Nachts lasse ich den Rollladen krachen
Wenn ich nachts meinen Rollladen runter lasse, selbst, wenn ich es ganz leise mache, kann ich sicher sein, daß der Nachbar von schräg obendrüber nach meinen im Kopf mitgezählten Worten „einunzwanzig, zweiundzwanzig“ genau fünfmal mit der Faust auf seinen Boden wumpert. Obwohl mein Nachbar von schräg obendrüber selbst zu einer Minderheit zählt, verleumdet er den ausländischen Nachbarn aus der Wohnung neben meiner. Als er mich zu meiner Wohnung gehen sieht, springt er aus seinem frisch eingeparkten Auto und haut mich blöd von der Seite an: „Haben Sie das auch gerochen?!“ „Was?“ „Na diesen Gestank! Dieser ekelhafte Gestank nach verbranntem Essen! Ich konnte drei Tage das Fenster nicht aufmachen!“ „Ich hab nix gerochen und ich hab auch nix gekocht.“ „Hach! Dann war das bestimmt Ihr Nachbar …“ Er hält sich mit zwei Fingern die Nase zu, deutet mit dem Kopf auf die Eingangstür neben meiner Wohnung, verdreht die Augen und ich schließe meine Tür auf. Nachts lasse ich den Rollladen krachen. Mitten in der Woche, 16 Uhr. Auf dem Spielplatz hinter dem Haus ist Hochbetrieb, ich arbeite bei offener Balkontür, als es auf einmal von schräg obendrüber dröhnt: „Verdammte Scheiße! Geht das da draußen vielleicht auch LEISER! Das ist ja wohl das Allerletzte!“ Eine Mutter weist den Choleriker darauf hin, daß ein Spielplatz ein Spielplatz sei, was bedeute, daß es ein Platz sei, an dem gespielt werde und erntet dafür ein „RUHE!“. Zwei Stunden später der nächste Auftritt meines Nachbarn: „Verdammte Elefantenherde da im 3. Stock! RUHE! Sind denn alle verrückt geworden?!“ Mein „Halt endlich die Fresse!“ bleibt unkommentiert. Nachts lasse ich den Rollladen krachen. Ich stehe am Restmüllcontainer und stopfe einen über und über mit Klebeband und blauen Müllsäcken beklebten Karton hinein. Mein Lieblingsnachbar verlässt das Haus, passiert mich, steigt in sein Auto, steigt wieder aus: „Hören Sie, das gehört aber doch in den Papiermüll, Sie!“ „Bist Du Schweinchen Schlau oder was? Da ist überall Plastik dran!“ „Ach …“ „Kümmer Dich doch einfach mal nur um Deinen eigenen Scheiß, Arschloch!“ Er schaut kurz verwirrt, überlegt, ob er es wagen soll, noch einen Mucks von sich zu geben, entscheidet dann zum Glück anders, steigt in sein Auto und braust davon. Und nachts, nachts lasse ich meinen Rollladen krachen.- Ein bisschen Freiheit 25.05.2012
- Der grosse Arztroman: Neukölln Bipolar II 25.05.2012
- 5:40, Hellhellblau 24.05.2012
- Neukölln Bipolar disorder 23.05.2012
- Text schreiben Gruppe gründen 22.05.2012
Alle Kommentare anzeigen
allerdings glaub ich nicht daran dass sich solche leute dauerhaft einschüchtern lassen, da hilft vermutlich nur ignorieren.
mas sagte: Guter Text, gefällt mir.
Wundert mich nicht.
diedrossel sagte:
ich hasse leute, die ihren rolladen krachen lassen. echt.
Aber bei mir machst Du bestimmt ne Ausnahme, oder?
Alle Kommentare anzeigen








0
05.08.2009 - 00:16 Uhr
glyxkex
Rollladenrebell in the night.
klopf klopf klopf klopf klopf... ;)