach "Feuchtgebiete" sowieso niemand mehr einen Job anbieten würde - außer vielleicht als Moderatorin von "Peep". Außerdem war ich sehr froh darüber, dass ich nach dem Erfolg des Buches finanziell nie wieder darauf angewiesen gewesen wäre, mich mit den Fernseh-Arschlöchern rumzuschlagen. Und plötzlich kam der Anruf von 3nach9? Ja, der Produktionsleiter hat mich am Telefon direkt gefragt, ob ich nicht die Co-Moderation von Giovanni di Lorenzo machen möchte. Ich habe einen roten Kopf und Schweißausbrüche gekriegt. Ich hatte plötzlich riesige Angst vor der Herausforderung, aber wie hätte ich dieses Angebot absagen sollen? Das geht doch gar nicht. So ein Platz in einer Talkrunde wird ja lange nicht so oft frei wie die Trainerjobs in der Bundesliga. Giovanni di Lorenzo sagt, du hättest sein Herz erobert, als du Hubertus-Meyer Burckhardt in der NDR Talk Show dein Buch "Feuchtgebiete" als Wichsvorlage empfohlen hast. Passen Roche und di Lorenzo besser zusammen, als viele denken? Giovanni hat mir gleich bei unserem ersten Treffen gesagt, dass ich mich gerne so benehmen darf, wie ich es bisher immer getan habe. Wir hatten ja sozusagen eine Art Casting bei einem Italiener in Hamburg. Es war total ungewohnt, denn wir kannten ja bis dahin nur das professionelle Bild voneinander. Es war wie bei einem Blind Date, so dass ich beinahe das Gefühl hatte, ich betrüge meinen Mann.
Zusammen mit Giovanni di Lorenzo, 50, wird Charlotte Roche demnächst die Talkrunde 3nach9 moderieren. Di Lorenzo ist Chefredakteur der Wochenzeitung "Die Zeit" und führt seit 20 Jahren durch die Sendung Du wolltest den Job ja unbedingt. Hast du dich beim "Blind Date" ein bisschen bei Giovanni di Lorenzo eingeschmeichelt? Klar dachte ich mir: Er darf jetzt bloß nicht denken, dass ich eine blöde Kuh bin! Und natürlich habe ich zu verhindern versucht, dass die Sache noch kippen könnte. Gibt es, außer in solchen Bewerbungsgesprächen, weitere Situationen, in denen du dich deinem Gegenüber anpasst? In Interviews. Bei "Fast Forward" haben wir früher ja nur Leute eingeladen, deren Musik wir toll fanden. Da habe ich nur positive Interviews geführt, das war fast schon schleimig und natürlich unfassbar unkritisch. Aber irgendwie fand ich das auch ganz toll. Es gab aber auch sehr freche Interviews. Du hast Robbie Williams mal gefragt, ob seine eigene Musik zu hören so ist, wie sein eigenes Sperma zu trinken. Im Grunde war das eher eine Notreaktion, weil ich irgendwie das Gefühl hatte, er langweilt sich gerade. In solchen Situationen setzt mein Gehirn aus und ich kann gar nicht erklären, warum ich dann so etwas sage. Aber ich bin schon sehr froh, dass ich mich auf mein Bauchgefühl verlassen kann. Immerhin war Robbie Williams plötzlich hellwach und konnte nicht glauben, dass ich so etwas gerade gesagt habe. Ich hoffe, das klappt bei 3nach9 auch so gut. Allerdings werde ich das Wort "Sperma" nur dann in den Mund nehmen, wenn das Gegenüber das wirklich will. Wenn er das will? Wie muss man das verstehen? Es könnte ja ein total versauter Gast da sein, der es nötig hat. Da wäre es doch gemein, wenn ich darauf nicht eingehen würde. Gibt es Authentizität im Fernsehen überhaupt oder verhält sich dort jeder total angepasst, weil er in der Öffentlichkeit steht? Es mag desillusionierend sein, aber das Medium Fernsehen verbietet ja ein spontanes Gespräch von vorneherein schon. Eine Talksendung wirkt völlig anders als sie tatsächlich ist: Die meisten Fragen werden vorher abgesprochen und der Moderator denkt während einer Antwort des Gastes schon über die nächste Frage nach. Eine authentische Talkrunde könnte es höchstens geben, wenn alle Beteiligten zwei Promille im Blut hätten. Könntest du dir vorstellen, so eine Sendung zu moderieren? (lacht) Nein, denn jeder hat doch charakterliche Hässlichkeiten, die er niemals im Fernsehen zeigen möchte. Abgesehen von der Anpassungsfähigkeit: Welche Eigenschaften braucht man, um im Beruf erfolgreich zu sein? Wenn ich Personalchef wäre, würde ich nur Leute einstellen, die Engagement zeigen. Ob das Engagement authentisch ist oder nicht, ist egal - es gibt schließlich solche Tage, an denen man mal keine große Lust hat. Aber man sollte wenigstens so tun, als hätte man Bock auf den Job. Erfolg im Beruf hat letztlich nämlich immer etwas mit Engagement zu tun. *** Alle bisher veröffentlichten Folgen der Jobkolumne findest du hier.
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